Frieda – Leseprobe (Sex im Altenheim – ganz normal, oder?)

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Ich möchte mit niemand mehr sprechen. Die Frau, die gesagt hat, sie sei Polizistin, versteht mich nicht. Das war so ein nettes Fräulein. Wieso hätte ich sie erdrosseln sollen? Und dass er es war? Dieser junge Mann? Ausgeschlossen. Sie waren so verliebt. Es geht mich auch gar nichts an. Langsam schiebe ich meinen Rollator über den Flur bis zur Wohnküche. Da sitzen die alten Frauen wie die aufgescheuchten Hühner und gackern. Es gibt zu viele alte Leute hier!

Nein, ich möchte jetzt meine Ruhe.

„Frieda.“ Wer flüstert da meinen Namen? Es ist Helmut. Er hat seinen Kopf aus seiner Zimmertür gestreckt. Er winkt mich zu sich. „Komm her zu mir, meine Liebe“, er öffnet die Tür weiter, damit ich mit dem Rollator in sein Zimmer treten kann. „Meine Liebe“, das hat Johann auch immer gesagt. Helmuts graues Haar ist wie immer ordentlich gescheitelt und er blickt mich aufmerksam mit seinen braunen Augen an.

„Es ist eine Invasion. Ich habe es immer wieder gesagt.“ Vertraulich legt er seinen Arm um meine Schulter. „Jetzt ist es bald vorbei. Sie kommen und werden die Macht ergreifen. Dann sind wir frei.“ Seine Stimme zittert, er ist ganz aufgeregt.

„Ja, es sind viele gekommen. So viele Besucher. Vielleicht hat jemand Geburtstag?“

„Meine Teure“, sagt Helmut feierlich, „jetzt, wo der Moment gekommen ist, sollten wir nicht länger zögern, uns einander hinzugeben, denn wer weiß, ob wir später noch dazu Gelegenheit haben werden.“ Die letzten Worte kann ich kaum verstehen. Sein Gebiss ist verrutscht, und er spricht sehr undeutlich. Er schiebt es schnell wieder in die richtige Position.

„Ich bin verheiratet“, entgegne ich, aber das scheint Helmut nicht abzuhalten. Geschickt knöpft er meine Bluse auf. Ich bin etwas überrascht über diese plötzliche Zärtlichkeit. „Meine Liebe“, sagt er. Das hat Johann auch immer gesagt. Ich denke an Johann und lasse ihn gewähren. Es war schön mit Johann. Es dauert eine Zeitlang, bis wir uns gegenseitig entkleidet haben. Die Stützstrümpfe lassen wir einfach an. Schön ist sein Körper nicht mehr. Faltig und weiß, der Rücken voller Haare. Eine dicke Binde fällt mit der Netzhose auf den Boden. „Du erlaubst doch“, mit diesen Worten nimmt er das Gebiss aus dem Mund und lässt es in ein Wasserglas auf dem Nachttisch fallen. Ich liege auf dem Rücken in seinem Bett, er legt sich auf mich. Er schnauft. Nein, das ist nicht Johann. Während er sich abmüht, sehe ich das Wasser im Glas rhythmisch kleine Wellen schlagen. Das Gebiss schwimmt darin hin und her. Altherrengeruch steigt mir in die Nase.

„Oh, ähhh, Entschuldigung, ich wollte nur …“ Plötzlich steht ein Mann mit Nickelbrille vor dem Bett, mit rotem Kopf.

„Was fällt Ihnen ein?“ Helmut keucht und ist ganz außer Atem. Hastig eilt der Fremde aus dem Zimmer.

„Helmut, was ich dich noch fragen wollte …“, beginne ich, ehe das Bett und das Glas mit dem Gebiss wenig später wieder in Schwingungen geraten, „… wegen dem Fräulein.“ „Fräulein? Meinst du Maria? Man muss das Böse ausmerzen“, er hält kurz inne. Sein Körper ist so schwer. Er keucht verschwitzt: „Du hast nichts gesehen, oder?“ Ich schüttle den Kopf. „Sie war eine sehr dumme Person“, sagt er mit zahnlosem Mund. „Ich habe nichts Unrechtes getan.“ Ich nicke nur und er müht sich weiter auf mir ab, aber so recht will ich nicht in Stimmung kommen. Hoffentlich ist er gleich fertig.

Schwester Andrea war die Erste, der Özkan Yilmas auf der Flucht vor dem eben Gesehenen über den Weg lief. Er nahm seine Brille ab, steckte sie in die Brusttasche seines Hemdes, um sie gleich darauf wieder herauszuziehen und erneut aufzusetzen. „Also wissen Sie, bei Ihnen geht es ja zu …“, japste er verlegen und wich ihrem Blick aus, „… wie in Sodom und Gomorra, würde meine Oma dazu sagen.“

„Wieso?“, fragte Andrea und schaute interessiert auf. Sie war gerade dabei, im Aufenthaltsraum die Medikamente auszuteilen. „Danke, danke, danke!“, rief eine Bewohnerin laut. „Ich wollte einen der alten Herren in seinem Zimmer befragen, und was muss ich mit ansehen? Er treibt es mit einer Frau im Bett. Je oller, je doller, oder wie?“ Wieder nahm er seine Brille ab und steckte sie zurück in seine Brusttasche. Andrea ließ sich ihre Verwunderung nicht anmerken, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen. Sie nahm das kleine Tablett mit den Medikamenten und tat so, als würde sie die kleinen Becher sortieren. „Denken Sie vielleicht, im Alter erlöschen die sexuellen Bedürfnisse?“ Sie ging zum nächsten Tisch und beugte sich zu einer Dame herunter. „Hier sind Ihre Bonbons, Frau Müller“, sagte sie sanft und berührte die Frau leicht am Arm. Die Dame wandte sich ihr zu, lächelte und nahm die Tabletten in den Mund. Andrea reichte ihr ein Glas Wasser und streichelte ihr über den Rücken. „Danke, danke, danke“, rief die andere Frau wieder. Özkan Yilmas sah irritiert zu ihr herüber, wandte sich dann aber wieder Andrea zu: „Es ist noch nicht mal Mittagszeit, Mann, war mir das vielleicht peinlich. Können die Leute nicht wenigstens ihre Tür zusperren, wenn sie bei der Sache sind?“ Eigentlich hielt sich Özkan nicht für besonders verklemmt, aber das Bild des nackten behaarten Hinterns des alten Mannes, dessen massiger Körper auf dem der zierlichen grauhaarigen Dame, kamen ihm immer wieder unangenehm in den Sinn. Er schien sie fast erdrückt zu haben. Nur ihr linkes, in einen espressofarbenen, halterlosen Strumpf gepresstes Bein hatte an der Seite unter ihm herausgeschaut. Özkan Yilmas schüttelte heftig den Kopf, um das Bild aus seiner Erinnerung zu vertreiben. „Hier im Demenzbereich haben die Bewohner keine Schlüssel für ihre Zimmer und können demnach nicht abschließen“, entgegnete Andrea gelassen. „Sind Ihre Befragungen bald beendet? Sie verwirren die Leute doch nur noch mehr. Und wir möchten den Bewohnern jetzt bald das Mittagessen servieren.“ „Ja, ich denke schon.“ Özkan Yilmas wandte sich zum Gehen. „Ich bin wirklich sprachlos. Ich meine, Sie haben schon Recht, sollen die alten Leutchen doch noch ihren Spaß haben, aber trotzdem, dabei zuzusehen ist eine andere Sache.“ „Danke, danke, danke“, unterbrach ihn die Dame am anderen Ende des Aufenthaltszimmers erneut. Kopfschüttelnd verließ er den Raum. Schwester Andrea musste lächeln. Typisch. Wenn es um alte Menschen und Sex ging, wurden alle plötzlich so moralisch. Dass ihre Oldies im Pflegeheim neue Liebschaften begannen, war für die meisten Angehörigen noch halbwegs in Ordnung oder sogar belustigend. Aber wenn sie dann erfuhren, dass die alten Menschen nicht nur Händchen hielten, sondern auch sexuell zusammenfanden, war es mit der Toleranz meist vorbei……

Meike K.- Fehrmann (aus „Frieda – Ein Demenz-Krimi“)