Frau Müller sucht den Sinn des Lebens (Kurzgeschichte von Meike K.- Fehrmann)

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„Du hast keine Depressionen“, sagte Herr Müller forsch zu seiner Frau, „hör endlich auf mit dem Gejammer und bring diesen Saustall in Ordnung“, damit zeigte er auf den Berg schmutziger Wäsche, der sich auf dem Sofa türmte und Ausläufer quer durch das Zimmer gebildet hatte, „heute Abend kommt mein Chef, was soll er denn von uns denken?“ Frau Müller schluchzte. Sie versuchte die Tränen zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht. Schon spürte sie das warme Nass ihre Wange hinunter rinnen. Ihr Mann wandte sich ab, griff hektisch nach seiner Tasche und dem Jackett. Als er die Haustür erreicht hatte, rief er ihr über die Schulter zu: „Ruf Irina an, die hilft dir, wenn du es alleine nicht schaffst.“ Dann fiel die Tür mit einem Donnern ins Schloss.

Zurück blieb Frau Müller im Chaos, das sich bereits über mehrere Wochen ausgebreitet hatte. Angefangen hatte es im Schlafzimmer, war dann über den Flur gewandert und nach Abstechern ins Bad und in die Küche, hatte es schließlich das Wohnzimmer erreicht. Den heiligen Ort ihres Mannes, seine heilige Ausruhcouch, sein heiliger Perserteppich war kaum mehr zu sehen und sogar über seinem heiligen Fernsehapparat hing eine blaue Socke. Frau Müller hatte sie dort hingehängt, für den Fall, dass die zweite Socke irgendwo auftauchen würde, dann hätte sie schnell beide wieder zusammen. Sie blickte sich um, konnte aber durch die Tränen hindurch nur ein verschwommenes Bild aus Farben wahrnehmen. Schließlich wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen und nun sah sie klarer. Auf dem Esstisch stapelte sich ein beachtlicher Berg schmutzigen Geschirrs. Flaschen und leere Müslipackungen hatten es sich auf und unter dem Tisch gemütlich gemacht. Wann hatte sie zuletzt aufgeräumt? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Wie gelähmt stand sie vor dem schier nicht zu bewältigenden Chaos. Entmutigt sank sie auf den Boden, denn ein Stuhl war nicht frei.

Irina anrufen, hatte er gesagt. Sie krabbelte zum Telefontischchen. Nur gut, dass sie kein schnurloses Telefon hatten. Das hätte sie wahrscheinlich nicht wieder gefunden. Stattdessen benutzten sie ein altes schwarzes Telefon mit einer Drehscheibe, für den antiken Charme, wie ihr Mann gesagt hatte. Frau Müller wählte und wartete. „Hallo?“, hörte sie Irinas Stimme. „Hallo, hier ist Lisa“, sagte Frau Müller, „könntest du kommen und mir ein wenig helfen?“ „Natürlich, das ist kein Problem“, antwortete Irina mit ihrem kasachischen Akzent, „soll ich gleich kommen?“ „Ja, wenn’s geht.“ Frau Müller fühlte sich ein wenig erleichtert. Irina war schon des öfteren bei ihr gewesen, um beim Saubermachen zu helfen. Die junge Kasachin war nie vorwurfsvoll gewesen, hatte die Unordnung im Haus nie abfällig kommentiert. Natürlich wusste Frau Müller, dass ihr Mann Irina viel Geld dafür bezahlte. Aber das fand sie vollkommen in Ordnung. Während Frau Müller auf Irina wartete, überlegte sie, wo sie anfangen könnten mit aufräumen. Aber das Chaos schien ihr so erdrückend, dass sie sich nicht entschließen konnte. Sie hatte schon vor Tagen gespürt, dass das Chaos, nachdem es in der gesamten Wohnung um sich gegriffen hatte, nun auch ihre eigene Seele erfasst hatte. Sie konnte ihre eigenen Gedanken kaum mehr ordnen und sie fürchtete, dass irgendwann Leere an die Stelle des Chaos treten könnte. Spätestens dann, wenn alles aufgeräumt war. War die Leere dem Chaos vorzuziehen?, überlegte sie als es an der Tür läutete.

Irina strahlte wie immer. Als sie Frau Müller herzlich in die Arme schloss und an ihren großen Busen drückte, fühlte Frau Müller sich für einen kurzen Moment geborgen. „Lisa, du hast schon wieder geweint. Komm, hier hast du ein Taschentuch“, Irina strich ihr über das Haar, „komm, setzt dich ein bisschen hin und ruh dich aus.“ Damit nahm sie einen ganzen Schwung Kleidung von einem Stuhl. Frau Müller ließ sich auf den Stuhl sinken und starrte resigniert im Zimmer umher. Ihr Kopf tat weh, wie immer wenn sie zu lange geweint hatte. „Ich mach dir erst mal einen Kaffee“, sagte Irina und verschwand in der Küche. Frau Müller hörte sie mit Geschirr klappern. Es würde sie wundern, wenn Irina tatsächlich noch saubere Kaffeetassen fand. Das Geklapper hielt eine ganze Zeit lang an, doch dann ertönten plötzlich die Geräusche der Spülmaschine zeitgleich zum Blubbern der Kaffeemaschine. Irina kann hexen, dachte Frau Müller, sie ist eine Fee, eine gute Fee. „So, der Kaffee ist gleich fertig“, Irina stand mit einem leeren Tablett vor ihr und fing an das Geschirr vom Esstisch darauf zu stapeln. „Mir kommt alles so sinnlos vor“, sagte Frau Müller plötzlich, „jeden Tag stehe ich auf, jeden Tag soll ich dasselbe tun, aufräumen, waschen, putzen. Dann gehe ich schlafen und alles fängt von vorne an“, resigniert schaute sie auf Irina, die gerade benutztes Besteck in einer fettigen Schüssel sammelte.

„Das existenzielle Fragezeichen zwischen Geburt und Tod“, lächelte Irina.

Das Tablett bog sich unter dem Gewicht des Geschirrs, als sie es in die Küche trug. „Existenziell?“, murmelte Frau Müller. „Ja genau. Du hast vergessen, was der Sinn deines Lebens ist“, rief Irina aus der Küche. Frau Müller wusste, dass Irina in Kasachstan irgendetwas studiert hatte, ihr Abschluss in Deutschland aber nie anerkannt worden war. Sie dachte nach und sagte schließlich leise: „Als die Kinder noch im Haus waren, war es anders. Wir haben so viel zusammen gelacht.“ „Ja, ihr habt gelacht, aber du hattest auch viel Ärger mit ihnen oder nicht?“ Frau Müller nickte: „Natürlich, Ärger auch. Aber jetzt habe ich nichts mehr.“ Irina kam zurück. Auf dem Tablett standen die Kaffeekanne und zwei Tassen. Sie nahm drei Pullover von einem anderen Stuhl, ließ sie zu Boden fallen und setzte sich. Dann schenkte sie beiden ein. „Du hast dich all die Jahre vor dir selbst versteckt“, Irina blies in ihren Kaffee. „Habe ich das?“, fragte Frau Müller. „Statt darüber nachzudenken, wer du bist und was du willst, hast du dich immer nur mit anderen beschäftigt.“ „Aber ich liebe meine Kinder“, schluchzte Frau Müller. „Das ist ja auch gut so. Aber jetzt musst du endlich anfangen, dich selbst zu lieben.“ „Ich kann das nicht, schau mich doch an“, entgegnete Frau Müller und fuhr sich dabei durch das strähnige Haar.

„Wann warst du das letzte Mal draußen?“, fragte Irina. „Ich weiß nicht“, antwortete Frau Müller, „Herbert macht die Einkäufe.“ „Ich meine nicht nur zum Einkaufen. Wann warst du das letzte Mal im Wald oder unten am Fluss?“ Frau Müller sah sie ratlos an und nippte an ihrem Kaffee. „Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte Irina, „du nimmst jetzt deinen Mantel und gehst runter an den Fluss, während ich hier ein bisschen aufräume.“ „Ich störe dich“, stellte Frau Müller fest. „Aber nein, du störst mich nicht. Die frische Luft wird dir gut tun, Lisa“, entgegnete Irina bestimmt. Da Frau Müller ihre Stiefel nicht finden konnte, zog sie träge ihre Halbschuhe an. „Hier, nimm den Hut und die Sonnenbrille“, meinte Irina und half ihr in den Mantel. Frau Müller tat, was Irina sagte.

Eigentlich fühlte sie sich nicht danach, raus zu gehen, aber sie war zu schwach um zu widersprechen. Die Sonnenbrille verdeckte die dunklen Ringe unter ihren Augen. Es war ja auch egal, ob sie im Haus oder draußen auf die Leere wartete. Vor der Haustür ließ Frau Müller ihren Blick über den Garten schweifen und stellte überrascht fest, dass die Bäume bereits ihre Blätter abgeworfen hatten. Es war Herbst geworden, ohne dass sie es gemerkt hatte. Die Dahlien waren alle umgeknickt und Laub bedeckte die Einfahrt. Durch die Sonnenbrille kam ihr der nebelige Novembertag noch düsterer vor. Langsam schritt sie den Weg zur Gartenpforte hinunter und hielt sich dann links immer am Zaun entlang auf das kleine Waldstück zu. Sie hatte plötzlich Angst einer der Nachbarn könnte sie sehen und beschleunigte ihre Schritte. In dem kleinen Wäldchen roch es nach feuchter Erde und Laub. Frau Müller sog die Luft tief ein. Der Atem aus ihrem Mund bildete eine kleine Nebelwolke, die sich schnell wieder auflöste, Vorbote des Winters. Der schmale Waldweg war kaum mehr zu sehen, so viele Blätter und Zeige waren heruntergefallen und knackten und ächzten unter Frau Müllers Schuhen. Nach einer Weile hörte sie den Fluss rauschen. Sie trat aus dem Wäldchen und sah die Wassermassen an ihr vorüber brausen. Es musste in letzter Zeit viel geregnet haben, dachte sie, denn der Fluss ist selten so reißend. Sie betrachtete den kleinen Wasserfall. Er war nicht hoch, eigentlich nur eine Stufe im Flussbett. Die Kinder hatten hier früher oft gespielt und Schiffchen aus Holz fahren lassen.

Frau Müller griff nach einem Stock und warf ihn ins Wasser. Die Strömung erfasste ihn sofort und er brauste auf die Kante zu, wurde mit den Wassermassen nach unten gerissen, verschwand für einige Sekunden unter Wasser und tauchte schließlich unten wieder auf, um weiter flussabwärts getragen zu werden. Frau Müller verfolgte die Fahrt des Stocks mit den Augen, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Dann hockte sie sich hin und strich mit der Hand über die Oberfläche der feuchten Steine. Manche waren mit Moos bewachsen, andere waren kantig und glatt. Sie begann die Steine aufeinander zu stapeln. Unten die großen flachen. Auf Knien sammelte sie erst nur die Steine ein, die sie erreichen konnte, ohne ihren Platz zu verlassen. Als sie aber merkte, dass die Steine nicht reichten, erhob sie sich und sammelte in einem größeren Umkreis. Immer wieder musste sie die Steine umschichten, da der Turm einzustürzen drohte. Ihre Hände waren kalt und ihre Finger begannen zu schmerzen, doch schließlich war ihr Werk vollendet. Sie betrachtete den hüfthohen Turm aus Steinen, der wie ein Steinmännchen aussah. So viele Steine, dachte sie, und alle ganz verschieden.

Sie musste plötzlich an ihren Mann denken. Daran, wie verständnislos er immer war, wie er sie demütigte und zurechtwies. Und mit einem mal spürte Frau Müller die Wut in sich. Die Wut auf ihren Mann, der ihr immer vorschrieb, was sie zu tun und zu lassen hatte und die Wut auf ihre Kinder, die einfach ausgezogen waren und sie alleine gelassen hatten und die Wut auf sich selbst, weil sie nichts mit sich anzufangen wusste und sich außerdem alles gefallen ließ. Mit voller Wucht trat Frau Müller gegen das Steinmännchen. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Fuß. Aber sie trat weiter zu, bis kein Stein mehr auf dem anderen lag. Dann nahm sie die größten Steine und schleuderte sie ins Wasser. Es spritzte und sie versanken mit einem dumpfen Klatschen. Frau Müllers Hosen und ihre Schuhe waren schon nass, als sie endlich die Kälte spürte. Sie fühlte sich erschöpft. Aber es war nicht die dumpfe Erschöpfung, die sich für gewöhnlich ihrer bemächtigte, sondern eine lebendige Erschöpfung. Frau Müller wurde mit einem Mal klar, dass sie ein lebendiges Wesen war, das fror und das Schmerzen fühlte.

Die großen Steine lagen nun quer über das Flussbett und Frau Müller bekam Lust, über die Steine zur anderen Seite des Flusses zu balancieren. Sie setzte vorsichtig einen Fuß auf den ersten Stein, dann den anderen Fuß auf den zweiten. Sie schwankte ein wenig und hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Beim nächsten Schritt spülte eine kleine Welle über ihren Schuh und durchtränkte ihren Strumpf nun vollständig. Das Wasser war eisig. Schnell trat sie aufs andere Bein, doch der Stein wackelte und so verlor sie den Halt und rutschte weg. Sie versuchte, den Sturz mit einem Arm im Wasser abzufangen, glitt aber an dem glitschigen Stein ab und fiel seitwärts mit einem lauten Klatschen ins eiskalte Wasser. Die Massen überspülten sie mit lautem Gurgeln für einen kurzen Moment und sie spürte, dass sie sofort bis auf die Haut klatschnass war. Kälte erfasste sie, griff nach jeder Pore. Schnell versuchte sie aufzustehen. Das Wasser war glücklicherweise nicht tief und so schwankte sie zurück zum Ufer, wobei sie nochmals ausglitt und kroch schließlich die schmale Böschung hoch. Der nasse Mantel war schwer und versuchte sie, hinunter zu ziehen. Völlig außer Atem ließ sie sich auf den Rücken fallen und blieb liegen. Der Himmel kam ihr plötzlich so hell vor. Sie musste ihre Augen mit der Hand abschirmen. Ihre Sonnenbrille war weg. Sie hatte sie bei dem Sturz verloren. Ein schwacher Sonnenstrahl bahnte sich den Weg im wolkenverhangenen Himmel zu ihr hinab. Ihr Körper dampfte und tat weh. Sie konnte das Klappern ihrer Zähne nicht unterdrücken und zitterte am ganzen Körper, das Leben hatte sie wieder gefunden. Der ausladende Zweig einer großen Tanne teilte ihre Sicht und plötzlich musste Frau Müller lachen. Sie lachte und lachte, erst leise und dann immer lauter bis ihr Tränen in die Augen stiegen und über die Wangen liefen.

Und plötzlich wurde Lieschen Müller klar, dass das existenzielle Fragezeichen zwischen Geburt und Tod in Wirklichkeit ein Ausrufezeichen war.

Meike K.- Fehrmann