Der kleine grüne Glanzkäfer (Kurzgeschichte von Meike K.- Fehrmann)

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Genau genommen ist es egal, dachte der kleine grüne Glanzkäfer, als er auf den Rücken eines Weibchens kletterte. Sie hatte sich nicht all zu sehr gewehrt, als er sich ihr näherte, nur eine kleine Weile waren sie umeinander getänzelt. Und als er nun unter Gänseblümchen auf ihrem Rücken saß, um seine Gene an die nächste Generation weiterzugeben, überkam ihn das sonderbare Gefühl, dass es eigentlich gar keinen Sinn machte. Natürlich fühlte er sich erleichtert und gut, als er sein wertvolles Erbgut in sie ließ, aber Sinn machte es trotzdem nicht. Denn das Leben ist kurz, dachte der kleine Käfer, und gefährlich. Außerdem, überlegte er weiter, sind wir Glanzkäfer nicht besonders wichtig. Es gibt so wenige von uns, es ändert nichts, ob es uns gibt oder nicht. Aber die Natur, ja die Natur, macht uns zu dem was wir sind. Nichts weiter, als Genverspritzer zur Arterhaltung.

Als der kleine grüne Glanzkäfer seiner selbst gewahr wurde, hatte er das Gefühl, er wäre vom Himmel gefallen. Vielleicht war er direkt aus dem Weltraum geschleudert worden, aus seinem eigenen Universum oder den Gedanken eines geheimnisvollen verrückten Unbekannten und wie ein Meteorit in der Wüste eingeschlagen. Falls man bei seinem Gewicht von einem Einschlag überhaupt sprechen konnte. Der Sand war heiß und verbrannte seine kleinen Füße. Hätte der Käfer fliegen können und sich in die Luft erhoben, hätte er vielleicht bemerkt, dass es gar nicht die Sahara war, in der er gelandet war, sondern bloß der Ostseestrand. Aber so sah er nichts weiter als heiße Sanddünen, die sich um ihn erhoben und bedrohlich über ihm einzustürzen drohten. Der Boden unter ihm vibrierte in dumpfen Rhythmen. Es waren nicht die Herzschläge Mutter Erdes, was für ihn eine logische Erklärung hätte sein können, sondern das Stapfen und Stampfen unzähliger Badegäste. Als er gerade im trockenen heißen Sand zu ersticken drohte, wurde er plötzlich von einer riesigen Hand emporgehoben. Das Gesicht einer jungen Frau erschien vor ihm und ihm wurde ein bisschen übel. Nicht weil die Frau so hässlich war, nein, sie war sogar ausgesprochen hübsch, soweit ein kleiner grüner Käfer das beurteilen konnte, sondern weil sie ihn so schnell in die Höhe hob, dass sich ein seltsames flaues Gefühl in seinem Bauch ausbreitete. „Nein, du bist das!“ rief die Frau überrascht und starrte den kleinen Käfer an. Der Käfer war erstaunt und überlegte, ob sie sich kannten, aber sein Gedächtnis war, was Menschen anging, nicht besonders gut. „Das ist ja unglaublich“, fuhr sie fort, „was machst du denn hier am Strand? Das ist kein guter Ort für dich.“ Dem konnte der kleine grüne Glanzkäfer nur zustimmen. So trug die junge Frau den Käfer bis zur Strandpromenade. Ihre Hand war ein bisschen feucht und angenehm warm. Vor wenigen Tagen hatte sie mit diesen warmen Händen den Rücken eines Mannes gestreichelt. Dann seinen Nacken, später auch seinen Po und seine Beine. Feucht waren sie auch da, allerdings von duftendem Öl und in ihren Haaren hatte sich der Rauch eines Kaminfeuers verfangen. Vor diesem Feuer lagen sie auf einem weichen Schafsfell. Vielmehr lag er auf dem Boden, sie saß mit gespreizten Beinen auf seinem Rücken, berührte seine Wange mit ihren glühenden Lippen. All das nahm der kleine Käfer in einem einzigen Hauch wahr, als sie ihn vor sich hielt, auf einen Strauch Strandrosen setzte und flüsterte: „Pass auf dich auf und wenn du ihn triffst, sag ihm: ich vermisse dich.“ Der flammende Hauch voller Sinnlichkeit verweilte noch einen Augenblick über dem kleinen Käfer. Dann wurde er hinweggeweht von der Sommerbriese und er überlegte verwirrt, wen sie meinte und falls er das überhaupt jemals erfahren sollte, wie er ihm dann ausrichten konnte, dass er vermisst wurde, denn schließlich hatte er sich schon vor langer Zeit abgewöhnt mit Menschen zu sprechen. Und von wem wurde er vermisst? Er wusste ja nicht ihren Namen. Ach Herrje, das war alles zu kompliziert.

Zur selben Zeit, landete das Käferweibchen auf der anderen Seite der Erdhalbkugel. Sie fühlte sich ein wenig frustriert, hatte sie sich doch schon wieder von einem dahergelaufenen Käfermännchen besteigen lassen müssen, nur weil es ihrer Natur entsprach. Eigentlich hatte sie mit der Familienplanung längst abgeschlossen, aber nun gut. Es war so gekommen, wie es kommen musste. Wie es immer war. Das Männchen war plötzlich aufgetaucht und längst wieder verschwunden. Es lohnte sich nicht, daran einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Mit derselben Wucht wie das Käfermännchen, fand sich das Weibchen in der Realität vor, die ihr grausam dunkel vorkam. Die Dunkelheit war allumfassend. Wohin sie sich auch drehte, überall nur schwarzes Nichts. Das muss das Ende der Welt sein, überlegte sie hoffnungsvoll. Aber nein, dort leuchtete ein sanfter Schein. Sie krabbelte in diese Richtung, angezogen vom wärmenden und knisternden Punkt, der sich als ein kleines Lagerfeuer entpuppte, an dem ein Mann saß. Wie schade, dachte das kleine grüne Glanzkäferweibchen, es gibt die Welt also doch noch und ich bin mitten drin. Melancholisch starrte sie in die Flammen, aber es wollte ihr nicht so recht warm ums Herz werden. Da beugte sich der Mann zu ihr herunter, betrachtete sie genau und sagte verwundert zu sich selbst: „Ein grüner Glanzkäfer? Hier und auch noch mitten in der Nacht?“ Er hielt dem Käferweibchen seine Hand hin und sie krabbelte hinauf, weil sie gerade nichts besseres vorhatte und hoffte, der Mann würde sie vielleicht zwischen seinen großen Fingern zerdrücken oder sie in die Flammen werfen. Denn dann, so dachte sie, wäre sie erlöst von dem quälenden Verlangen, sich fortzupflanzen. Und genaugenommen, sinnierte sie weiter, machte das Leben doch sowieso keinen Sinn. Es war grausam und unberechenbar. Aber nichts von all dem geschah, sondern der Mann hob das Käferweibchen dicht vor sein Gesicht, um sie im flackernden Schein besser betrachten zu können. Seine Lippen waren weich und er leckte mit seiner Zunge über sie, bis sie im Feuerschein feucht glänzten. Vor wenigen Tagen hatten diese Lippen eine junge Frau am anderen Ende der Welt geküsst. Sie hatten zusammen in der Sauna gesessen. Jeder Aufguss peitschte das Blut in ihre Gesichter, bis ihre Köpfe glühten und sich aus jeder Pore ihrer Körper Schweiß ergoss. Vor Hitze benommen hatten sie ihre Leiber aneinander gerieben und seine Lippen hatten ihre salzige Haut geschmeckt. Seine Zunge hatte sich den Weg tief in sie hinein gebahnt und nun, da er das grüne Glanzkäferweibchen auf seiner Hand hielt, vermisste er sie fürchterlich. All diese Leidenschaft, gebündelt in einem kurzen Moment der Erinnerung, nahm das Käferweibchen auf und ein leichtes Zittern durchlief ihren kleinen Körper. Nach einer Weile setzte der Mann den Käfer in das Gras, kuschelte sich in seinen molligen Daunenschlafsack und schlief ein.

Das grüne Käfermännchen hatte sich unterdessen einen sonnigen Platz an der Steilküste gesucht. Windgeschützt kauerte er auf dem Boden und ließ seinen Blick über das Meer schweifen. Ein Weibchen müsste man jetzt haben, dachte er. Und weil in diesem Moment das Käferweibchen am erloschenen Lagerfeuer auf den noch erwärmten Holzscheiten hockte und ebenfalls an ein Käfermännchen dachte, wurden sie beide wieder vom Universum aufgesogen, herumgewirbelt in den Gedanken eines verrückten Unbekannten und zurück auf ihre Wiese gespuckt. Ihrer selbst beraubt, der Realität entzogen trafen sie aufeinander. Voll des aufgenommenen Verlangens zweier fremder Menschen, liebten sie sich unter dem Sauerampfer. Und dieses Mal ist es keine bloße Arterhaltung, dachten sie beide, denn wir haben warme Haut und feuchte Lippen voller Leidenschaft gespürt. Wir kennen das Gefühl, wenn glühende Leiber aneinander reiben, wenn sich die Seelen zweier Menschen ineinander ergießen. Und wir wissen was es bedeutet, einen anderen zu vermissen.

Meike K.- Fehrmann

Glanzkäfer_Sex