Frieda wird von Hauptkommissar Georg Maindl verhört (Auszug aus „Frieda – Ein Demenz-Krimi“)

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Das Zimmer war lichtdurchflutet und Maindl ging an der geöffneten Badezimmertür vorbei. Frieda Stern saß auf ihrem Bett. Sie versuchte aufzustehen, als sie den fremden Mann in ihrem Zimmer erblickte, hatte aber Mühe damit, weil das Bett viel zu hoch war. „Frau Stern, bleiben Sie ruhig sitzen“, sagte Maindl und lächelte sie vertrauenerweckend an, „mein Name ist Maindl Georg, i bin von da Polizei.“ „Oh, von der Polizei“, sagte die alte Dame überrascht und griff nach der langen Perlenkette, die sie um den Hals trug, „das freut mich aber. Habe ich etwas angestellt?“ Dabei blinzelte sie Maindl schalkhaft zu. „I glab ned“, sagte Maindl, „oder was meinen Sie?“ Frieda Stern begann an ihrem geblümten Kleid zu zupfen und rutschte nervös auf der Wolldecke hin und her. Sie sah den Hauptkommissar verunsichert an. Ihre langen grauen Haare trug sie zu einem Dutt hochgesteckt. Schließlich strich sie den Stoff ihres Rockes über ihren Oberschenkeln glatt und sagte: „Wären Sie so nett, mir aufzuhelfen?“ Das Bett was so weit nach oben gefahren worden, dass sie mit den Füßen nicht den Boden berühren konnte. „Freilich“, Maindl reichte ihr seinen Arm, weil er nicht wusste, wie man das Pflegebett niedriger fahren konnte. Sie ließ sich hinuntergleiten, schlüpfte in ihre zitronengelben Hausschuhe und richtete sich schwerfällig auf. Er führte sie behutsam zum Tisch, dort setzten sie sich einander gegenüber. Sie betrachtete ihn aufmerksam und fragte schließlich: „Also, was kann ich für Sie tun?“ Vor mir sitzt dieser merkwürdige Mann. Ein wahrer Riese, aber nicht ein einziges Haar auf dem Kopf. Und er spricht so anders. Aber der Dialekt kommt mir bekannt vor. „Wer sagten Sie gleich sind Sie?“, frage ich nach. „Mein Name ist Maindl. Ich bin von der Polizei.“ Ach, ein Polizist? „Und wo kommen Sie her? Sie sind doch aus Bayern, oder?“, bohre ich weiter. „Ja, des losst sich ned leugnen“, er lächelt mich an, „ich komme aus dem Chiemgau.“ Er hat blendendweiße gerade Zähne und seine Wangen sind ganz glatt rasiert. „Oh, im Chiemgau bin ich noch nie gewesen, aber dafür am Bodensee. Waren Sie schon mal am Bodensee? Dort ist es reizend. Das Wasser ist wunderbar klar zum Baden. Ich fahre bald wieder hin. Mit meinem Sohn. Kennen Sie meinen Sohn?“ Er lächelt wieder und nickt. Das ist gut. Ein Bekannter von Eberhardt also. „Ja, i war wirklich scho oft am Bodensee, obwoi i´s mim Schwimma ned so hob.“ Das habe ich jetzt nicht ganz verstanden. Kann er nicht schwimmen? Ein so gut gebauter junger Mann? Ich versuche ihn zu trösten: „Ich selbst bin auch nie eine große Schwimmerin gewesen. Ich hätte mich damals beinahe an meiner eigenen Zunge verschluckt“, erzähle ich ihm, „das war in der Ostsee. Da wäre ich fast ertrunken. Aber man muss ja nicht unbedingt baden gehen. Eine Schiffspartie hat auch ihren Reiz.“ Er nickt. Sein Blick ist ganz ruhig und aufmerksam, seine riesigen Hände ruhen auf der Zeitung, die auf dem Tisch liegt. Er hat die Finger ineinander verschränkt. Eigentlich ein hübscher Mann, wenn nur diese Glatze nicht wäre. Johann hatte auch eine Glatze. Er hat darunter immer sehr gelitten. „Bockshornsamen, das kann ich Ihnen wirklich empfehlen.“ Er sieht mich überrascht an. „Sie nehmen zwei Esslöffel davon, übergießen sie mit kochendem Wasser und lassen den Sud dann ein Weilchen stehen.“ Seine Augenbrauen sind recht buschig und er hat lange schöne Wimpern. Wie die Wimpern einer Frau. „Und was mache ich dann damit?“, fragt er mich interessiert. „Nun, Sie streichen es sich auf den Kopf. Morgens und abends. Lassen Sie sich am besten von Ihrer Frau dabei helfen.“ Ich streiche über mein eigenes, noch immer volles Haar. Er sieht nun etwas verlegen aus. „Sie müssen sich nicht schämen“, versuche ich ihn aufzumuntern und beuge mich zu ihm vor, „viele Männer haben dieses Problem, das muss Ihnen nicht peinlich sein“, und leise füge ich hinzu, „früher hat man ja geglaubt, dass Männer ohne Haare nicht so recht kraftvoll sind. Sie wissen schon“, ich deute mit dem Zeigefinger in Richtung seines Schrittes, „aber da kann ich Sie beruhigen. Mein Johann zumindest …“ „Entschuldigen Sie, Frau Stern, wenn ich Sie unterbreche“, fällt er mir ins Wort, „ich weiß Ihren Tipp wirklich zu schätzen und werde das ganz sicher ausprobieren, vielen Dank dafür.“ „Aber gerne doch, junger Mann“, sage ich und greife über den Tisch nach seinen Händen. Ich tätschele sie kurz und lehne mich dann bequem in meinem Stuhl zurück. Es ist schön, Besuch zu haben und ein bisschen zu plaudern. „Weswegen ich eigentlich gekommen bin, ist der Vorfall in Ihrem Badezimmer.“ Er sieht mich an und es entsteht eine kurze Pause. Schließlich fährt er fort: „Sie wissen schon, man hat eine junge Frau in Ihrem Bad tot aufgefunden.“ „Ja natürlich. Ich bin noch ganz durcheinander deswegen. Das war so ein nettes Fräulein.“ „Ein Fräulein? Ja, gut … ein Fräulein. Sie erinnern sich also?“ Was soll die Frage? Denkt er, ich bin senil? „Natürlich erinnere ich mich“, sage ich beleidigt. „Ja natürlich, das habe ich auch nicht anders erwartet“, sagt er. Na also. „Können Sie mir sagen, was gestern Morgen passiert ist?“ „Gestern Morgen?“ Ich bin nicht sicher, worauf er hinauswill. Ist gestern Morgen irgendetwas Besonderes vorgefallen? „Das Fräulein hat Ihr Badezimmer benutzt.“ „Ach ja, natürlich. Das ist wohl verboten?“, frage ich ihn und er nickt. „Und jetzt wollen Sie mich deswegen verhaften?“ „Nein, nein.“ Er löst nun seine Hände und fährt mit ihnen über die Zeitung. „Da bin ich aber beruhigt.“ Das hätte mir gerade noch gefehlt. „War außer dem Fräulein noch jemand bei Ihnen im Zimmer?“ „Hier kommen dauernd Leute rein und gehen wieder. Manchmal fühle ich mich wie auf dem Bahnhof.“ Das ist wahr, man kann nie für sich sein. Sehr wenig Privatsphäre in diesem Hotel. „Ich meine, gestern Morgen. Haben Sie da außer dem Fräulein noch jemanden gesehen?“ „Niemanden, außer Helmut natürlich.“ „Helmut Reichmann?“, fragt er und scheint jetzt ganz hellhörig. „Ja, aber erzählen Sie davon nichts meinem Sohn. Er wird das nicht mögen und ich bin eine anständige Frau.“ „Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel“, sagt er aufrichtig. Ein wirklich höflicher Mann und so ein guter Zuhörer. „Helmut und ich treffen uns manchmal, aber nicht oft. Also mein Johann ist im Moment nicht da und mit Helmut, das ist nicht so, wie Sie denken“, rede ich weiter und verhaspele mich dabei ein wenig. Er nickt nur verständnisvoll und sieht mich unter seinen langen Wimpern an. „Frau Stern, wär moan i besser, wenns in der näxten Zeit dem Helmut aus dem Weg gehen.“ Also dieser Dialekt ist doch schwierig zu verstehen. Dann wiederholt er: „Ich meine, Sie sollten sich mit dem Reichmann Helmut in nächster Zeit nicht treffen.“ Das hatte ich auch schon manchmal gedacht. Vielleicht hat der junge Mann Recht. „Zwengs an Johann.“ „Ja natürlich, das stimmt, er kommt sicher bald.“ Ich schaue zur Zimmertür hinüber. Aber Johann tritt nicht ein. „Des mechat da Johann sicher ned. Er weiß natürlich, dass Sie eine anständige Frau sind, aber Männer können manchmal sehr eifersüchtig sein.“ Nun steht er von seinem Stuhl auf und lächelt mich freundlich an. „Dafür gibt es gar keinen Anlass“, erwidere ich schnell. „I muass jetz leider packen“, sagt er und ist in seiner vollen Größe doch eine imposante Erscheinung. Wenn nur die Glatze nicht wäre. Bockshornsamen, die haben meinem Johann auch geholfen. Was muss er packen? „Bleiben Sie ruhig sitzen, ich finde den Weg schon hinaus.“ Er reicht mir seine Hand und wünscht mir noch einen schönen Tag. Als er die Tür hinter sich zuzieht, fühle ich mich plötzlich sehr alleine. Es ist so still in meinem Zimmer. Ich schalte das Radio ein, aber es rauscht nur laut. Jemand muss den Sender verstellt haben, also drehe ich es wieder aus. Wenn nur mein Johann endlich kommen würde. Aber in diesem Moment habe ich das Gefühl, dass er vielleicht nie wieder zu mir zurückkommen wird.

Meike K.- Fehrmann