Die Höhle

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Matthias hatte sie immer gehasst, die Dunkelheit und die Enge. Schon als kleiner Junge war er nur ungern in den Keller gegangen, um für seine Mutter Kartoffeln hoch zu holen. Die Beleuchtung auf der Kellertreppe war nur spärlich und in dem kleinen Verschlag, in dem die Kartoffeln gelagert wurden, war es stockfinster. Wenn er die Kartoffeln hektisch in den Topf gesammelt hatte, war er immer die Treppe hoch gerannt, stets mit dem Gefühl im Nacken, etwas könnte ihn verfolgen, ihn nach unten ziehen oder beißen. Und nun hatte er Maria kennen gelernt. Maria mit den langen braunen Haaren und den Mandelaugen. Sie liebte die Natur. Das tat er auch. Sie liebte die Wälder, Wiesen und Haine. Das tat er auch. Und sie liebte die zahlreichen Höhlen mit den unterirdischen Gängen. Das tat er nicht. Dennoch steckte er seufzend seine Taschenlampe in die Jackentasche, zog die Trekkingstiefel an und nahm den Rucksack. Er hatte Maria versprochen mit ihr in die Höhle hinter der Eisenbahnstrecke zu steigen. Dass er eigentlich nichts für Höhlen übrig hatte, ja sogar sich im Dunkeln fürchtete, hatte er ihr natürlich nicht gesagt. Ein erwachsener Mann, der ein Problem damit hatte, eine Höhle zu erforschen? Lächerlich. Das hätte er Maria gegenüber nie zugeben können. Aber so lange kannten sie sich ja auch noch nicht. Bestimmt hätte sie ihn ausgelacht. Und wenn sie schon nicht laut gelacht hätte, so hätte sie ihn doch zumindest für einen Feigling gehalten.

Die beiden fuhren gemeinsam zum Parkplatz. Es hatte zu nieseln angefangen und sie spannte einen roten Regenschirm auf. Zur Begrüßung gab Matthias ihr einen Kuss auf die Wange. Ihre Haut war kalt und die Haare klebten ein wenig feucht an ihrer Stirn. Sie lächelte ihn an. „Ich freue mich schon den ganzen Morgen auf unseren Ausflug“, gestand sie, „ich war schon ewig nicht mehr in einer Höhle. Als Kinder haben wir oft hier gespielt, sind in den Gängen herumgeirrt, aber jetzt schon viele Jahre nicht mehr.“ Sie hörte sich tatsächlich an, wie ein aufgeregtes Kind, das die Vorfreude kaum mehr aushalten konnte. Matthias mochte ihre Fröhlichkeit und ihre Warmherzigkeit. Sie hatte sich tatsächlich das Kindliche bewahrt, das er schon vor vielen Jahren abgelegt hatte. Arm in Arm spazierten sie über die Wiese und erreichten schließlich den felsigen Wald, der sich vor ihnen erhob. Ein Berg voller Felsspalten und Gesteinsbrocken. In der Ferne donnerte ein ICE über die Trasse. Die Buchen standen in sattem grün und krallten ihre Wurzeln in dem steinigen Boden fest. „Dort oben liegt der Eingang“, Maria zeigte eine größere Erhebung hinauf, „er ist versteckt, hinter den Kiefern.“ Sie kraxelten den Hügel hoch, es gab keinen richtigen Weg, also mussten sie das letzte Stück querfeldein gehen. Als sie am Eingang der Höhle ankamen, sahen sie die Bretter. Der Zugang war versperrt worden und eine Warntafel war auf die Bretter genagelt worden: Zutritt verboten – Lebensgefahr. Matthias spürte Erleichterung. „Schade“, sagte er, „dann machen wir eben etwas anderes.“ Er wollte sich gerade umdrehen, um den Weg zurück zu gehen, als Maria ihn am Arm festhielt: „Die Bretter werden wir schon aufkriegen, lass uns erst mal gucken.“ Damit war sie an die Latten getreten und rüttelte an ihnen: „Das dürfte kein Problem sein, die kriegen wir auf jeden Fall auf. Komm, hilf mir mal.“ Matthias war nicht begeistert, wollte sich aber keine Blöße geben und begann ebenfalls, wenn auch nur halbherzig, an einem Brett zu ziehen. Zu seiner Überraschung saß es tatsächlich nicht sehr fest. Nur ein rostiger Nagel, hielt es noch an dem schmalen Holzrahmen. „Mensch, das ist ja echt einfach“, jubelte Maria, „los, wir ziehen zusammen.“ Im Handumdrehen gab die erste Latte nach und dann auch die zweite. „Das reicht, da kommen wir zwei Schlanken problemlos durch“, lächelte Maria und war schon drauf und dran in das Loch zu steigen. „Das ist bestimmt keine gute Idee“, gab Matthias zu bedenken, „die haben das Schild sicher nicht umsonst aufgehängt.“ „Hast du etwa Angst?“, fragte Maria. Ohne seine Antwort abzuwarten, war sie bereits über die Latten geklettert und verschwand in der Dunkelheit. „Maria!“, rief Matthias lauter als er eigentlich wollte. „Was ist?“, hörte er ihre vertraute Stimme nur einen Meter vor sich, „warum schreist du so?“ „Ich schreie nicht“, entgegnete Matthias, den allmählich Panik ergriff beim Anblick des dunklen Eingangs. „Jetzt komm schon oder willst du ewig im Nieselregen stehen?“ Matthias hätte lieber im Nieselregen, ja sogar lieber in strömendem Regen gestanden, statt diese Höhle zu betreten. Schweren Herzens stieg er über die schief hängenden Bretter und stand sofort im Dunkeln. Die Dunkelheit in Höhlen hat so eine entsetzliche Art, alles Licht sofort zu absorbieren, schoss es ihm durch den Kopf. Nirgends gibt es eine so vollkommene Schwärze wie in Höhlen. Die Kühle und ein leicht modriger Geruch umgaben ihn. Da sah er das Licht von Marias Taschenlampe aufblitzen. Sie warf nur einen schmalen Lichtkegel, aber dennoch gab sie ihm ein wenig Sicherheit. Auch er tastete nun nach seiner Taschenlampe und schaltete sie ein. Maria stand ein paar Schritte vor ihm und leuchtete die Decke der Höhle ab. Die Felsvorsprünge und Unebenheiten warfen lange Schatten. An manchen Stellen waren die Felsen feucht. Matthias spürte wie sein Herz schneller schlug. Nichts war zu hören, rein gar nichts, außer irgendwo entfernt ein paar Wassertropfen, die Dumpf auf einen Stein klopften, immer im selben Rhythmus. „Diese Stille ist schon toll oder?“, fragte Maria so als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Na ja“, entgegnete Matthias, „geht so. Jetzt haben wir alles gesehen, komm lass uns wieder gehen.“ Er wandte sich um und sah den Höhleneingang. Die Umrisse der Bretter und Felsen grenzten sich scharf vom grauen Himmel ab. „Was? Gehen? Wir sind doch gerade erst gekommen“, Maria ging langsam weiter, „schau mal, ich glaub dahinten geht ein Gang rein.“ Damit kletterte sie über einen großen Felsbrocken und Matthias sah ihren Lichtstrahl sich weiter entfernen. „Mensch, bleib hier“, rief er ihr nach, „das ist gefährlich. Da können Steine runter fallen oder sonst was.“ „Sonst was?“, fragte Maria höhnisch, „was soll in so einer Höhle schon Gefährliches sein? Das Schlimmste was passieren kann ist, dass wir uns verlaufen. Und das wird nicht passieren. Wir gehen ja nicht weit rein. Und jetzt komm, du Angsthase.“ Das hatte gesessen. „Ich bin kein Angsthase“, erwiderte Matthias widerwillig und versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen, „ich bin nur vorsichtig.“ Plötzlich sah er Marias Lichtstrahl nicht mehr. „Maria?“, fragte er. Keine Antwort. Er leuchtet in die Richtung, in der er Maria eben noch gesehen hatte. Wieder rief er: „Maria? Mensch, mach kein Quatsch, das ist nicht lustig.“ Er spürte, wie sich sein Nacken verkrampfte und lauschte. Nichts, absolut nichts war zu hören. Gerade als er über den Felsenbrocken geklettert war und der Lichtstrahl seiner Taschenlampe hektisch über die Felswände tanzte, kam Maria mit einem Mal vorgesprungen, packte ihn von hinten und rief laut: „Hab ich dich!“ Matthias Herz schien für einen Moment auszusetzen, bevor es anfing wie verrückt zu rasen. Vor Schreck entfuhr ihm ein spitzer Schrei, was Maria nur noch mehr zum Lachen brachte. „Du bist doch ein Angsthase“, stellte sie fest. „Hast du sie noch alle?“, schrie er aufgebracht, „mach das ja nicht noch mal!“ Matthias war wütend. Er konnte Marias Gesicht in der Dunkelheit nicht sehen, als sie ihm einen Kuss auf das Kinn drückte. Sie kicherte noch immer, als sie ihre Taschenlampe wieder einschaltete. „Wir können ja gleich wieder raus gehen. Ich will nur mal schauen, wie weit der Gang reicht“, versuchte sie zu beschwichtigen, „komm, sei kein Spielverderber. Das dauert nicht lang. Wir gehen nur ein paar Meter.“ Mit diesen Worten nahm sie Matthias Hand und führte ihn auf ein dunkles Loch in der Wand zu. Ihre Taschenlampen vermochten die Finsternis kaum zu durchdringen. Sie mussten vorsichtig gehen, überall auf dem Boden lagen größere Steine und Geröll. Matthias hörte nur seinen und Marias Atem. Bei jedem Schritt gaben seine Schuhe ein leises Quietschen von sich, das ihm vorher noch nie aufgefallen war. Marias Jacke raschelte kaum hörbar, wenn sie ihre Arme bewegte. „Der Gang ist viel zu eng“, stellte Matthias fest, „da passe ich überhaupt nicht rein.“ „Aber ich“, damit bückte sich Maria und kroch in das Loch, „komm schon, wenn du dich ein bisschen klein machst, passt du auch rein.“ Matthias seufzte. Er hatte wirklich genug von dieser Höhlenexkursion. Viel lieber würde er jetzt mit Maria auf seinem Sofa sitzen und irgendeinen Film anschauen. „Das kannst du vergessen“, rief er ihr nach, „ich warte hier.“ „Ist gut, aber dann verpasst du vielleicht das Beste. Gib mir nur fünf Minuten“, antwortete sie ihm fröhlich. Der Gang war so schmal, dass er Marias Licht kaum mehr sehen konnte. Ihr Körper warf einen langen gespenstischen Schatten auf ihn. Matthias lehnte sich gegen die Felswand und versuchte tief ein und aus zu atmen. Noch immer spürte er Unbehagen. Alle seine Sinne waren geschärft. Der Eingang der Höhle war nicht mehr zu sehen, aber er wusste, dass er nur wenige Meter hinter ihm lag. Jetzt hörte er auch von Maria nichts mehr. Er wartete und blickte auf seine Uhr: 17:22 Uhr. Es waren noch ein paar Stunden bis Sonnenuntergang, obwohl es in der Höhle keinen Unterschied machte, welche Tageszeit war, beruhigte es ihn. Die Minuten schienen zu schleichen. 17:23 Uhr, 17:24 Uhr, 17:25 Uhr. Schließlich waren fünf Minuten um. Von Maria war nichts zu sehen oder zu hören. Aber weil Matthias auf keinen Fall wieder den Eindruck erwecken wollte, hysterisch zu sein, wartete er fünf weitere Minuten. Immer wieder leuchtete er in den Gang, der aber weiter hinten eine Kurve machen musste. Er konnte nichts von Maria entdecken. Er spürte, wie erneut Ärger in ihm aufstieg. Sollte er einfach gehen und Maria alleine lassen? Wenn sie schon so heldenhaft tat, würde es ihr nur recht geschehen. Dann könnte sie sich auch mal Sorgen um ihn machen. Aber nein, das konnte er nicht tun. Er konnte sie nicht einfach zurück lassen. Schließlich war sie doch die Frau, mit der er zusammen sein wollte. Schweren Herzens kroch er schließlich selbst in den Tunnel. Schon nach wenigen Metern musste er die Taschenlampe in den Mund nehmen, um sich mit den Händen vorzutasten. Es wurde immer enger. Jetzt nur nicht panisch werden, versuchte er sich selbst Mut zuzusprechen, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass es nicht mehr möglich war, sich umzudrehen. Wollte er wieder zurück, musste er rückwärts kriechen, zum Umdrehen reichte der Platz nicht. Seine Jacke schabte an der Felswand entlang. Nein, ich schaff das nicht, schoss es ihm durch den Kopf, ich schaff das einfach nicht. Grade als er sich entschlossen hatte zu versuchen, rückwärts zu rutschen, durchschnitt ein gellender Schrei die Stille. War das Maria? Der Schrei hielt an, laut und durchdringend hallte er durch den engen Gang, bohrte sich in sein Trommelfell. „Maria?“, der Schrei schwoll an, wurde zu einem heiseren Krächzen. Für wenige Sekunden war es plötzlich wieder still, dann begann es von neuem. „Maria?“, er kroch weiter, stieß sich die Ellenbogen an den Felswänden wund. „Matt, hier, Matt!“, hörte er sie kreischen. Ihre Stimme klang außer Kontrolle, sie konnte nicht mehr weit sein. Im fahlen Schein seiner Lampe, sah er endlich ihre Beine und ihren Po. Er griff nach ihrer Wade: „Maria, hier bin ich, was ist denn los?“ Er hörte sie schluchzen, „Matt, hier ist irgendwas. Jemand hat mich angehaucht, mir an den Haaren gezogen.“ Sie versuchte sich umzudrehen. Da sie kleiner war als er gelang es ihr mühsam. Er sah ihre Tränen, ihr ganzes Gesicht sah verquollen und gerötet aus. „Du blutest“, bemerkte er und strich ihr über die Stirn. „Ich habe mich gestoßen. Matt, wir müssen hier raus. Ganz schnell, ich hab solche Angst. Da ist irgendwer“, raunte sie erneut. „O.k., ganz ruhig. Hier kann niemand sein“, versuchte Matthias sie zu beruhigen, aber seine Stimme klang seltsam hoch, „das hast du dir bestimmt nur eingebildet. Wo ist deine Taschenlampe?“ Maria versuchte hinter sich zu tasten. „Ich muss sie verloren haben“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme, „ich habe solche Angst.“ Sie versuchte Matthias zu umarmen, aber in der Enge schaffte sie es nur, eine Hand an seinen Hals zu legen. „Also gut“, er versuchte ruhig zu bleiben, „ich krieche jetzt rückwärts, wir bleiben ganz nah beieinander.“ „Ja“, schluchzte Maria. Langsam setzten sie sich in Bewegung. „Nein! Loslassen!“, schrie Maria plötzlich und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, „nicht! Hilfe!“ Sie begann zu strampeln und mit den Armen zu rudern. „Was ist los?“, fragte Matthias geschockt. Aber all ihr Strampeln nützte nichts, sie wurde von Matthias weggezogen. Ihre Hände fanden keinen Halt an den glitschigen Felsen. Matthias griff nach ihren Armen, versuchte sie festzuhalten. „Wer ist da?“, schrie er, „loslassen!“ Aber stattdessen entfernte sich die weinende und wimmernde Maria immer weiter von ihm. Ihre Augen waren weit aufgerissen vor Panik, sie schrie: „Nein! Nicht! Matt! Hilf mir! Jemand zieht an meinen Beinen!“ Er konnte ihre Hände nicht mehr erreichen, versuchte ihr entgegen zu robben, aber sie wurde immer schneller in die Dunkelheit gezogen, dann begann seine Taschenlampe zu flackern und erlosch plötzlich ganz. Nein, das kann nicht sein. Die Batterien waren ganz neu, schoss es ihm durch den Kopf. „Maria!“, rief er erneut. Das schleifende Geräusch ihres Körpers auf den Felsen wurde immer leiser und auch ihre Stimme hallte inzwischen von weit weg. Mit einem Mal hörte Matthias ein höhnisches Kichern ganz in seiner Nähe. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Hier konnte niemand sein. In dieser Enge, das war vollkommen ausgeschlossen. Er musste an seinen Ruchsack kommen, er hatte sich extra Ersatzbatterien eingesteckt. „Wer ist da?“, rief er wieder und er erschrak selbst über das Zittern in seiner Stimme. Dann war es totenstill. Matthias war allein mit seinem schnellen Atem, seinem hektischen Herzschlag und seiner Angst, die sein Gehirn fast zum platzen brachte. Ich muss hier raus, dachte er, ich muss hier raus und Hilfe holen. Er versuchte so schnell er konnte weiter rückwärts zu kriechen in der ständigen Angst, jemand könnte auch nach seinen Füßen greifen. Endlich erreichten seine Füße das Ende des Ganges. Er musste nun in der Eingangsgrotte sein. Wenn er sich recht erinnerte, waren es nur wenige Schritte bis zu dem großen Felsbrocken, dann müsste er eigentlich den Ausgang sehen. Er tastete sich zitternd vorwärts, bis er die kalte und nasse Oberfläche des Felsens erspürte. Er kletterte auf den Felsen, ohne an die Ersatzbatterien in seinem Rucksack zu denken. Raus hier, nur raus hier. Da spürte er plötzlich einen Blick im Rücken. Jemand war da und beobachtete ihn. Jemand, der ihn auch in dieser Finsternis sehen konnte, der da war um ihn zu holen. Matthias rannte los. Er stürzte, schlug hart gegen einen Felsvorsprung. Wo war dieser verdammte Ausgang? Er müsste doch den Himmel durch die Öffnung sehen. Er war sich ganz sicher, verfolgt zu werden. Nein, nein, nicht, wimmerte er vor sich hin. Endlich ertastete er Holz und schwang sich über die Latten. Die Dämmerung war hereingebrochen, darum hatte er den Ausgang der Höhle nicht mehr sehen können. Wie von Sinnen rannte er über den felsigen Waldboden. Glücklicher Weise warf die untergehende Sonne noch einen fahlen Lichtstrahl durch die Bäume. Blut lief ihm über die Wange. Seine Seite begann zu schmerzen, ebenso seine Beine, aber das war ihm egal. Er rannte und rannte, bis er aus dem Wald heraus war. Noch immer spürte er den Verfolger deutlich hinter sich. Erst auf der Wiese wagte er, sich umzusehen. Schweiß rann ihm über das Gesicht, mischte sich mit dem Blut und brannte in seinen Augen, das Hemd klebte ihm an der Brust und am Rücken. Der Wald lag da in einer trügerischen Unschuld, eingetaucht in sanftes rot und orange. Matthias konnte niemanden hinter sich erblicken, trotzdem lief er weiter bis zum Parkplatz. Matthias blieb abrupt stehen. Der Parkplatz war leer. Marias Auto war weg. Das kann nicht sein, schoss es ihm durch den Kopf. Genau hier hatten sie es abgestellt. Jemand musste es gestohlen haben. Endlich griff Matthias nach seinem Handy, um Hilfe zu rufen. Er wählte den Notruf, versuchte sich zu konzentrieren und erklärte außer Atem kurz die Situation. Die Stimme am anderen Ende der Leitung beruhigte ihn. Warten Sie auf dem Parkplatz, hatte die Frau aus der Notrufzentrale gesagt. Als das Polizeiauto kam, war es bereits dunkel. Matthias hatte sich unter die einzige Straßenlaterne gestellt. Nervös trat er von einem Bein auf das andere, er fror. Der abgekühlte Schweiß hatte eine eisige Haut um ihn gelegt. Zwei Polizisten stiegen aus, er lief auf sie zu. „Gut, dass Sie da sind“, seine Stimme überschlug sich, „Maria, sie ist in der Höhle. Sie müssen sie da raus holen.“ „Was für eine Höhle?“, fragte der Jüngere. „Dahinten im Wald ist eine Höhle. Wir sind dort eingestiegen, Maria wurde plötzlich in die Dunkelheit gezogen, sie ist weg. Es war plötzlich alles finster, dann war sie weg, einfach weg. Sie müssen Maria finden.“ Die Beamten wechselten einen Blick. „Gut, gut“, sagte der eine, „dann gehen wir jetzt mal zu der Höhle. Wie weit ist es denn?“ „Zu der Höhle?“, Matthias spürte erneut Panik in sich aufsteigen. Er wollte nicht dorthin zurück. Als wüsste der Ältere was er dachte, sagte er: „Sie müssen uns den Weg schon zeigen, wenn wir Ihnen helfen sollen.“ Matthias führte die Beamten über die Wiese bis in den Wald. Sie hatten starke Stabtaschenlampen dabei und so fand Matthias den Weg sofort hoch zu den Kiefern. „Da vorne ist es“, raunte er außer Atem. Auch wenn er nichts Unheimliches mehr spüren konnte, dämpfte er seine Stimme. „Warten Sie hier“, sagte der ältere Beamte und ging mit dem jüngeren auf die Bretterwand zu. „Hier ist alles dicht“, sagte er. „Hier drüben auch“, antwortete ihm sein Kollege. „Nein, nein, wir haben zwei Latten rausgebrochen, da kann man durchsteigen“, Matthias trat nun zu ihnen. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, dass die Latten alle festgenagelt vor dem Eingang hingen. Er rüttelte an ihnen, aber sie ließen sich nicht bewegen. „Das kann doch gar nicht wahr sein“, flüsterte Matthias, „hier sind wir rein.“ Er deutete erneut auf die Bretter. „Also ich kann hier keinen Eingang sehen. Sind Sie sich sicher, dass es die richtige Höhle ist?“, fragte der Jüngere. „Natürlich bin ich sicher“, Matthias konnte seine Stimme nicht mehr dämpfen, „wir waren genau hier und meine Freundin Maria ist da drin. Sie wurde von etwas in die Dunkelheit gezogen.“ „Ah ja, von etwas also“, sagte der Ältere und sah Matthias scharf an. „Haben Sie vielleicht getrunken?“ „Natürlich nicht!“, entgegnete Matthias entrüstet, „ich schwöre, dass wir hier rein sind. Ich habe keine Ahnung, wer die Bretter wieder angenagelt hat.“ „Und das Schild da? Das haben Sie aber schon gesehen?“, fragte ihn der Jüngere und deutete auf das Warnschild. „Ja, haben wir“, Matthias wurde verlegen. „Aber?“, fragte der Ältere. „Was spielt denn das jetzt für eine Rolle?“, rief Matthias aufgebracht, „meine Freundin ist da drin. Sie wurde entführt. Sie ist in ernsthafter Gefahr!“ Der ältere Beamte nahm den jüngeren am Arm und zog ihn ein paar Meter weg. Die beiden flüsterten, Matthias konnte nicht verstehen, was sie sagten. Die Äste der Kiefern raschelten im Wind. Matthias hörte einen Uhu rufen. Die Lichtpegel ihrer Lampen waren auf den Boden gerichtet, glitten ab und zu höher zwischen die Bäume. Der Jüngere zündete sich eine Zigarette an. Die orangefarbene Glut tanzte wie ein heller Punkt in der Dunkelheit. „Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten“, sie traten wieder zu ihm und der ältere Polizist richtete das Wort an ihn: „Wir können jetzt alles in Bewegung setzen, Verstärkung rufen, den Lattenzaun einreißen und in der Höhle nach ihrer Freundin suchen.“ „Ja, genau“, Matthias nickte zustimmend. „Aber dafür müssen Sie uns Beweise liefern, dass Sie tatsächlich mit Ihrer Maria hier gewesen sind, und dass tatsächlich Gefahr für ihr Leben besteht. Oder aber wir warten bis morgen früh. Vielleicht taucht sie bis dahin wieder auf.“ „Nein, das geht nicht, wir müssen jetzt handeln“, entgegnete Matthias verzweifelt. Der jüngere Polizist zückte sein Handy und trat ein paar Schritte weg. Matthias hörte ihn nur einige Male `ja´ und ´verstehe´ sagen. Als er sich wieder ihm zuwandte sagte er: „Ich habe mit den Kollegen gesprochen. In dieser Höhle kann man sich kaum verlaufen. Die Gänge sind alle eingestürzt.“ Natürlich war da ein Gang gewesen. „Hören Sie“, setzte der Ältere an, „ich weiß nicht, was hier vorgefallen ist, aber jetzt in der Nacht können wir nichts für Sie tun. Gehen Sie nach Hause, schlafen Sie sich aus. Es wird sich sicher alles aufklären.“ Damit machten Sie sich auf den Rückweg. Matthias konnte sie nicht umstimmen. So sehr er auch flehte, sie gaben nicht nach. Schließlich schwieg er und trottete hinter ihnen her, wie ein geprügelter Hund. Ich habe sie im Stich gelassen, schoss es ihm immer wieder durch den Kopf. Aber den Mut alleine in der Nacht in die Höhle einzusteigen und nach ihr zu suchen, konnte er nicht aufbringen. Seine Hoffnung, Maria in dieser Nacht wiederzusehen, schwand immer mehr. Ihm wurde klar, dass die Polizisten ihm nicht glaubten.

„Wie sind Sie eigentlich hier her gekommen? Ich habe gar kein Auto gesehen“, fragte der Ältere, als sie wieder den Parkplatz erreicht hatten nach. „Wir sind mit ihrem Auto gekommen. Aber das Auto ist weg. Jemand muss es gestohlen haben“ Matthias konnte die Gesichter der Polizisten nicht sehen. „Sollen wir Sie nach Hause fahren?“, fragte der ältere Beamte. „Nein, danke“, antwortete Matthias geschlagen, obwohl er sich sehr müde fühlte, „ich laufe. Ich hab’s nicht weit.“ Er sah nur noch die Rücklichter des Streifenwagens, als er sich auf zum Bahndamm machte. Als er auf den Gleisen stand, hielt er inne. Vielleicht sollte er einfach stehen bleiben bis der nächste Zug kam. Seine Taschenlampe ging wieder. Er hatte im Dunkeln auf dem Parkplatz die Batterien gewechselt. Er leuchtete jetzt in den Himmel. Sein Lichtstrahl verlor sich in der Weite. Es war eine sternklare Nacht. Eine gute Nacht zu sterben. Aber auch dafür bin ich zu feige. In Gedanken versunken und voller Sorge um seine Freundin erreichte er endlich sein Appartement. Überrascht stellte er fest, dass die Tür nicht verschlossen war. Hatte er vergessen abzuschließen? Leise trat er in den Flur. Aus der Küche tönte sanfte Musik. War er jetzt völlig übergeschnappt? Als er vorsichtig durch den Spalt der Küchentür lugte, ertönte eine ihm wohlbekannte Stimme: „Na, bist du schon zu Hause?“ Maria saß am Küchentisch und lackierte sich die Fingernägel. Matthias stand fassungslos in der Tür und starrte sie an. Er stotterte: „Maria, Maria bist du das wirklich?“ „Natürlich oder denkst du ich bin ein Geist?“ Sie hatte nasse nach hinten gekämmte Haare, so als wäre sie gerade aus der Dusche gekommen. Auf ihrer Stirn klebte ein Pflaster. „Maria, wie kommst du hier her. In der Höhle“, stotterte er, „du warst doch in der Höhle, jemand hat dich in die Dunkelheit gezogen, oh Maria.“ Sie erhob sich und ging auf ihn zu: „Ja und du? Was hast du gemacht? Du hast dir vor Angst fast in die Hose gemacht und mich allein gelassen.“ „Aber Maria“, entgegnete er schwach. „Ich hab die Nase voll von diesen Männern, die immer davon laufen, wenn man sie braucht. Du hast mich wahnsinnig enttäuscht.“ Sie stand jetzt ganz dicht vor ihm. Alles Weiche war aus ihrer Stimme verschwunden. „Ich bin nur gekommen, um dir Lebewohl zu sagen, es ist aus. Ich will mit so einem Feigling nichts zu tun haben.“ Er sah in ihre braunen Mandelaugen und konnte dort nur Verachtung sehen. „Du hast mich reingelegt“, flüsterte er fassungslos, „du warst gar nicht in Gefahr. Du wolltest mich nur testen.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht: „Das ist mein gutes Recht. Ich habe dich zu nichts gezwungen. Jetzt weiß ich endlich, wer du wirklich bist. Du bist ein Angsthase und noch dazu ein Volltrottel. Ich habe dich am Parkplatz beobachtet, wie du vor Furcht zitternd auf die Streife gewartet hast“, ihre Stimme klang höhnisch und in dem Moment brannte bei Matthias eine Sicherung durch. Er griff nach dem Fleischmesser, das neben ihm auf der Arbeitsplatte lag und stach zu. Immer wieder stach er zu, fing dabei noch ihren überraschten Gesichtsausdruck ein, das spritzende Blut erschien ihm vollkommen surreal. Seine Liebe war blankem Hass auf diese Frau, die da am Boden lag, gewichen. Wieder und wieder stach er in den längst leblosen Körper. Alle Angst war von ihm gefallen und er konnte gar nicht anders, als seinem Zorn freien Lauf zu lassen. Es dauerte, bis er sich wieder beruhigen konnte. Er blieb eine Weile neben der Toten sitzen, betrachtete den blutverschmierten Boden, das Messer in seiner Hand, die gesprenkelten Flecken an den Wänden und auf seiner Kleidung. An seinem Unterarm lief ein kleiner Strom Blut hinunter, er wusste nicht, ob es ihres war oder seins, denn er fühlte nichts mehr. Er ließ das Messer neben Marias Körper liegen und ging in die Nacht hinaus. Er wusste genau, wohin er wollte. Die Bahnschienen lagen schemenhaft vor ihm. Er kletterte auf den Bahndamm und legte sich auf das kalte Eisen. Dort blieb er regungslos liegen und wartete. Endlich hörte er ein leises Summen. Es schwoll an und wurde zu einem Rauschen, das immer lauter wurde. Matthias wollte seine Augen nicht schließen. Stattdessen blickte er geradewegs in den Weltraum. Er erahnte die Planeten, die dort oben ihre Bahnen zogen, auch wenn er nur die Sterne sehen konnte, wusste er doch, dass da noch mehr war.

Meike K.- Fehrmann