Neues Buchprojekt: Kakerlaken-Schach (Leseprobe)

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Liebe Leute,

nachdem nun meine beiden Buchprojekte „Frieda – Ein Demenz-Krimi“ und „Warum Herr Hagebeck sterben muss“ abgeschlossen sind, arbeite ich fleißig an meinem neuen Manuskript „Kakerlaken-Schach“. Die ersten 260 Seiten sind getippt, aber jetzt geht es an die Überarbeitung, die wie immer sehr mühsam ist.

Hier eine Leseprobe noch ganz in der Rohfassung:

„Tom konnte sich nie entscheiden, ob er das Spiel mit einem Bauern oder einem Springer eröffnen sollte. Er fuhr sich mit der Hand durch die lockigen blonden Haare und starrte unschlüssig auf das Schachbrett aus Mahagoni, das vor ihm auf dem runden schwarzen Couchtisch stand. Die silberne Nickelbrille rutschte ihm fast von der schmalen geraden Nase, sein Blick schweifte zwischen den Reihen der Figuren hin und her. Noch standen alle in Reih und Glied. Die weißen und schwarzen Bauern schienen sich anzustarren, zwischen ihnen noch genügend Abstand, vier Felder. Hinter ihnen die Stärkeren. Turm, Springer, Läufer, Dame, König. Er streckte unschlüssig eine Hand nach einem schwarzen Bauern aus und berührte ihn fast zärtlich. Strich über das Holz, konnte sich aber noch nicht entschließen, zuzupacken. Die Bauern schienen ihm oft so plump. Es gab viele von ihnen, acht gegen acht. Der Einzelne war nicht wichtig. Sie standen nebeneinander und rückten nur in eine Richtung, ein Feld, höchstens zwei, Schritt für Schritt. Sie hatten etwas Unschuldiges und Harmloses, gleichzeitig etwas Verzweifeltes. Niemand schützte sie. Sie standen an der vordersten Front, an der Linie zum Niemandsland. Sie schlugen aber hinterhältig. Plötzlich nach rechts oder links. Dennoch war der Bauer unscheinbar, verglichen mit dem Springer, dem Pferdchen. Es gab nur diese beiden Möglichkeiten – Bauer oder Springer. Tom mochte Pferde nicht. Sie waren so ungestüm und unberechenbar. Zwei vor und eins quer. In jede Richtung. Niemand sprang so wild wie die Pferdchen. Ihr Wiehern erschreckte ihn und machte ihm Angst. Ein dünner durchsichtiger Speichelfaden rann aus Toms Mund. In seiner Konzentration bemerkte er ihn erst, als ein Tropfen davon auf das Spielbrett fiel. Wenn er also den Springer nahm, wusste sein Gegner, er musste sich warm anziehen. Hier kam einer, der es wissen wollte! Ein Wilder, der gleich in die Vollen ging. Achtung, Achtung! Wollte er das? Sich als Cowboy outen schon mit dem ersten Zug? Wie sollte er sich also entscheiden? Er nahm den Bauern. Immer. Jedes verdammte Mal eröffnete er die Schachpartie gegen sich selbst mit einem Bauern. Und jedes Mal brauchte es mehrere Minuten anstrengenden Nachdenkens, bis er sich dazu durchgerungen hatte. Der Filz unter dem weißen Bauern ließ ihn sanft nach vorne gleiten, nahezu geräuschlos. Tom nahm den Bauern, weil er selbst einer war. Nicht wörtlich gemeint, aber er fühlte sich oft wie einer unter vielen. Oder besser gesagt: er wäre gerne einer unter vielen! Unauffällig und hinterhältig zugleich. Erleichtert über seine Entscheidung schloss er die Augen und genoss den Moment des Anfangs. Den Zauber des Anfangs, der jeder Schachpartie innewohnte, wenn die erste Figur gezogen war. Die zarten Grübchen zeichneten sich für einen kurzen Moment auf seinen Wangen ab, als ein sanftes Lächeln über sein Gesicht huschte. Gleichzeit spürte er aber auch eine leichte Enttäuschung in sich aufsteigen. Hätte er doch dieses eine Mal den Springer nehmen können? Nur dieses eine Mal! Aber beim Schach lässt sich eine Entscheidung nicht rückgängig machen. Es ist ein vollkommen konsequentes Spiel. Du ziehst und mit diesem Zug musst du leben. So stellte Tom sich das wahre Leben im Idealfall auch vor. Nicht dieses dauernde Umentscheiden, dieses nie zu wissen woran man war, die Haltlosigkeit ohne Regeln.

Schach war das einzige Spiel, das sein Vater, Maxi Heide, ihm je beigebracht hatte. Das war vor vier Jahren, als er ihm zum achten Geburtstag eben dieses Schachspiel geschenkt hatte. Tom war zunächst enttäuscht gewesen und hätte das Spiel am liebsten sofort umgetauscht. Diese altmodischen Figuren mit ihren geschnitzten Gesichtern. Welcher Junge wollte denn zu seinem achten Geburtstag ein solch antiquiertes Spiel bekommen? Und das hatte er seinen Vater auch spüren lassen, indem er das Spiel zunächst achtlos zur Seite schob, bis es schließlich vom Tisch mit einem lauten Krachen auf den Boden gefallen war. Eine Playstation wäre ihm lieber gewesen. Maxi Heide hatte das Spiel schließlich aufgeräumt ohne auch nur eine einzige Gefühlsregung, wie etwa Enttäuschung oder Ärger, darüber zu zeigen, dass seinem Sohn das Geschenk offenbar nicht gefiel. Dann, in einem Anflug von Langeweile, hatte Tom sich das Spiel eines Abends geschnappt und mit in sein Bett genommen. Er besah sich die Figuren genauer, versuchte ihre starren Blicke zu deuten und es war ihm, als würden sie ihn direkt anschauen, sie schienen ihm etwas sagen zu wollen in einer Sprache, die er noch nicht verstand. Erst scherte sich Tom nicht um die Regeln des Spiels, sondern stellte die Figuren willkürlich wie Armeen auf, stieß eine Figur mit der anderen vom Brett, so dass sie über die Bettdecke rollte. Es machte ihm Spaß sich vorzustellen, dass eine Figur die andere besiegte. Dann bat er irgendwann seinen Vater ihm die Grundregeln zu erklären. Und plötzlich begriff er auf wundersame Weise: einer dieser Bauern war er. Und da waren die anderen um ihn herum. Sie alle standen da, um den einen zu beschützen: den König. Diesen trantütigen Feigling! Jedes Mal, wenn Tom ihn ansah, zog er verächtlich eine Augenbraue nach oben und kniff unbewusst die Lippen zusammen. Er schnippte ihn gerne mit dem Zeigefinger um, so dass er möglichst weit flog. Wieso konnte die Dame fast alles, zog diagonal und kreuz und quer, vor und zurück über das Spielfeld, während der König nahezu nichts tat? Bewegte sich immer nur einen einzigen Schritt und verkroch sich mit Zepter und Krone hinter den Bauern, neben der großen Frau. Nie hatte sich sein Vater ihm zuvor klarer offenbart. Nichts als eine kleine harmlose Schnecke im Purpurgewand. Hatte ein König schon jemals eine Dame geschlagen? Oder einen anderen König? Auf dem Spielbrett offenbarte sich ihm das ganze Desaster seiner Familie….“

(Copyright Meike K.- Fehrmann)

Grungy chessboard room