Naturerleben und Demenz: Kraftspendende Erlebnisse trotz Alzheimer

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Liebe Leute,

nachdem „Frieda – Ein Demenz-Krimi“ erschienen ist, bin ich immer wieder gefragt worden, was ich sonst noch über Demenz geschrieben habe. Darum möchte ich euch heute einen kleinen Artikel posten, den ich vor einiger Zeit für den Blog der Deutschen Alzheimergesellschaft geschrieben habe. Nebenbei gebe ich vom 15.-17.5.2015 auch einen Workshop „Naturerleben für Menschen mit Demenz“ in Ruhpolding. Anmelden kann man sich über die Webseite von CreNatur.

Alte Frau auf dem Markt

Maria ist 86 Jahre alt. Vor vier Jahren bemerkten ihre Kinder etwas stimmt mit ihr nicht. Immer häufiger vergaß Maria Termine, konnte sich an Absprachen nicht mehr erinnern, verwechselte Namen. Altersvergesslichkeit oder Demenz? Egal welche Diagnose man stellen mag, für Maria ändert sie nichts. Sie gleitet immer mehr in die Vergangenheit, verliert den Bezug zur Lebenswelt ihrer Kinder, Freunde und Nachbarn, gleichgültig welchen Namen man ihrem Zustand geben mag. Im Garten sitzt sie auf der Bank, ihrem Lieblingsplatz, lässt die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht spielen. Sie fühlt sich wieder als Kind. Genießt den Frühling, lauscht dem Gezwitscher der Vögel, zerreibt zwischen ihren Fingern ein Blatt Minze. Dann führt sie ihre Hand an die Nase und atmet tief ein. Der Minzgeruch breitet sich wohlig in ihr aus und lässt ein Bild vor ihrem inneren Auge entstehen. Sie sammelt mit ihrer Mutter Minzblätter, um sie zu trocknen und später im Herbst und Winter daraus Tee aufzugießen. Sie sind wieder in Schlesien und sie kann ihre Heimat riechen, hören und sogar schmecken, auch wenn sie seit vielen Jahrzehnten hunderte von Kilometern entfernt lebt. Ein wohliges Gefühl breitet sich in ihr aus und für einen Moment spürt sie die Schwere des Alterns nicht mehr, die Schmerzen in den Gelenken, die Einschränkungen, die sie hat.
Die Welt mit den Sinnen zu erleben und zu erforschen lernen wir von klein auf. Babys entdecken ihre Umgebung robbend und krabbelnd mit Händen und Mund. Als Kinder erweitern wir unseren Horizont, indem wir unsere Sinne gebrauchen, schmecken, riechen, balancieren. Wir ertasten unsere Umgebung, später dann unsere erste große Liebe, Sexualität ohne Sinneserfahrung ist undenkbar.
Intensive Sinneserlebnisse, ob positiv oder negativ, bleiben ein Leben lang im Gedächtnis verankert und selbst wenn ich im hohen Alter nicht mehr weiß, dass die Frucht in meiner Hand „Apfel“ genannt wird, erinnere ich mich bei der angenehmen Säure auf meiner Zunge vielleicht wieder an die Apfelernte damals im Garten der Großeltern. Sinneseindrücke werden gespeichert und es ist bedauerlich, dass viele Menschen außer der Tastatur ihres Computers unter ihren Fingern, dem Geruch von Linoleumböden in der Nase, der gelben Wandfarbe des Wohnzimmers vor den Augen, kaum mehr natürliche Sinneseindrücke bewusst wahrnehmen. Nach dem langen Winter tat es gut, zum ersten Mal nach Monaten im Biergarten zu sitzen und plötzlich ist da mehr. Sonnenstrahlen statt künstlichen Lichts, der Wind, der die Zweige der Bäume sanft bewegt. Wir schließen vielleicht für einen Moment die Augen und genießen, fühlen uns lebendig. Und diese Sinneserfahrungen sind gratis. Keine versteckten Kosten, keine Formalitäten, keine Anträge, die vorher gestellt werden müssten. Niemand verlangt Eintritt, sondern wir bekommen all das geschenkt.
Genau auf dieser Ebene ist es möglich einem Menschen mit Demenz zu begegnen. Sorgen über Verwirrtheitszustände treten in den Hintergrund bei einem gemeinsamen Sinneserlebnis. Waldboden unter den nackten Füßen spüren, die Hände in klares kühles Wasser am Bach tauchen, den Gleichgewichtssinn erspüren beim Balancieren, einen Schmetterling auf der Hand halten. Als Kind unzählige Male erlebt, abgespeichert als Emotionen im Langzeitgedächtnis, werden diese Erfahrungen nun wieder lebendig und können erneut wohltuende Gefühle hervorrufen und damit die Lebensqualität steigern.
Aber nur Menschen, die selbst in der Lage sind mit ihren Sinnen ihre Umgebung bewusst wahrzunehmen und zu genießen, können einen Menschen mit Demenz auf dem Weg begleiten, seine Bedürfnisse verstehen und ihm zu einem positiven Lebensgefühl verhelfen. Dann drehen sich die Fragen nicht mehr in erster Linie um Körperpflege, Inkontinenz und Medikamente, sondern der alternde Mensch steht in seinem Menschsein im Mittelpunkt. In seinem Recht, sich als Mensch mit allen noch zur Verfügung stehenden Sinnen zu spüren und zu erleben.

Wrinkled hands
In meiner langjähren Arbeit im Sozialdienst mit Angehörigen von zum Teil schwer pflegebedürftigen Menschen wurde ich häufig gefragt: Was können wir für unsere pflegebedürftige Mutter oder unseren Vater tun? Alle ärztlichen Untersuchungen waren gemacht, die Mutter in einem Pflegeheim gut untergebracht oder durch einen ambulanten Dienst betreut, die Finanzen geregelt und dennoch blieb bei vielen das Gefühl, ich tue nicht genug für meine alten Eltern. Denn auch Kinder wollen ihre Eltern glücklich sehen und nicht dahinsiechend. Der Schlüssel zu dieser Frage liegt in unserem Verständnis von Lebensqualität. Wir lernen früh, uns durch Leistung zu definieren. Im Alter nimmt die Leistungsfähigkeit jedoch immer mehr ab. Erfolgserlebnisse werden immer seltener, damit auch die positive Anerkennung, die wir von anderen erhalten. Plötzlich steht das Menschsein an sich im Mittelpunkt, das Sein und nicht mehr das Tun. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt, um einem Menschen mit Demenz in seiner Welt begegnen zu können. Ein Aspekt dieses Menschseins ist die Welt mit den Sinnen erleben zu können und sich somit ganzheitlich wahrgenommen zu wissen, als sinnhaftes Wesen, in seiner doppelten Bedeutung. Tun Sie also zunächst sich selbst etwas Gutes, indem Sie mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Sinnen die Natur um sich herum erspüren und genießen. Versuchen Sie sich selbst wieder als Mensch wahrzunehmen und nicht als Leistungsträger, der etwas tun muss. Sie werden merken, dass Sie darüber hinaus wertvolle Kräfte gewinnen können, die Sie im häufig anstrengenden Alltag mit Ihren Angehörigen benötigen. Danach geben Sie Ihren pflegebedürftigen Eltern Anteil an diesen sinnlichen Erfahrungen, indem Sie gemeinsame Erlebnisse schaffen. Im Optimalfall ist das draußen in der Natur. Barfuß das Gras spüren, die Beine am See ins frische Wasser eintauchen, die Sonne auf der Haut genießen, dem Zirpen der Grillen lauschen. Sinneserfahrungen lassen sich aber auch drinnen schaffen. Die zarten Blätter einer Rose auf der Haut spüren, der Duft einer Hand voll Walderde, die Süße frisch geernteter Erdbeeren auf der Zunge, der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Sie werden überrascht sein, wie Sie durch einfache Gesten, die weder viel Geld noch Zeit benötigen, die Lebensqualität Ihrer pflegebedürftigen Angehörigen erhöhen können und selbst das Miteinander (wieder) als bereichernd und beglückend erleben können.

Workshop für Angehörige und BegleiterInnen von Menschen mit Demenz „Naturerleben für Menschen mit Demenz“, 15.-17.5.2015, Ruhpolding/Chiemgau, CreNatur

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