Bergblues (Kurzgeschichte von Meike K.- Fehrmann)

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Kalt hängt der Nebel zwischen den Zweigen, gefangen in ihrem Gewirr aus feuchten braunen Blättern und knorrigen Ästen, reglos lassen die Gräser am Wegesrand ihre grünen Ärmchen hängen. Leefke stapft mit trägen Schritten über den aufgeweichten Weg, macht sich nicht die Mühe die Pfützen zu umgehen, schlurft durch sie hindurch, als wären sie gar nicht da. Ihre braunen Lederstiefel sind schlammig, besprenkelt mit grauen eingetrockneten Spritzern und frischen nassen Schlammklumpen, wühlen das erdfarbene Wasser auf, hinterlassen Rinnsale, die langsam im durchtränkten Boden versickern. Kein Vogelzwitschern ist zu hören, nur Leefkes Atem, der weiße Wölkchen bildet. Sie läuft ohne ein Ziel, ihre Beine tragen sie weiter und weiter. Nur weg – weg von hier. Sie hebt für einen kurzen Moment den Blick, sie weiß, dass sich hinter dem Nebel die schroffen grauen Berge verbergen, die ihre schneebedeckten Spitzen in den Himmel bohren. Geröll und scharfe Kanten auf den Kämmen, weiter unten die Fichtenwälder. Jetzt ist all das versteckt, verhüllt hinter sanften Schleiern und doch weiß sie, dass sie da sind, diese grauen Riesen, die den Blick auf den Horizont verbergen. Leefke beschleunigt ihre Schritte. Sie weiß, dass der Weg sie wieder nach Hause führen wird. Nach Hause? Sie schließt für einen Moment die Augen. Zu Hause ist weit weg im Norden. Über 1.000 Kilometer. Mindestens zehn Stunden Fahrt, eher mehr. Da, wo die Möwen in der Brandung kreischen, die Fischer ihre Netze flicken und an einem Tag wie diesem? Ja, an einem nebeligen Tag wie diesem sitzen sie mit ihren Familien in den warmen Stuben und trinken Grog mit Kluntje. Die Wellen rauschen am Strand und auch wenn weiße Schleier den Horizont verbergen, so weiß sie doch, er ist da. Sobald die Nebelfelder sich verziehen ist nichts mehr, was das Auge stört, den Blick ablenkt von der Weite. Ab und an erspäht sie ein Schiff in der Ferne als winzigen Fleck über blau grünen Untiefen, deren tatsächliche Tiefe man nur erahnen kann. Ihre Füße tragen sie weiter. Sie muss laufen und laufen aus Angst, dass sie nicht mehr aufstehen würde, wenn sie zu lange innehielte und verweilte. Dann würde sie irgendwo sitzen bleiben und vollends erstarren. Erstarren zu einem dieser grauen Felsblöcke, die den Weg säumen. Mit der Zeit würde das Moos auf ihr wuchern, Käfer über sie krabbeln, Spinnen ihre zarten Eier, umsponnen mit einem Kokon, in ihre Ritzen legen. In einem weichen zarten Kokon müsste man schlafen und ausruhen. Und Leefke würde sich auflösen – endlich. Dessen ist sie sich vollkommen sicher doch das darf nicht passieren – noch nicht. Ihre Kinder sind hier und ihr Mann, den sie einst so sehr geliebt hat, dass sie ihm bis nach Bayern gefolgt war. Sie hat geglaubt, dass die Liebe sie tragen würde und das Heimweh mit den Jahren verblasst. Aber stattdessen ist die Liebe erbleicht, diese zarte Rose, die man hegen und pflegen muss, damit sie nicht welkt. Leefke fühlt sich immer häufiger wie eine Ertrinkende, die nach Luft schnappt. Nach Seeluft. Der Geruch nach Algen, Fisch und morschem Holz, das über tausende von Kilometern aus fernen Küsten angeschwemmt wird. Eine Haarsträhne klebt nass an ihrer Stirn, der Nieselregen kühlt ihr Gesicht und lässt ihre Wangen rot glühen. Sie beschleunigt ihre Schritte. Plötzlich vernimmt sie den Schrei eines Vogels. Er zerfurcht die Luft und dringt bis an ihr Ohr. Ein Möwenschrei? Unmöglich. Und doch treibt dieser Schrei ihr die Tränen in die Augen. Der akustische Reiz übermannt sie nun vollends. Sie kann ihr Weinen nicht länger unterdrücken und schluchzt. Die Beine werden immer schwerer, wollen sie nicht weiter tragen auf diesem Rundweg, der sie zurück zu ihren Kindern und ihrem Mann führt. Sie wischt sich mit dem Handrücken die Nase ab und bleibt schließlich stehen. Da steht sie mitten auf dem Weg im Regen und ihre Füße wollen nicht vor noch zurück. Was, wenn aus ihren Füßen nun Wurzeln schlagen? Die sie hier festhalten und sich ihr Körper womöglich in einen Baum verwandelt? Sie lässt ihren Blick über die Bäume gleiten, die Buchen und Eichen. Alles arme von Heimweh geplagte Kreaturen, die vor Traurigkeit nicht mehr weiter konnten? Die geblieben sind, weil ihre Beine sie nicht mehr tragen konnten, gelähmt von der Ohnmacht und Schwere in sich?

Plötzlich durchbricht ein Sonnenstrahl den weiß grauen Schleier und legt sich auf Leefkes Gesicht. Eine sanfte Wärme, ganz unverhofft, zerreißt den Nebel wie ein Fingerzeig aus den Weiten des Himmels über ihr. Sie spürt die Kraft der Sonne zart auf ihrer Haut und atmet tief ein.

Bergnebel

Copyright Meike K.- Fehrmann