Anleitung für schlechte Texte: Erfolgreich Kritiker in den Wahnsinn treiben!!!

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Ahhh2

Am 27. Juni 2015 findet die nächste Villacher Nacht der schlechten Texte statt. Bei diesem besonderen Literaturwettbewerb sind AutorInnen dazu aufgerufen möglichst schlechte Texte einzureichen. Während man beim Lesen mancher Blogs oder Kurzgeschichten schnell abfällig den Kopf schüttelt, wie jemand „sooooo mies schreiben kann“, ist es gar nicht so einfach, bewusst einen wirklich schlechten Text zu schreiben. Wahrscheinlich hat jeder von uns schon mal eine Geschichte geschrieben, die nicht ganz optimal war. Aber so richtig schlecht? Ich habe die besten Tipps für schlechte Texte zusammengestellt, mit denen Sie jeden Kritiker zur Verzweiflung bringen:

Bevor Sie richtig anfangen:

  • Zuallererst schalten Sie die Rechtschreib- und Grammatikkorrektur in Ihrem Schreibprogramm aus. Wer will schon dauernd von roten und grünen Unterstreichungen belästigt werden?
  • Wählen Sie gleich am Anfang einen nichtssagenden Titel, der alles offen lässt „Heute“, „Liebe“, „Weiß ist weiß“. So werden Sie in Ihrer Fantasie nicht eingeschränkt. Führen Sie den Leser schon mit dem Titel aufs Glatteis. Wer will schon das bekommen, was auf einer Verpackung draufsteht?
  • Sie möchten lieber einen aussagekräftigen Titel? Dann wählen Sie bewusst einen, der so ähnlich klingt wie ein Bestseller, dann findet Ihr Werk später Beachtung: „Das Schicksal ist ein mieser Verlierer“, „Er ist wieder hier“, „Wann wird es endlich wieder so, wie es war“, „Geheimes Verschlingen“, „Schmitz´ Häufchen“.
  • Kennzeichnen Sie niemals Zitate im Text. Fußnoten und Literaturverzeichnisse sind reine Platzverschwendung. Sie haben Skrupel wegen der Plagiatsaffären? Dann ordnen Sie Zitate nach eigenem Gutdünken zu, das merkt schon keiner und erspart Ihnen das Nachschlagen: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher“ (Mister Spock).

Form und Grammatik:

  • Es ist nicht nötig, sich schon zu Beginn auf eine bestimmte Zeitform festzulegen. Schreiben Sie mal im Präsens, mal im Präteritum oder sogar im Plusquamperfekt. Letzterer Zeitform wird sowieso immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Springen Sie rein intuitiv zwischen den Formen hin und her. Das ist Ihre persönliche Freiheit als AutorIn.
  • Die Erzählperspektive ist beliebig. Ob Ich-Erzähler oder Allwissender-Erzähler, eigentlich passen die doch immer irgendwie. Halten Sie sich also nicht lange damit auf zu überlegen, was für Ihre Handlung stimmig ist. Schließlich können Sie die Perspektive immer wieder wechseln, das zeugt von einem regen Geist. Schreiben Sie einfach mal drauf los!
  • Halten Sie sich nicht mit den besonderen Merkmalen einer bestimmten Textgattung auf. Wen interessiert schon, worin sich Kurzgeschichten, Novellen oder Fabeln unterscheiden? Wir sind hier schließlich nicht im Deutschunterricht.
  • Beachten Sie, dass Satzzeichen nur etwas für Weicheier sind. Sparen Sie an Punkten, wo Sie nur können. Die Verwirrung, die durch Schachtelsätze entsteht, wird mit hoher Intelligenz des Schreibers gleichgesetzt (kennt man schließlich aus Fachbüchern und von Politikern….)
  • Beginnen Sie Aufzählungen und Vergleiche, ohne diese weiterzuführen, z.B. „Das Erste war, dass….“ oder „Einerseits….“. Kein Mensch interessiert sich dafür, was „das Zweite“ oder „andererseits“ ist.
  • Stellen Sie unpassende und verwirrende Vergleiche her, die animieren den Leser zum Nachdenken. Beispiel: „Beim Biss in das Orangenmarmeladenbrot, spürte er ein plötzliches leichtes Ziehen im Bauch wie ein Vorschlaghammer.“
  • Es genügt, wenn Sie sich auf wenige Konjunktionen beschränken. Meistens reichen „dann“, „und“, „weil“.
  • Den Genitiv braucht kein Mensch.
  • Lassen Sie Ihren Text auf keinen Fall Korrektur lesen. Diese selbsternannten Kritiker wollen Sie doch nur verunsichern!

Zum Inhalt:

  • Recherchieren Sie auf keinen Fall Fakten. Die Hauptstadt von Australien ist Sydney? Klar – das weiß doch jeder. Lassen Sie sich nicht von anderen belehren oder verwirren. Wikipedia ist etwas für Anfänger.
  • Geben Sie Ihrem Protagonisten die nötige Dramatik: Drogenabhängig oder ein Waisenkind zu sein, reicht schon lange nicht mehr. Wie wäre es mit einem feinfühligen Islamisten, der im Rollstuhl sitz, als schwuler Callboy arbeitet und eine besondere Schwäche für Laserschwerter hat?
  • Diesen dramatischen Protagonisten lassen Sie nun die Herausforderungen des Alltags meistern. Beschreiben Sie ausführlich, wie der feinfühlige Islamist zum Briefkasten geht.
  • Oder Sie gehen den umgekehrten Weg: beschreiben Sie den Protagonisten mit langweiligen und möglichst unkonkreten Adjektiven („er ist schön“, „er sieht gut aus“) und lassen Sie ihn dann unglaubliche Heldentaten vollbringen, die so überzogen sind, dass selbst James Bond erblasst. Beispiel: „Nachdem er mit dem Motorad die 50 Meter hohe Brücke, umgeben von reißenden Flammenwerfern, runter gestürzt ist, sah seine Frisur immer noch gut aus.“
  • Bauen Sie sado-maso Szenen ein, die sind gerade sehr beliebt. Hierbei auf jeden Fall das Stereotyp „Karrierefrau wartet schon ewig darauf, von einem echten Kerl richtig gedemütigt zu werden“ bedienen. Überhaupt sollten Sie mit Sex nicht sparen, aber bleiben Sie unbedingt bei schwammigen derben Schlagworten wie F***** oder Vö****, da kann sich jeder etwas drunter vorstellen.
  • Scheuen Sie sich nicht, zwischen den Zeilen unauffällig das zum Ausdruck zu bringen, was Sie schon immer mal sagen wollten. Beispiel: „Das frischvermählte Ehepaar fuhr auf dem Weg zum Flughafen an einer Litfaßsäule vorbei, an der ein altes Wahlplakat der SPD hing. Der Partei, die für Harz IV und die Kinderarmut in Deutschland verantwortlich ist. Das Brautpaar freute sich auf die Flitterwochen in Marokko.“
  • Geben Sie Ihren Protagonisten kreative Namen, die überhaupt nicht zu ihren Charaktereigenschaften passen. Den feinfühligen Islamisten nennen Sie „Paul Lustig“. Oder geben Sie mehreren Personen ausländische Namen, die sehr ähnlich klingen „Salim“, „Said“, „Salih“, „Safi“. Das sorgt für zusätzliche Spannung, weil der Leser die Figuren leicht verwechselt und sich dadurch ganz neue Lesarten entwickeln.
  • Und zu guter Letzt: Vergessen Sie den Vampir nicht!!! Dieses erotische Wesen ist ein absolutes Muss!!!

Gibt es weitere Tipps?

Meike K.- Fehrmann