Hommage auf Douglas Adams: Mein erster „Internationaler Handtuchtag“ (Kurzgeschichte)

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Mein Freund Alex ist Gitarrist in einer Punkband. Wenn er in unserer Stammkneipe spielt, sagt er nicht „ich gebe ein Konzert“, sondern „endlich mal wieder richtig Krach machen“! An einem dieser Abende saßen wir nach dem Krachmacher-Konzert zusammen auf den fleckigen Polstermöbeln im blauen Dunst des Zigarettenqualmes. Aus den Lautsprechern dröhnte einlullende New Age Musik. Ich vermutete, dass der DJ sich im Tabakpäckchen geirrt hatte. Aber  morgens um vier, störte das niemanden mehr. Alex zog gedankenversunken an seiner Selbstgedrehten, während ich mich daran machte, die zweite Flasche Rotwein zu leeren. Plötzlich drehte er sich bei den Klängen von Aquarius zu mir um und fragte: „Kommste mit zum Internationalen Handtuchtag?“ Ich zog meine linke Skeptiker-Augenbraue nach oben und fragte schon etwas benommen: „Muss es eigentlich für jeden Quatsch einen internationalen Tag geben? Tag der Bäume – o.k., Kindertag – o.k., Kusstag – wenn´s sein muss. Aber jetzt auch noch einen Feiertag für Handtücher?“ Ich seufzte. „Es gibt sogar einen Internationalen Tag der Jogginghosen“, erklärt er mir. „Ach was!“, staunte ich. „Der ist am 21. Januar, der Jogginghosentag“, fügte er hinzu. Meine linke Skeptiker-Augenbraue wollte sich gar nicht mehr senken. „Versteh mich nicht falsch“, lallte ich beschwingt vom Wein, „Handtücher sind eine tolle Erfindung. Ich meine, was würde ich ohne ein Handtuch machen, wenn ich nass aus der Dusche steige?“ „Eben“, stimmte Alex zu, „und ich sag dir eins: Handtücher sind eine der ältesten Erfindungen der Menschheit.“ „Ach ja?“, fragte ich desinteressiert. „Klar, das erste Handtuch war aus Blättern und wurde von einem Steinzeitmenschen erfunden.“ Ich nickte beeindruckt und dachte: Der Alex ist echt ein schlaues Kerlchen. Zumindest nach zwei Flaschen Wein. „Aber eigentlich ist der Handtuchtag der Gedenktag für Douglas Adams. Wird überall auf der ganzen Welt gefeiert, sogar hier bei uns in der oberbayerischen Provinz“, er schaute mich erwartungsvoll an. Ich überlegte einen Moment und dann fiel es mir ein: „Ach, der Typ, der „Per Anhalter durch die Galaxis“ geschrieben hat?“ „Genau!“, bestätigte Alex zufrieden grinsend. „Ein Handtuch ist für jeden Anhalter absolut überlebenswichtig! Und es hat einen hohen psychologischen Wert!“, dozierte er. „So so“, entgegnete ich zweifelnd. Der hohe psychologische Wert erschloss sich mir im Moment nicht. „Und was macht man an so einem Internationalen Handtuchtag?“ „Im Kurhotel bekommt man einen Pangalaktischen Donnergurgler gratis, wenn man sein Handtuch mitbringt.“ „Wow!“, entgegnete ich begeistert. „Einen Cocktail also.“ „Nicht irgendein Cocktail“, korrigierte er mich und zitierte mit verstellter tiefer Stimme aus dem Buch: „Der beste Drink, den es gibt, ist der Pangalaktische Donnergurgler. Die Wirkung ist so, als werde einem mit einem riesigen Goldbarren, der in Zitronenscheiben gehüllt ist, das Gehirn aus dem Kopf gedroschen.“ Ich kicherte: „Hört sich ja verlockend an, so ein Goldbarren auf dem Kopf!“ Also stießen wir mit der dritten Flasche Wein auf alle Weltraum-Reisenden und den Pangalaktischen Donnergurgler an, den wir uns am nächsten Wochenende und zwar am 25.Mai gratis genehmigen würden. Auf dem Heimweg strecken wir albern lachend unsere vermeintlich elektrischen Daumen in die Luft, in der Hoffnung, dass uns ein Raumschiff mit irren Außerirdischen auflesen würde.

Am nächsten Samstagnachmittag stand ich im Bad vor dem Spiegel und überlegte: Hatte er gesagt, dass ich das Handtuch nur mitnehmen soll, oder musste ich es mir umbinden? Meine Erinnerungen an die Krachmacher-Nacht waren nur noch vage. Wenn ich mir das Badetuch über die Jeans und die Bluse band, sah das etwas seltsam aus. Aber um den Hals gelegt war es auch nicht besser. Immerhin musste ich ein ganzes Stück durch die Stadt gehen. Ich könnte das Tuch natürlich einfach in meine Handtasche stecken und erst kurz vor dem Eingang vom Kurhotel rausholen. Aber vielleicht traf ich ja in der Stadt noch andere Handtuchträger? Dann würde ich die Science Fiction Fans gleich erkennen, sinnierte ich und probierte verschiedene Varianten aus. Was trägt man bloß zu einem Handtuch? Eigentlich nichts. Man bindet es sich nur um, wenn man nackt ist, überlegte ich. Aber nackt durch die Stadt gehen, nur mit einem Handtuch bekleidet? Ich versuchte Alex zu erreichen, aber sein Handy war ausgeschaltet. Also entschied ich mich für meinen Badeanzug und wickelte mir mein schwarz-weiß gestreiftes Zebrahandtuch um die Hüften. Und welche Schuhe? Zum Handtuchlook würden Badelatschen besser passen, aber mit diesen alten Latschen in der Bar vom Kurhotel? Da kamen mir doch Zweifel. Also wohl besser die neuen High-Heels. Noch schwieriger als die Schuhfrage war allerdings die Frage nach der passenden Handtasche. Was trägt frau zum Zebrahandtuch?

Zwei Stunden später, nach reiflichen Überlegungen vor dem Spiegel zum passenden Outfit, verließ ich meine Wohnung also im Badeanzug mit Zebrahandtuch, schwarzen Highheels und einer weißen Lederhandtasche von Gucci. Für einen Tag Ende Mai war es erstaunlich kalt und regnerisch. Ich war mit Alex in einer halben Stunde im Hotel an der Bar verabredet und lief selbstbewusst los. Einige Passanten warfen mir merkwürdige Blicke zu, als ich in meinem Anhalter-Look durch die Fußgängerzone stolzierte. Ich hielt Ausschau nach anderen Handtuchträgern, konnte aber niemanden entdecken. Ein kleines Mädchen rief: „Mami, Mami, die Frau da geht mit Stöckelschuhen schwimmen, ich will auch baden!“ Die Frau zischte dem Kind etwas zu und zog es schnell weiter. Gab es denn in der ganzen Stadt keinen einzigen Douglas Adams Fan?

Meine High-Heels klackerten über den rötlichen glatten Marmorboden der Eingangshalle des Kurhotels. Zwischen den vergoldeten Büsten und überdimensionalen Gemälden mit Stillleben an den Wänden, kam ich mir mit meinem Zebrahandtuch ziemlich klein und irgendwie fehl am Platz vor. Der Mann an der Rezeption warf mir nur einen flüchtigen Blick zu und fragte: „Wollen Sie zum Psychotherapeuten-Kongress?“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, seh ich so aus?“ Er musterte mich nun aufmerksam von Kopf bis Fuß und wiegte unschlüssig seinen Schädel hin und her. „Ich bin hier, weil ich einen Pangalaktischen Donnergurgler möchte“, erklärte ich und fügte mit Nachdruck hinzu, „gratis!“ Dabei lüftete ich leicht mein Zebrahandtuch und wackelte ein wenig mit dem Po. „Na?“, sah ich ihn erwartungsvoll an, „klingelt´s?“ „Mmmmhhh“, machte der Mann und fasziniert stellte ich fest, dass auch er über eine linke Skeptiker-Augenbraue verfügte, die sich nun fast bis zum Haaransatz hob, „also der Psychotherapeuten-Kongress ist im Nebengebäude.“ Er deutete mit dem Zeigefinger über seine Schulter. „Gibt es da eine Bar?“, wollte ich wissen. Er bestätigte das und so machte ich mich schon etwas entnervt auf den Weg zum Nachbarhaus. Plötzlich kam mir ein Gedanke: Gab es womöglich diesen Internationalen Handtuchtag überhaupt nicht? War ich nur wieder auf einen von Alex Witzen reingefallen? So wie damals in der Grundschule, als er behauptet hatte, man könnte ein Hühnerei mit der Nachttischlampe ausbrüten. Nach drei Stunden Dauerbestrahlung, hatte mein Kopfkissen Feuer gefangen und lichterloh gebrannt. Ich war verunsichert. Vor dem Haupteingang des Nebengebäudes erblickte ich eine Gruppe älterer Herren. Noch hatten sie mich nicht bemerkt. Mein Blick fiel auf eine geöffnete Terrassentür an der Seite des Gebäudes. Kurzentschlossen wählte ich den Weg quer durch die frisch bepflanzten Blumenbeete, bevor die älteren Herren auf mich aufmerksam würden. Ich versuchte möglichst wenige Pflanzen mit den Schuhen meiner Wahl zu durchbohren. Nicht beachtet hatte ich allerdings, dass zwischen mir und der rettenden Terrassentür das große Panoramafenster eines Konferenzraumes lag. Um Gleichgewicht bemüht stakselte ich durch die lehmige Erde, in die ich erstaunlich tief mit meinen spitzen Absätzen einsank, als sich mir plötzlich gefühlte hundert Gesichter zudrehten. Wie vom Blitz getroffen blieb ich für einen Moment stehen und starrte durch die Scheibe. Ich drückte schließlich den Rücken durch, versuchte selbstbewusst zu wirken, denn unsichtbar konnte ich mich sowieso nicht machen, grüßte kurz mit einem leichten Nicken und versuchte dabei nicht über die Beetbegrenzung zu fallen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass einige der Leute mir freundlich zuwinkten und mitfühlend lächelten.

Endlich und etwas außer Atem, erreichte ich mit erdverschmierten High-Heels und braunen Spritzern bis an die Waden die Terrassentür. Alex saß in Jeans und karriertem Hemd alleine in der hintersten Ecke des Tresens. Aus seiner Brusttasche lugte ein schmaler winziger Frotteestreifen hervor, der noch kleiner als ein Waschhandschuh war. „Wie siehst du denn aus?“, begrüßte er mich grinsend. „Halt bloß den Mund!“, rief ich verärgert und hätte ihm am liebsten meine weiße Gucci-Handtasche um die Ohren geschlagen. Der Barkeeper war einer aus der Krachmacher-Band und versuchte sich gar nicht erst das Lachen zu verkneifen. „Komm, Süße, nimm erstmal einen Drink“, sagte Alex schließlich versöhnlich und schlug mit der Hand auf die schwarze Sitzfläche des Barhockers neben sich. „Ich will nicht irgendeinen Drink!“, entgegnete ich trotzig, „ich will einen 1A Donnergurgler!“ „Bin schon dabei was auszuprobieren“, beschwichtigte der Barkeeper. Vor sich hatte er bei verschiedenen Flaschen mit Hochprozentigem bereits die Deckel abgeschraubt und begann die Getränke wild durcheinander zu mixen. Nach Goldbarren mit Zitronenscheiben sah das Ganze nicht aus. Dennoch ließen wir uns nicht lange bitten und probierten ein Rezept nach dem anderen, um dem Geheimnis des Pangalaktischen Donnergurglers auf die Spur zu kommen. Wir ließen uns von der Zutatenliste aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ inspirierten und fachsimpelten, wie das wohl zu übersetzen sei: Eine Flasche alten Janx-Geist, ein Teil Wasser aus den Meeren von Santraginus V, drei Würfel arkturanischen Mega-Gin (ohne dass das Benzin darin verfliegt), vier Liter fallianisches Sumpfgras, ein Teil qualaktinischen Hyperminz-Extrakts, ein Zahn eines algolianischen Sonnentigers, ein Spritzer Zamphuor und eine Olive. Schon bald gesellten sich einige Teilnehmer des Psychotherapeuten Kongresses zu uns. Sie schienen alle sehr verständnisvoll für Alex Ausführungen zum Internationalen Handtuchtag zu sein und lauschten ihm mit aufmerksamen durchdringenden Blicken, auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, ob sie die tiefe Bedeutung dessen, was wir hier taten, wirklich ergründeten. Eine Hommage auf Douglas Adams und alle Weltraum-Reisenden und die, die es gerne werden wollten. Wir waren auf einer Mission!

Später haben wir die offizielle Feier für den Internationalen Handtuchtag doch noch gefunden. Sie fand nicht im Kurhotel, sondern im Parkhotel ein paar Straßen weiter statt. Aber Alex und ich fühlten uns nicht mehr in der Lage hinzugehen, weil uns so schlecht war, außerdem war mir ein Absatz an meinen schicken erdigen High-Heels abgebrochen und wieder einmal stützten wir uns gegenseitig nach Hause. Ich im Zebrahandtuch, Alex mit meiner weißen Gucci-Handtasche um den Hals baumelnd. Am nächsten Morgen fühlte ich mich tatsächlich so, als hätte mir einer mit einem Goldbarren in Zitronenscheiben gewickelt auf den Kopf geschlagen. Dennoch ist der 25.Mai seitdem als fester Feiertag in meinem Kalender markiert.

Und Du? Was machst Du am 25.Mai?

© Meike K.- Fehrmann

(Am 11.März 2015 wäre Douglas Adams 63 Jahre alt gewoden:
Happy Birthday ins Universum!!!)

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Foto: Douglas Adams © Michael Hughes (Biographile.com)