Freitagsausflug mit Hannah (Kurzgeschichte)

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hanni_Gänseblümchen

„Hast du eine Fahrkarte?“, fragt Hannah, als ich sie in der Muschelgruppe abhole. Zwischen Gummistiefeln, Matschhosen und Kuscheltieren sitzt sie auf der Bank und schaut mich erwartungsvoll an. „Hast du auch ein Geld dabei?“

Ich nicke: „Ja, aber zieh dich erstmal an.“

„Ich will Bus fahren!“ fordert sie.

„O.k.“ überlege ich kurz, denn eigentlich wollte ich lieber sofort nach Hause gehen, „wo willst du denn hin?“

„Züge gucken.“ Sie kickt einen Schuh zur Seite, schlüpft in ihre Jacke. Ich schaue aus dem Fenster im Treppenhaus, graue Wolken türmen sich auf. Bestimmt fängt es gleich an zu regnen. „Na gut“, willige ich ein.

„Wir fahren mit dem Bus!“ ruft Hannah aufgeregt, als wir im Treppenhaus einer anderen Mutter begegnen. Die Mutter lächelt und fragt: „Habt ihr kein Auto?“

Hannah schaut sie mit ihren großen grünen Augen irritiert an: „Auto ist langweilig. Fährst du auch Bus?“ Die Mutter schüttelt den Kopf. Die ersten Regentropfen fallen, als wir über den Hof gehen. Hannah biegt zielstrebig nach rechts ab.

„Zur Bushaltestelle, komm Mama, wir machen Jogging.“ Und schon läuft sie los. Ich gehe mit schnellen Schritten hinter ihr her. „Da! Ein Bus!“ ruft sie und ist schon drauf und dran auf die Straße zu springen.

„Das ist der Falsche“, sage ich und halte sie fest, „wir wollen in die andere Richtung.“ Enttäuscht schaut sie dem Bus hinterher.

„Gleich kommt unser Bus?“

„Ja, bestimmt. Wir müssen warten. Setz dich doch so lange hin.“ Ich hebe sie hoch auf die Bank. Interessiert beobachtet sie einen jungen Mann, der neben ihr sitzt und ein Handy in der Hand hält. „Will auch telenieren“, sie greift nach dem Handy. Der junge Mann steht auf und spricht in das Mobiltelefon. Endlich kommt der Bus.

„Erst die anderen aussteigen lassen“, rufe ich Hannah hinterher und ziehe sie am Arm ein Stück zurück. Einige Leute steigen aus, andere ein.

„Am Fenster sitzen“, Hannah zeigt auf ihren Lieblingsplatz. Hinten über dem Reifen, wo der Sitz etwas erhöht ist und man darum den besten Ausblick hat. Die Regentropfen klopfen sanft an die Fenster. Gut, dass wir nicht zu Fuß gehen müssen. Der Bus ist voll. Rushhour. Es ist warm und riecht nach nassen Regenschirmen und feuchten Wollmänteln. Ein älterer Herr lächelt Hannah an und fragt, während der Bus los fährt: „Wie heißt du denn, meine Kleine?“

Hannah antwortet: „Bitte?“

Der Mann, offensichtlich etwas schwerhörig erwidert: „Brigitte? Das glaube ich nicht“, und schaut mich fragend an.

„Sag mal, wie du heißt“, fordere ich Hannah auf.

„Warte mal“, sie entdeckt einen Aufnäher an der Jacke des Mannes.

„Rate mal? Ich soll raten?“ der Mann wird etwas nervös, „tja, ich weiß nicht.“

„Sie heißt Hannah“, sage ich schnell.

„Anna? Das ist aber ein schöner Name. Und wie alt bist du, Anna?“ fragt er.

„Vier“, antwortet Hannah und zeigt dabei zwei Finger.

„Du bist drei“, versuche ich richtig zu stellen.

„Nein, vier. Arne ist auch vier.“ Der Mann schüttelt den Kopf: „Die hat es aber faustdick hinter den Ohren.“ Hannah sieht sich noch immer den Aufnäher an. „Berlinerstraße“ ertönt es aus dem Lautsprecher.

„Berriener Straße“, spricht Hannah nach. „Wir fahren noch lange“, stellt sie fest.

„Nicht mehr so lange“, entgegne ich, „gleich kommt das Statistische Bundesamt, und danach müssen wir auch schon aussteigen.

„Nein, ich will gar nicht.“

„Wenn ich sage, dass wir aussteigen, dann musst du auch hören.“

„Nein.“ Sie schaut aus dem Fenster. Der ältere Mann erhebt sich und steigt bei der Berliner Straße aus. Ein anderer Mann nimmt seinen Platz ein.

„Ist das der Hermann?“ fragt Hannah mich und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf den Mann. Ich nehme ihr Hand und drücke sie sanft nach unten.

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Ist das der Hermann?“ fragt sie wieder, „doch, das ist der Hermann.“

„Nein“, entgegne ich. Der Mann schaut zur anderen Seite.

„Bist du Hermann?“ fragt Hannah. Der Mann reagiert nicht. Hannah ruft laut: „Hermann!“

„Pssst, nicht so laut“, versuche ich sie zu beschwichtigen, „das ist nicht der Hermann“, flüstere ich eindringlich.

„Doch.“ Sie tritt dem Mann gegen das Bein. Ich halte ihr Bein fest. „Statistisches Bundesamt“, tönt die Frauenstimme.

„Komm, wir müssen gleich aufstehen.“ Ich mache ihre Jacke zu. Sie schaut noch immer den Mann an, beugt sich schließlich zu ihm herüber, fixiert ihn und sagt: „Wie heißt du?“ Nun erwidert der Mann ihren Blick und sagt: „Werner.“ Hannah schaut ihn abschätzig an. Doch bevor sie etwas einwänden kann, schiebe ich sie in Richtung Tür. Der Bus hat sich inzwischen wieder in Bewegung gesetzt. Hannah verliert beinahe das Gleichgewicht.

„Halt dich gut fest“, sage ich und umfasse selbst die Stange bei der Tür.

„Ich will drücken“, ruft sie und versucht den roten Haltewunschknopf zu erreichen, „hochheben, Mama!“ Selbst um Gleichgewicht bemüht, hebe ich sie kurz hoch. Sie drückt auf den Knopf. „Nochmal, nochmal“, fordert sie, als ich sie wieder auf den Boden stelle.

„Einmal reicht“, entgegne ich. Der Bus hält und wir steigen aus. Hannah springt auf den Bussteig mitten in eine Pfütze und lacht. Auf dem Bahnhofsvorplatz ist es voll. Ich nehme sie an die Hand und sie führt mich zielstrebig zum Hauptbahnhof. „Oh, darf ich den streicheln?“ Hannah geht auf zwei Punks mit einem großen Mischlingshund zu. Sie zieht an meinem Arm. „Der Hund. Ich will streicheln!“

„Nein, das ist keine gute Idee“, ich versuche sie wegzuziehen. Die beiden Punks lachen. Der Mann hält eine Bierflasche in der Hand.

„Kann ich streicheln?“ ruft Hannah wieder.

„Klar, kannste“, entgegnet die Frau. Widerwillig lasse ich Hannah ein Stück an den Hund heran. Hoffentlich beißt er nicht. Aber er liegt nur friedlich auf dem nassen Boden und schaut sie mit sanften Augen an.

Hannah hockt sich hin und streichelt über das Fell. „Ganz weich“, kommentiert sie. „Du hast lange Haare, oder?“, fragt sie dann und starrt interessiert auf den grünen Irokesenschnitt der Frau.

Diese lacht und fragt: „Willst du auch mal so ne Frisur?“

Hannah überlegt einen Moment und schüttelt schließlich den Kopf. „Ich will einen Zopf. Da hinten“, sie zeigt umständlich auf ihren Hinterkopf. Ich nicke beruhigt.

„Wir müssen jetzt gehen“, sage ich und ziehe Hannah am Arm, „komm. Wir wollen doch noch Züge gucken.“ Und an die Punks gewandt füge ich hinzu: „Tschüs und danke.“

Sie winken Hannah zu, „mach´s gut.“ Hannah lächelt und hat es nun aber doch eilig, in die Bahnhofshalle einzutreten.

„Der rote Zug quietscht“, sagt sie, „das ist die Regiolbahn.“

„Ja, die Regionalbahn“, berichtige ich sie.

„Die braucht Öl“, fügt sie wichtigtuerisch hinzu.

„Öl?“ frage ich.

„Ja, hat Papa gesagt. Wenn die Bremse quietscht, braucht man Öl“, erklärt sie mir.

Ich nicke verwundert, „da hat er wohl recht.“

Wir schlendern an den Bahnsteigen entlang.

„Da kommt ein schneller Zug!“ ruft sie plötzlich aufgeregt, „ein weißer! Oma Christa kommt!“ Ein ICE fährt ein. Hannah hüpft von einem Bein auf das andere.

„Nein“, versuche ich sie zu beruhigen, „Oma Christa kommt heute nicht.“ Der Zug hält, die Türen gehen auf und Menschenmassen strömen auf den Bahnsteig.

„Vielleicht kommt doch Oma Christa“, sie streckt den Hals, stellt sich auf die Zehenspitzen, um die Leute besser sehen zu können.

„Nein, das dauert noch ein paar Wochen, heute kommt sie nicht.“

Hannah setzt einen enttäuschten Gesichtsausruck auf, „oh, schade.“ Wir setzen uns auf eine Bank und beobachten ein paar Tauben, die sich im Gebäude verirrt haben und nun auf dem Boden nach Krümeln suchen.

„Willst du Brezel?“ fragt sie mich, „hast du ein Geld?“

„Ja, ich habe Geld dabei“, antworte ich und wir bahnen uns den Weg zum Bäckereistand. Ich kaufe für uns zwei Brezeln und wir setzen uns wieder hin und essen. Hannah wirft den Tauben ein Stück hin und lockt damit immer mehr von ihnen an. Sie beobachtet die Vögel neugierig und lächelt.

„Hör auf“, ermahne ich sie, „die Leute wollen das hier nicht.“

„Warum?“ fragt sie und wirft ein weiteres Stückchen auf den Boden.

„Weil die Tauben überall hinmachen.“

„Haben die kein Klo?“

„Nein“, erwidere ich unsicher, „musst du Pippi?“ fällt es mir ein zu fragen. Sie schüttelt den Kopf. „Wir müssen jetzt wieder gehen“, sage ich und stehe auf.

„Nein, ich will gar nicht“, entgegnet sie und macht keine Anstalten von der Bank zu rutschen. Schließlich muss ich sie tragen. Sie strampelt und schreit. Einige Leute schauen mich entgeistert und vorwurfsvoll an. Erst auf dem Bahnhofsvorplatz lasse ich sie wieder runter.

„Beruhig dich“, rede ich auf sie ein, „wir fahren jetzt wieder mit dem Bus.“ Sie wischt sich eine Träne aus dem Auge.

„Oma Christa!“ ruft sie noch einmal herzzerreißend.

„Wir rufen die Oma heute Abend an, o.k.?“ versuche ich zu beschwichtigen. Damit gibt sie sich glücklicherweise zufrieden und wir gehen zur Bushaltestelle. Gerade noch rechtzeitig, denn der Bus ist schon eingefahren und die Leute steigen bereits ein. „Komm, schnell“, dränge ich sie. Hannahs Lieblingsplatz ist besetzt.

„Will am Fenster sitzen“, quengelt sie.

„Da vorne ist doch auch noch ein Platz am Fenster“, ich schiebe Hannah wankend durch den fahrenden Bus.

„Ich kann nichts sehen!“ ruft sie und reckt den Kopf schluchzend nach oben.

„Komm, setz dich auf meinen Schoß“, sage ich und hebe sie hoch, „jetzt kannst du alles sehen.“ Häuser, Autos und LKW ziehen an uns vorbei. Es hat aufgehört zu regnen.

„Ich muss Pippi“, sagt Hannah plötzlich.

„Das geht jetzt nicht“, zische ich leicht panisch, „eben habe ich dich gefragt, da hast du nein gesagt.“

„Aber ich muss Pippi“, bekräftigt sie trotzig.

„Hannah, schau mal, das Mädchen da hat eine Lillifeetasche“, versuche ich sie abzulenken. Hannah sieht sich die Tasche interessiert an.

„Will auch eine Lillifeetasche.“

„Die kannst du dir ja zum Geburtstag wünschen“, schlage ich vor und zähle im Kopf die Bushaltestellen, die noch vor uns liegen und beginne mit ihr über Geburtstage, Geschenke, Kuchen, und wen sie von ihren Kindergartenfreunden einladen will zu sprechen. Hannah fängt an laut „Happy birthday to you, Marmelade im Schuh“ zu singen. Die ältere Dame gegenüber lacht, während sich ein jüngerer Mann hinter seiner Zeitung versteckt. Endlich erklingt das herbeigesehnte „Rennbahnstraße“ und wir steigen aus. Hannah springt wieder mit beiden Beinen gleichzeitig von der Stufe auf den Bussteig.

„Musst du immer noch Pippi?“ frage ich, während Hannah dem Bus hinterher winkt. Sie verzieht das Gesicht, „ja, ganz doll“, und tippelt von einem Fuß auf den anderen. Schnell ziehe ich ihr die Hose runter und hebe ihre Beine hoch, so dass sie in der Luft sitzt und schon geht es los, gleich neben dem Haltestellenschild. Gerade noch mal rechtzeitig, denke ich erleichtert und schaue mich etwas peinlich berührt um. Glücklicherweise waren wir die einzigen, die ausgestiegen sind.

„Draußen Pippi machen ist toll“, sagt Hannah und zieht sich die Hose hoch.

„Ja“, seufze ich, „aber auf Toilette ist es besser.“

„Draußen ist toll“, widerspricht sie mir und gähnt. Dann gehen wir Hand in Hand die Straße hoch, aber das letzte Stück muss ich sie tragen.

„Bin schlappi schlapp“, sagt sie, drückt ihren Kopf an meinen Hals und schon fallen ihr die Augen zu, noch ehe wir unsere Haustür erreicht haben.

„Wo ihr nur wieder steckt“, sagt mein Mann, als ich die friedlich schnarchende Hannah in seine Arme lege.

© Meike K.- Fehrmann

Nominiert beim Literaturwettbewerb des österreichischen Verkehrsverbundes und veröffentlicht in
„Literatur für AussteigerInnen. Oder wie sich die Welt ohne Auto bewegt“ (2011)