Walpurgisnacht (Christoph von Mickwitz)

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Walpurgisnacht

Walpurgisnacht

„Der Mai ist gekommen,
Die Bäume schlagen aus!”
Wer hätte den Ruf vernommen
Und bliebe noch still zu Haus?

Hinaus, hinaus in`s Freie,
Wer noch mit begeisterter Brust
Empfindet der Stunden Weihe
In jauchzender Frühlingslust!

Hinaus und fachet ein Feuer
Dem Mai, ein loderndes, an,
Damit er mit Ehren auch heuer
Den Einzug halten kann…..

Schon glimmen, schon glühen die Flammen,
Schon stiebet der Funken Pracht:
So feiern wir jubelnd zusammen
Die alte Walpurgisnacht.

Und aus den Flammen steigen
Viel lustige Geister hervor,
Sie wiegen sich fliegend im Reigen
Und schwingen sich singend im Chor.

Die Hexen schweben hernieder
Und dreh`n sich im feurigen Kreis:
Da fährt es auch uns durch die Glieder,
Wie ein Taumel, fieberheiß.

Und immer heißer und voller
Erknistert die prasselnde Glut,
Und immer rasender, toller
Entfacht sie das rasche Blut.

Und wie uns die Flammen umschlagen,
Da sind wir, wer weiß es noch, wo?
Es umrauschen uns alte Sagen,
Es umglüht uns die Waberloh.

Die Nornen nahen und singen
Enträtselte Runen uns vor,
Die gewaltigen Weisen klingen
Heimlich in`s horchende Ohr.

Die Flammen flackern und flimmern
Und prasseln in toller Hast:
Schon ist`s uns, als sähen wir schimmern
Tief drinnen den Zauberpalast.

Hoch prasseln noch auf die Flammen,
Eine wilde Feuerflut  —
Dann sinken sie knisternd zusammen
Und langsam verlischt die Glut.

Doch uns in den Herzen da sprüht es
Und ringt es in mächtigem Drang,
Doch uns in den Herzen da glüht es
Und klingt es in prächtigem Sang.

„Der Mai, der Mai ist gekommen!”
Du zaubergewaltiges Wort,
Wenn längst das Feuer verglommen,
Du tönest im Herzen fort.

Du sollst und wirst nicht verklingen,
So lang` noch die Wolken geh`n,
So lang` noch die Menschen zu singen
Und freudig zu jubeln versteh`n.

Und die Ihr dies Lied vernommen,
Frisch auf und jauchzt es hinaus:
„Der Mai, der Mai ist gekommen,
Die Bäume schlagen aus!”

Autor: Christoph von Mickwitz (1850–1924)

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