Die verliebte Freiheit

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Freiheit saß an diesem schönen sonnigen Frühlingsmorgen auf dem Torbogen der alten Stadtmauer, schloss die Augen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Bestimmt hätte sie einen Sonnenbrand bekommen oder zumindest viele kleine Sommersprossen auf der Nase. Und wenn schon. Freiheit fand, dass Sommersprossen sehr sympathisch aussahen. Doch so schien die Sonne durch sie hindurch, nur ein leichter silbriger Schimmer war an der Stelle zu sehen, an der sie saß und herzhaft gähnte. Dann erblickte sie einen jungen Mann. Er kam gerade durch das Tor, hatte einen etwas zu großen Anzug an und trug eine Aktentasche in der Hand. Interessiert sah Freiheit zu ihm hinüber. Kurz entschlossen sprang sie auf seine Schulter. Der Mann, der eben noch so geschäftig dahergegangen war, blieb stehen, hielt für einen kurzen Moment inne, schaute nach oben in den Himmel und ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht. Als er weiter ging, war sein Gang beschwingt. Er pfiff ein leises Lied vor sich hin und Freiheit ließ sich noch ein kleines Stück von ihm tragen. Vor dem Universitätsgebäude winkte er einem älteren Mann zu, der in einem Mercedes langsam an ihm vorbei fuhr. Der ältere Mann ließ die Scheibe herunter fahren und nickte ihm zu. „Und, wie steht es?“, fragte der ältere Mann, „haben Sie sich mein Angebot durch den Kopf gehen lassen?“ Der Jüngere nickte noch immer lächelnd und sagte: „Das habe ich, sogar sehr gründlich. Leider muss ich ihnen absagen. Durch dieses Geschäft würden zu viele Menschen um ihren Arbeitsplatz gebracht werden. Das kann ich nicht verantworten.“ Der alte Mann starrte für einen kurzen Moment gerade aus, fixierte dann wieder den jüngeren und seine Gesichtszüge verhärteten sich. „Nun, dann werden Sie sich möglicherweise in Zukunft Sorgen um ihren eigenen Arbeitsplatz machen müssen“, sagte er und trat aufs Gas. Freiheit hatte dem Gespräch zugehört ohne zu verstehen, worum es eigentlich genau ging. Sie saß noch immer auf der Schulter des jungen Mannes, er schien sehr nachdenklich zu sein, aber nicht betrübt. Leise murmelte er: „Besser so als anders. Ich werde schon was Neues finden.“ Und so ging er weiter zum Eingang des großen Gebäudes.

Freiheit aber hüpfte auf einen kleinen Baum in der Nähe der Bibliothek. Hier saß sie oft, schaute durch die Fenster in den großen Lesesaal und sah, wie Leute sich über Bücher beugten, die Stirn in Falten legten, manchmal auch lachten, aber das kam nur selten vor, denn viele lustige Bücher gab es in der Bibliothek nicht. Ab und an huschte Freiheit durch ein offenes Fenster und setzte sich mal zu diesem, mal zu jenem, schaute über Schultern und brachte einer alten Frau dieses seltsame Gefühl, dass die Sorgen, die sie eben noch niederzudrücken suchten, plötzlich völlig bedeutungslos wurden. Die Gedanken, eben noch gefangen in Zweifeln, durften wieder fließen, rissen die Gefühle mit und für einen Moment, ja nur für einen ganz kurzen Moment fühlte sich die alte Frau herausgehoben aus der Masse der anderen, schaut etwas verwundert von ihrem Buch auf und dann war Freiheit aber auch schon wieder weitergelaufen. Die Bibliothek war für Freiheit ein besonderer Raum, so konzentriert und still. Die Quintessenz der großen Dichter und Denker auf wenigen Quadratmetern. Die meisten von ihnen hatte Freiheit gekannt, bei manch einem war sie über viele Wochen geblieben und nicht von seiner Seite gewichen. Wieder anderen war sie nur flüchtig begegnet.

Freiheit genoss jeden Tag, schlechte Laune kannte sie nicht, auch wenn sie manchmal bedauerte, dass kein Mensch sie zu sehen schien. Sie ließ sich gerne festhalten und umarmen, blieb auch gerne eine Weile, aber wenn man Freiheit nicht festhielt, hopste sie einfach weite. Das lag in ihrer Natur. Und während Freiheit auf dem großen Tisch hockte und versuchte ein Buch über Kopf zu lesen, das in den Händen eines älteren Herrn lag, sah sie ihn. Er – einer wie sie. Oder zumindest so ähnlich. Freiheit spürte eine freudige Erregung in sich aufsteigen. Endlich hatte sie jemanden gefunden, mit dem sie all die Momente teilen konnte, die ihr so bedeutend erschienen! Jemand, mit dem sie die ganzen Fragen besprechen konnte, die ihr durch den kleinen Kopf schwirrten. Für den alten Mann war er unsichtbar, saß auf seiner Schulter und grübelte. Er hatte Freiheit noch nicht bemerkt. Also sprang sie auf den Kopf des Mannes, der sich sogleich zurück lehnte und tief durchatmete und schaute ihren neuen Freund an. Erschrocken fuhr dieser hoch und hätte fast das Gleichgewicht verloren.

„Wer bist du?“, fauchte er, „verschwinde!“ Freiheit sah ihn überrascht an, denn so viel Unfreundlichkeit hatte sie nicht erwartet.

„Ich bin Freiheit“, sagte sie dann etwas eingeschüchtert mit sanfter Stimme: „Und wer bist du? Ich habe dich hier noch nie gesehen.“

„Ich heiße Tod“, antwortete er geistesabwesend.

„Und? Warum schaust du so betrübt?“, fragte Freiheit ihn.

„Was kümmert´s dich?“, entgegnete Tod.

„Nur so. Schließlich wohne ich hier und habe dich noch nie gesehen“, erwiderte sie. Dann fügte sie hinzu: „Aber manchmal wohne ich auch in der Kirche oder im Reisebüro beim Marktplatz. Soll ich es dir mal zeigen?“ Aber Tod hatte keine Lust mit Freiheit umherzustreifen. Er war schlecht gelaunt und das hatte einen guten Grund.

„Ich muss den Alten hier mitnehmen, aber er will irgendwie nicht“, jammerte er.

„Wohin willst du ihn denn mitnehmen?“, fragte Freiheit.

„Hier, in den Beutel“, und Tod zeigte auf einen kleinen Lederbeutel, der an seinem Gürtel hing.

„Der Beutel ist nicht sehr groß“, Freiheit schüttelte den Kopf, „da passt er nicht rein.“

„Ach was, die Seele reicht doch“, sagte Tod gereizt. Der alte Mann reckte die Arme nach oben und gähnte laut. Tod sprang von seiner Schulter herunter auf den Tisch. Die Gesichtszüge des Alten entspannten sich merklich.

„Vielleicht ist er der falsche“, versuchte Freiheit Tod aufzumuntern, „nimm doch einen anderen, wenn dieser nicht will. Hier sind doch so viele“, und sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.

„Man, bist du naiv“, entgegnete Tod, „das geht doch nicht. Ich muss die holen, die mir aufgetragen sind. Hier guck mal“, Tod nahm ein kleines Gerät aus seinem Beutel, „hab ich ganz neu, heißt GPS.“ Freiheit schaute interessiert auf das Display, konnte aber außer Strichen und Punkten nichts Interessantes erkennen.

„Da stehen die genauen Koordinaten drauf“, er drückte auf ein paar Knöpfe, „und hier ist ein Foto und der Name.“ Das Abbild des alten Mannes starrte ihr stumm und völlig reglos entgegen, `Joachim Haucke´ stand darunter. „Irrtum ausgeschlossen“, beendete Tod seine Ausführungen und steckte das Gerät wieder in seinen Beutel. Als Freiheit nichts erwiderte, fuhr Tod fort: „Früher war das noch anders“, erklärte er, „da gab es nur Zettel, da hab ich auch schon mal den Falschen eingesackt und musste noch mal los, aber heute passiert mir das nicht mehr so leicht. Deswegen die ganze Überbevölkerung. Den Menschen kannst du es sowieso nicht recht machen“, schimpfte er, „holst du zu viele, jammern sie rum, holst du zu wenige, ist es auch nicht recht.“ Er schaute frustriert drein und seine grünen Augen bewegten sich unruhig hin und her.

„Aha“, sagte Freiheit nur und wunderte sich darüber, dass Tod so viel Ärger hatte.

„Und für wen arbeitest du?“ wollte Tod dann von ihr wissen, der sich nun offensichtlich doch über ihre Gesellschaft freute.

Freiheit zuckte nur mit den Schultern: „Ich mache einfach nur, was mir gefällt.“

„Da hast du es aber gut“, entgegnete Tod etwas neidisch, „wenn ich tun könnte was ich will, na ja, da würde ich ganz andere einsammeln, das kannste aber wissen.“ Griesgrämig schaute Tod auf den alten Mann, „aber unsereins nimmt ja nur Befehle entgegen.“ Tod tat Freiheit plötzlich sehr leid, darum sprang sie vom Kopf des alten Mannes und setzte sich neben Tod auf den Tisch. Er war genau so groß wie sie, hatte zerzauste schwarze Haare und eine spitze kleine Nase. Auch wenn sein Gesicht ziemlich blass war, so wirkten seine grünen Augen doch sehr lebendig und aufmerksam. Plötzlich fing sein GPS im Beutel an zu piepen. Er nahm es heraus, verzog den Mund und sagte: „Ich muss los. Wir sehn uns.“ Und schon sprang er mit einem Satz zum Fenstersims hinauf. Freiheit rief ihm nach: „Komm bald wieder, ja?“ Als Zeichen, dass er sie gehört hatte, hob er kurz seinen rechten Arm und war dann auch schon verschwunden, ab durchs Fenster und quer über den großen Vorplatz der Bibliothek.

Freiheit blieb nachdenklich zurück. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Herr Haucke plötzlich das Buch laut zuschlug und aufstand. Er schlurfte zu einem Regal und ließ seinen Zeigefinger über die Buchrücken gleiten. Aber ganz bei der Sache schien er nicht zu sein. Immer wieder hielt er inne, starrte ins Leere, betastete die Buchrücken erneut, ging ein paar Schritte weiter und wieder zurück. Normalerweise wäre Freiheit jetzt auf seine Schulter gesprungen, aber irgendwie hatte sie keine Lust. Immer wieder musste sie an Tods grüne Augen denken und an das, was er ihr gesagt hatte. Ob er wohl bald zurück kam? Freiheit schaute zum Fenster hinaus, aber von Tod war nichts zu sehen. Schließlich versuchte sie die Gedanken an ihn wegzuwischen und weil es ihr in der Bibliothek langweilig wurde, entschloss sie sich, nach draußen zu gehen.

Der Himmel war noch immer strahlend blau, die Mittagssonne stand hoch und ließ ihre Haare weiß, fast durchsichtig, schimmern. Junge Leute lagen auf Decken im Park, schliefen im Schatten der Bäume, ein Tag zum verlieben schön. Freiheit gefielen auch all die anderen Tage mit Wolkendecke, Regen, Gewitter. Sie möchte auch die Nächte. Aber so einem Frühlingstag wohnte doch ein besonderer Zauber inne. Es lag etwas in der Luft. Ein unsichtbares Knistern umgab viele Menschen, egal ob jung oder alt. Sogar der Zeitungsverkäufer, der sonst nie ein freundliches Wort für andere übrig hatte, scherzte mit der Frau des Bürgermeisters, die gerade eine Illustrierte bei ihm bezahlte.

Freiheit lief weiter in Richtung Reisebüro. Sie schlüpfte durch die Tür hinein, als eine Frau das Reisebüro betrat. Im großen Schaufenster standen Palmen, dazu waren Bilder mit Stränden, Meer und Bergen aufgehängt. Von einer Papptafel lachte ein Mann in Badehose und einem kleinen Jungen auf den Schultern Freiheit entgegen. Die beiden liefen am Strand entlang, nasse gebräunte Haut und feuchte Haare wehten im Wind, das Lachen schallte aus dem Foto stumm herüber. „Hier haben wir einen neuen Prospekt über die Malediven“, sagte die Angestellte und reichte der Frau einen Hochglanzprospekt mit vielen bunten Bildern. Freiheit sprang auf die Schulter der Angestellten und schaute ebenfalls interessiert in die Broschüre. Da waren Hotels abgebildet, Swimmingpools und viele kleine Tabellen mit Zahlen und Symbolen.

Die Kundin blätterte und seufzte schließlich: „Das sieht toll aus, aber dieses Jahr können wir uns das wohl nicht leisten. Mein Mann hatte einen Unfall und konnte längere Zeit nicht arbeiten und bei den Kindern steht auch noch einiges an. Sie wissen ja selbst wie das ist: neues Schuljahr, Bücher, Klassenfahrt und so weiter“, sie reichte der Angestellten den Prospekt zurück, „ich suche eher nach etwas preisgünstigem für die ganze Familie.“ Die Angestellte holte noch einige andere Prospekte, aber alles schien zu teuer zu sein. „Vielleicht machen wir doch nur Urlaub an der Nordsee oder im Schwarzwald“, sagte die Frau und in ihrer Stimme klang etwas Traurigkeit mit, „aber selbst da ist in den Schulferien nicht mehr viel Günstiges zu bekommen. Haben Sie nicht auch Prospekte von Ferienwohnungen?“ Plötzlich hatte die Reisebüroangestellte eine Idee. „Wie wäre es mit Norderney? Meine Eltern haben dort eine Ferienwohnung.“ Die Frau schaute überrascht auf, aber die Angestellte fügt hinzu: „Meine Chefin ist gerade nicht da. Ich könnte mal bei meiner Mutter anrufen und fragen, ob sie die Wohnung selbst brauchen.“ „Oh, ja, das wäre sehr nett“, erwiderte die Frau und strahlte. Schon nahm die Angestellte den Hörer in die Hand und sprach mit ihrer Mutter. Sie erklärte die Situation, nickte ein paar Mal, lachte, während Freiheit weiterhin auf ihrer Schulter hockte. Schließlich legte sie den Hörer auf und sagte: „Eigentlich darf ich das ja nicht, aber sie haben bestimmt eine sehr nette Familie. Jedenfalls ist die Wohnung in den zwei Wochen, in denen sie verreisen wollen noch frei. Meine Mutter wollte sowieso gerne, dass mal jemand nach dem rechten schaut, weil sie selbst erst wieder im Herbst hinfahren kann. Ich schreibe ihnen hier die Telefonnummer auf“, mit diesen Worten reichte sie der Frau einen kleinen Zettel, „und wegen des Preises werden sie sich schon einig.“ Freiheit sah die Angestellte zwinkern und so verabschiedeten sich die beiden Frauen. An der Tür sagte die Reisebüroangestellte zu sich selbst: „Ach, ich sollte wirklich auch mal wieder in den Urlaub fahren, vielleicht auf die Malediven?“ Mit einem Satz war Freiheit auf den Fußweg gesprungen und schon wieder unterwegs.

„He!“, hörte sie plötzlich eine Stimme rufen. Freiheit huschte ein Lächeln über das Gesicht, denn sie hatte die Stimme sofort erkannt. Sie drehte sich um und ein paar Meter von ihr entfernt saß Tod auf einem gelben Postkasten.

Er grinste breit und sagte: „Wo treibst du dich rum? Hast du nichts zu tun?“

„Ich habe immer zutun. Eben habe ich mir Reiseprospekte angeschaut“, erwiderte Freiheit verlegen, „und wo warst du?“

„Im Altenheim“, sagte Tod, „da bin ich des öfteren. Es gefällt mir dort ganz gut.“ Im Altenheim war Freiheit noch nicht so oft gewesen. Manchmal streunte sie im Park hinter dem Heim herum, aber hinein war sie schon lange nicht mehr gegangen.

„Soll ich es dir zeigen?“, fragte Tod.

„Oh gerne“, freute sich Freiheit und so liefen sie gemeinsam los. Freiheit hätte gerne Tods Hand genommen, aber sie traute sich nicht.

„Hier riecht es aber komisch“, sagte Freiheit als sie das Altenheim betraten.

„Komisch? Du riechst vielleicht komisch“, Tod saugte die Luft tief ein, „das nenne ich fantastisch, besser als in den Grüften von Sankt Peter“, er lachte hysterisch.

Freiheit fand das nicht lustig, darum sagte sie nur: „Aha“, und wunderte sich wieder einmal über ihren neuen Freund. Sie gingen die langen weiß gestrichenen Gänge hinunter und Tod führte sie in ein Zimmer, in dem zwei Betten standen. Das eine Bett war leer und wurde gerade von einer Pflegerin neu bezogen. „Den habe ich vorhin geholt“, Tod zeigte stolz auf das leere Bett, „und den da drüben“, damit zeigte er auf das andere Bett, „den hole ich auch bald.“ Freiheit sprang auf das Bett. Die Decke war nur leicht nach oben gewölbt, unter ihr lag eine sehr schmale Person. Freiheit betrachtete das Gesicht aufmerksam. Die Wangen waren eingefallen, der ganze Körper wirkte ausgezehrt. Das rasselnde Geräusch des Atems, die leicht zuckenden Augenlieder, ja, dieser Mensch lebte. Freiheit streichelte dem Mann über das Haar und plötzlich öffnete er die Augen und schaute Freiheit direkt ins Gesicht. Ihre blauen Augen, die weißen Haare und das Lächeln, das immer ihren Mund umspielte, schien er tatsächlich zu sehen. Da piepste Tods GPS, er schaute nach und in diesem Moment atmete der Mann zum letzten Mal. Seine Augen starrten weiter in Freiheits Richtung, aber er sah sie nicht mehr.

„Na so was“, murmelte Tod, „das ging aber schnell, mach mal Platz.“ Er schob sie beiseite, beugte sich zum Gesicht des Mannes, aber Freiheit konnte nicht sehen, was er machte. Da rief die Pflegerin plötzlich laut: „Der Herr Renner, schnell, der Herr Renner atmet nicht mehr.“ Sie trat an sein Bett, griff nach seiner Hand und rief: „Herr Renner! Herr Renner!“ Aber Herr Renners Seele war längst in Tods kleinem Beutel verschwunden.

„Ich möchte sie gerne mal sehen“, sagte Freiheit, „die Seele. Wie sieht sie denn aus?“ Tod und Freiheit saßen auf dem Geländer vom Park.

„Ich darf sie dir nicht zeigen“, antwortete Tod, „niemand darf die Seelen sehen. Sie könnten sonst Schaden nehmen. Da kann ich kein Risiko eingehen.“ Freiheit war sehr enttäuscht.

„Bitte!“, versuchte sie es erneut und sah ihn flehend an, „es ist mir ganz wichtig.“

„Nein“, entgegnete Tod schroff, „hör jetzt auf.“

„Ach komm schon, lass mich nur ein einziges Mal in deinen Beutel schauen!“

„Nein!“

„Bitte, bitte, bitte“, versuchte es Freiheit erneut.

Da wurde Tod sehr ärgerlich und schrie: „Hast du verstopfte Ohren? Ich kann sie dir nicht zeigen und jetzt verschwinde!“ Und damit lief er davon.

Freiheit fühlte sich gekränkt und sie rief: „Na dann eben nicht! Behalt doch deine Seelen für dich!“ Aber Tod war schon außer Hörweite. Er raste davon, schoss hoch in die Luft und war verschwunden.

Da sich Freiheit aber nie lange über etwas ärgerte, bereute sie bald, dass sie Tod so bedrängt hatte. Wo mochte er nur stecken? Und was war, wenn sie ihn niemals wieder sehen würde. Sie biss sich auf die Lippen. Das wäre doch zu schade. Natürlich war Tod fast immer schlecht gelaunt und hatte keine guten Manieren. Unhöflich war er außerdem und ein bisschen rücksichtslos, aber dennoch: Freiheit mochte Tod nun einmal, vielleicht weil er so ganz anders war als sie. Also machte sie sich auf den Weg, um ihn zu suchen. Aber wo sollte sie anfangen? Wo starben die meisten Menschen? Zuerst kam Freiheit der Friedhof in den Sinn. Aber das war natürlich absurd. Wer stirbt schon auf einem Friedhof? Vielleicht war er wieder im Altenheim, aber dort wollte sie nicht noch einmal hingehen, zumindest heute nicht.

Also blieb ihr nichts anderes übrig, als durch die Stadt zu laufen und überall Ausschau zu halten, wo Tod sich ihrer Meinung nach verstecken könnte. Am Abend ging sie schließlich wieder zurück zur Bibliothek. Sie hatte Tod nirgends gefunden und vermisste ihn sehr. In der Bibliothek war nun alles still. Die Leute waren nach Hause gegangen, das Licht war gedämpft. Nur ein paar letzte Sonnenstrahlen fielen durch die staubigen Fenster nach drinnen und ließen die Buchrücken in den Regalen rötlich schimmern. Mit einem Mal knallte ein Buch hinter Freiheit auf den Boden. Sie fuhr vor Schreck in die Luft und hörte ein lautes Lachen: „Ha, ha, hab ich dich!“, rief Tod, der sich oben auf dem Regal versteckt hatte.

Freiheit fand das nicht sehr komisch, beruhigte sich aber schnell wieder: „Ja, hier bin ich. Ich habe dich gesucht.“

Tod schien gerührt. „Ich werde nicht oft gesucht“, sagte er, „komm doch hoch zu mir.“

Freiheit ließ sich das nicht zweimal sagen und mit einem Satz hockte sie neben Tod auf der obersten Bücherreihe.

„Es tut mir leid“, begann sie, „ich wollte dich vorhin nicht ärgern. Ich war nur so neugierig.“

„Es sei dir verziehen“, antwortete Tod großspurig mit einer ausladenden Handbewegung, „aber lass dir gesagt sein, mit mir kann man nicht feilschen.“ Mit diesen Worten griff Tod nach Freiheits Hand und schrie: „Aua, verdammt, was war denn das?“ Auch Freiheit war entsetzt zurückgezuckt, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen.

„Du bist geladen“, stellte sie fest.

„Ich? Quatsch, das bist du!“

Tod griff erneut nach ihrer Hand. Wieder durchfuhr beide ein kleiner stechender Schmerz. Tod lachte: „Das ist toll, komm, ich will noch mal.“ Und weil sich Freiheit von Tod anstecken ließ, musste auch sie lachen. Schließlich jagte er sie durch die ganze Bibliothek. Wann immer er sie erwischte, sprühten kleine Funken zwischen ihnen. Er schrie jedes Mal auf und fand es doch so schön. Auch wenn es etwas schmerzte, war es ein gutes Gefühl und Freiheit ließ sich gerne berühren und umarmen. Und als sich Tod und Freiheit schließlich zwischen Goethe und Schiller, Dostojewski und Brecht liebten, gab es große Stichflammen. Ihr Liebesspiel war so wild, dass viele Bücher zu Boden fielen, Regale umkippten und eine Wasserflasche zerbrach, deren Inhalt Die Bibel befeuchtete. Funken stieben, wenn sie sich berührten und selbst als in der Bibliothek ein Feuer ausbrach, weil die vielen staubigen Buchseiten den Funken nichts entgegen zu setzen hatten, ließen sie nicht voneinander ab. Die vielen Gedanken und großen Autoren stieben mit Rauchwolken in die Nacht, entflohen den steifen Buchseiten, ein Geistertanz aus Feuer, Papier, Leder und Holz. Der Lärm der Feuerwehrleute, das kalte Wasser und der Rauch spornten Tod nur noch mehr an. Und auch Freiheit hatte keine Augen für die Flammen um sie herum, sondern nur für Tods kleinen Körper und ihr gemeinsames Spiel. Die ganze Nacht lang kümmerten sich die beiden nicht um das Chaos um sie herum, bis sie schließlich erschöpft nebeneinander auf einem verkohlten nassen Weltatlas liegen blieben und sich nur noch ansahen. Die Bibliothek glich einem Schlachtfeld aus Bücherleichen, Wasser und herabgestürzten Regalen und Balken.

Als sich Tod und Freiheit schließlich trennten, weil Tods GPS piepte, fühlte sich Freiheit sehr gut. Traumwandlerisch schritt sie durch die Menschenmassen, die sich vor der Bibliothek auf dem großen Platz versammelt hatten. Manche schwiegen wie erstarrt beim Anblick der Ruine, andere weinten. Als sie den Bürgermeister sah, der verzweifelt nach Worten suchte, setzte sie sich auf seinen Fuß. Er beruhigte sich etwas, sprach durch ein Mikrofon zu der Menge, doch Freiheit hörte nur mit halbem Ohr zu. Man werde alles tun, um zu retten, was noch zu retten sei. Das Gebäude werde wieder aufgebaut, schöner und größer als zuvor und so weiter. Freiheit dachte an Tod und so setzte sie sich schließlich wieder auf den Torbogen der alten Stadtmauer und träumte vor sich hin.

Aber weil man nicht den ganzen Tag träumen kann, entschied sich Freiheit schließlich, einen kleinen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Überall waren die Menschen noch immer in heller Aufregung. Vor der Bibliothek standen sie und auf dem Marktplatz und redeten aufgeregt über die große Tragödie.

„Die vielen Bücher, einzigartige Werke darunter“, jammerte ein Mann kopfschüttelnd und ein anderer sagte: „Den Haucke sollte man lynchen.“

„Was kann denn der dafür?“, fragte eine kleine Frau, „er wird als Bibliotheksleiter wohl kaum selbst das Feuer gelegt haben.“

„Na und? Trotzdem ist er für die Bestände verantwortlich“, erwiderte der erste, „was hier für ein Schaden entstanden ist, das ist unglaublich.“

Die kleine Frau fügte hinzu: „Wir müssen jetzt alle zusammen halten, da nützt es nichts, einem die Schuld in die Schuhe zu schieben.“

„Weiß man denn, wie das Feuer ausgebrochen ist?“, frage ein anderer.

„Nein, vielleicht ein Kurzschluss“, vermutete der erste.

„Ich habe gehört, es gäbe mehrere Brandherde“, entgegnete die kleine Frau, „hoffentlich keine Brandstiftung.“

„Wer zündet denn schon eine Bibliothek an?“

„Ach, Chaoten gibt es immer, besonders in der heutigen Zeit.“ Und so gingen die Gespräche den ganzen Tag weiter. Freiheit hüpfte mal von einem zum anderen, hörte zu, versuchte zu verstehen, wieso die Menschen das alles so mitnahm. Denn immerhin konnte man ja eine neue Bibliothek bauen und es wurden so viele Bücher geschrieben. Und große Dichter und Denker gab es damals wie heute.

Dann am späten Nachmittag entdeckte sie Tod. Er stand in der Nähe eines Polizisten und schaute gelangweilt auf die eben beginnenden Aufräumarbeiten. Freiheits Herz schien vor Freude zu hüpfen und sie winkte Tod zu und rief: „Tod! Hallo, Tod! Hier bin ich!“

Tod sah zu ihr herüber und seine Miene hellte sich auf. „Komm, ich muss dir etwas zeigen“, rief er aufgeregt. Als er nach ihrer Hand griff, gab es wieder einen Funken und der Polizist sprang vor Schreck einen Schritt zur Seite. Aber die beiden kümmerten sich nicht weiter darum, sondern rannten lachend los.

„Hier müssen wir rein“, Tod zeigte auf ein großes gelbes Haus, „komm, schnell, wir müssen uns beeilen, sonst fängt es ohne uns an.“ Obwohl Freiheit nicht gleich verstand worum es ging, folge sie Tod in das Haus. Und da sah sie im Treppenhaus einen alten Bekannten. Es war Herr Haucke, der Leiter der Bibliothek, den Freiheit schon oft gesehen hatte und von dem sie sich des öfteren durch die Bibliothek hatte tragen lassen. Tod sprang sofort auf seine Schulter und Freiheit krabbelte die Treppenstufen hinter ihnen her.

Herr Haucke stieg die Treppe immer weiter hinauf. Stufe um Stufe. Eine Hand schob er über das schmutzige Geländer. Je höher sie kamen, um so langsamer ging der Mann. Er ächzte und stöhnte bei jeder weiteren Treppenstufe. Sie hatten den fünften Stock gerade hinter sich gelassen. Danach kam nur noch eine schmale Leiter zur Dachluke. Freiheit hüpfte aufgeregt hinterher, während Tod noch immer auf seiner Schulter saß. Sie war froh, Tod nun endlich wieder bei sich zu haben, auch wenn sie nur wenige Stunden voneinander getrennt gewesen waren, so war es ihr doch wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen. Auch Tod schien glücklich zu sein. Seine Haare wippten leicht auf und ab, als der Mann die Leiter emporkletterte. Feuchte Flecken wurden auf Herrn Haukes Hemd sichtbar und kleine Schweißperlen zierten seine Oberlippe. Er öffnete die Luke und sofort wehte eine frische Brise in sein Gesicht. Herr Haucke setzte sich erschöpft auf das Flachdach und atmete schnell. Freiheit konnte sein Herz schlagen hören, bumm bumm, bumm bumm, bumm bumm. Es schlug viel schneller, als normalerweise. Er hatte sich wohl etwas überanstrengt.

„Was hast du vor?“, fragte Freiheit aufgeregt, „ich habe nach dir gesucht.“

Aber Tod zwinkerte ihr nur zu: „Ist eine Überraschung.“ Er lächelte und fügte hinzu: „Warte einfach nur ab.“ Langsam erhob sich der alte Mann. Er schaute sich um. Eine graue Haarsträhne klebte an seiner Schläfe und der Wind blies die Haare zur Seite, so dass seine Halbglatze zum Vorschein kam, die er immer versucht hatte, durch geschicktes rüberkämmen der Seitenhaare zu verdecken. Nun drückte der Wind sie nach oben, gleich einem weichen Deckel, der hochklappte und sein kleines Geheimnis preis gab. Vorsichtig ging der Mann bis an den Rand des Daches und schaute nach unten. Und nun zum ersten Mal fragte sich Freiheit, wieso der Mann überhaupt auf das Dach gestiegen war. Tod saß noch immer auf seiner Schulter. Die Lippen des Mannes bewegten sich. Er sagte etwas undeutliches, trat noch ein kleines bisschen näher an den Rand, so dass seine Schuhspitzen schon etwas darüber hinaus ragten. Sein Gesicht war verzerrt vor Kummer, schließlich schüttelte er den Kopf und trat wieder einen Schritt zurück. Tod seufzte und sprang dem Mann auf den Kopf.

„Was will er denn hier oben?“, fragte Freiheit schließlich, „er will doch nicht hinunter springen, oder? Das ist für Menschen nicht gut“, stellte sie fest.

„Tja, für Menschen vielleicht nicht, aber alles hat eben seine Zeit. Und seine Zeit“, damit tippte er dem Alten an die Stirn, „ist langsam abgelaufen. Das hat er zumindest so entschieden. Da kann ich nichts machen.“

Freiheit verstand das nicht so recht. „Vielleicht sollten wir ihn davon abhalten“, schlug sie vor.

„Wozu?“, fragte Tod überrascht und sah zu ihr hinunter, „ob er heute stirbt oder in zehn Jahren, das macht doch keinen Unterschied. Menschen sind eben so. Sie kommen und gehen.“ Unentschlossen starrte Herr Haucke in den Himmel, als warte er auf irgendein Zeichen oder einen Ratschlag aus den Wolken. Ob er einen bekommen hatte, wusste Freiheit nicht, jedenfalls drehte sich der Mann plötzlich um und steuerte langsam wieder die Dachluke an.

„Er hat es sich doch wieder anders überlegt“, sagte Tod enttäuscht, „schade, es hätte so schön sein können.“ Meter um Meter näherte sich der Mann der Luke. Als er dicht davor stand, blieb er stehen und schaute noch einmal zur Dachkante. In diesem Moment sprang Freiheit auf seinen Kopf, drückte Tod einen Kuss auf den Mund und wollte sagen: „Macht doch nichts, vielleicht nächstes Mal.“ Aber dazu kam sie nicht mehr, denn plötzlich lief der Mann los. Er schien alle seine Kräfte zu mobilisieren, steuerte direkt die Dachkante an, rannte schneller und schneller, Tränen schossen ihm in die Augen und dann war nichts mehr unter seinen Füßen. Tod hatte sich mit einer Hand an seinen Haaren festgekrallt und hielt mit der anderen Freiheit fest, die sonst davon geflogen wäre. Der Alte sauste hinab wie ein schwerer Stein und schlug hart auf dem Asphalt auf. Blut spritzte, Knochen brachen und Freiheit war noch immer zu überrascht über die plötzliche Wendung, als dass sie etwas hätte sagen können.

So wollte sie gerade von dem Mann herunterspringen, als Tod sie zurückhielt und leise sagte: „Warte, hier schau mal.“ Aus dem Ohr des Mannes holte er mit geschickten Fingern einen kleinen Stein. Er glänzte bläulich im Abendlicht. Ganz vorsichtig hielt Tod ihn in der Hand und Freiheit betrachtete ihn aufmerksam.

„Ist sie das?“ wisperte Freiheit. Tod nickte nur, öffnete seinen Lederbeutel und legte den Edelstein vorsichtig hinein.

„Auftrag erledigt“, stellte er schließlich fest und lächelte. Freiheit erwiderte sein Lächeln und die beiden hopsten Hand in Hand von dem toten Mann herunter und schlenderten durch den angrenzenden Park.

„Das war wirklich toll“, schmeichelte Freiheit schließlich, „vielen Dank, dass du mir die Seele gezeigt hast.“

„Ja, aber das war das erste und letzte Mal“, erwiderte Tod fest, „Seelen sind sehr zerbrechlich, man darf sie nicht erschrecken. Selbst wenn sie noch im Menschen wohnen, muss man sie gut behüten, sonst hauen sie ab.“ Und er machte eine schnelle Handbewegung in Richtung Himmel. Wirklich beeindruckend fand Freiheit das, obwohl sie sich immer noch wunderte, warum sich Herr Haucke plötzlich doch entschieden hatte zu springen.

„Weiß nicht“, meinte Tod, „aber als du zu mir gesprungen kamst, da ist er losgerannt. Wir sind ein gutes Team, weißt du“, sagte Tod zärtlich, „es hat ihm ja nicht geschadet. Seine Seele ist vollkommen in Ordnung“, beruhigte er sie. Freiheit lächelte, denn sie war so froh, dass sie ihrem Freund geholfen hatte und flüsterte: „Das war einer der schönsten Tage, die ich je erlebt habe.“ Tod war ganz ihrer Meinung.

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