Die Erotik des Schachspiels

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Als Mona Friedrich traf, saß er auf einer Parkbank. Oder besser gesagt, er hing auf einer Parkbank. Und zwar nicht auf irgendeiner Parkbank, sondern auf ihrer Parkbank. Sein Körper schien völlig entspannt, der Kopf war nach hinten gefallen. Das einzige, was sich an ihm regte, war sein Brustkorb, der sich rhythmisch zu lauten Schnarchgeräuschen hob und senkte. Eigentlich hatte Mona vorgehabt, den Frühlingsmorgen ganz in Ruhe im Park zu verbringen. Sie hatte sich ihren Lieblingsgedichtsband in die dunkelbraune Lederhandtasche gesteckt und trug über dem Arm eine leichte Fliesdecke, die sie sich unterlegen wollte, so wie sie es immer tat. Und nun war ihre Bank besetzt.

Sie hätte weiter gehen können. Sie hätte sich eine andere Parkbank aussuchen können. Sie hätte einfach wieder nach Hause gehen können. Sie hätte vieles tun können, aber gerade in diesem Moment fiel ihr nichts ein und so blieb sie stehen und betrachtete den fremden Mann abschätzig. Sein Gesicht war wettergegerbt und tiefe Falten zogen sich über seine Stirn. Etwas Speichel sickerte aus seinem rechten Mundwinkel, das graue Haar war wahrscheinlich am Morgen sorgfältig zur Seite gekämmt worden, davon zeugten die etwas dunkleren Strähnen mit Pomade, stand aber hinten inzwischen wieder ab. Seine Hände lagen schlaff auf der Bank neben ihm, waren in schwarze Handschuhe gehüllt und berührten leicht den marineblauen langen Mantel. Monas Blick glitt zu seinen Beinen und Schuhen, als sie plötzlich durch ein lautes Grunzen erschreckt wurde, das der Kehle des Alten entschlüpft war. „Huch“, entfuhr es ihr und sie wich einen Schritt zurück, musste dann aber grinsen. Genau solche Geräusche hatte ihr Ehemann früher auch manchmal beim Schlafen gemacht. Sie war des Öfteren davon aufgewacht und hatte sich über sein lautes Geschnarche geärgert. Aber nachdem er ausgezogen war und sie ihr Bett wieder für sich allein hatte, konnte sie die ersten Nächte kaum schlafen. Es war nicht seine Nähe, die ihr fehlte, sondern seine Geräusche in der Dunkelheit. Die Nächte waren ihr plötzlich so leise und ungewohnt vorgekommen. Der Mann vor ihr begann sich zu strecken. Erst die Beine, wobei er sie fast mit seinen ausgestreckten Füßen berührte, dann die Arme. Schließlich öffnete er die Augen und blinzelte in den hellblauen Frühlingshimmel. Gerade als Mona der Gedanke kam, dass es vielleicht unhöflich oder zumindest merkwürdig erscheinen könnte, wenn er bemerkte, dass sie so dicht vor ihm stand und ihn anstarrte, wandte er ihr sein Gesicht zu. „Guten Morgen“, sagte Mona und lächelte höflich. „Guten Morgen“, brummte er mit belegter Stimme, „ich habe schon lange nicht mehr das Gesicht einer schönen Frau beim Aufwachen gesehen.“ Mona spürte, wie die Röte in ihrem Gesicht aufstieg und ihre Wangen zum glühen brachte. Es entstand ein kurzer Moment des Schweigens. „Setzen Sie sich doch“, forderte er sie auf und rutschte dabei ein paar Zentimeter zur Seite. „Gerne“, entgegnete Mona, faltete sorgfältig ihre Fleecedecke zweimal mittig und setzte sich auf den weichen Stoff. Die Decke war so dick, dass Mona mit den Füßen kaum mehr den Boden berühren konnte. „Blasenentzündung?“, fragte der Alte. „Noch nicht“, erwiderte sie, „aber es muss ja nicht so weit kommen.“ Nun hatte sie endlich wieder ihren gewohnten Bankausblick. Die beiden Linden, deren Äste sich vor der hellblauen Kulisse berührten, wie zwei Freunde, die sich an den Händen hielten. Das Rosenbeet, das noch braun und karg da lag und noch nichts von der kommenden Blütenpracht erahnen ließ. Rechts und links der Bank wuchsen hohe Hecken, an denen die ersten hellgrünen Knospen zu sprießen begannen und einen guten Sichtschutz boten. „Kommen Sie öfters hier her?“, fragte Mona und ließ ihren Blick auf die etwas weiter entfernte Wiese gleiten. Im Sommer lagen hier oft Jugendliche auf Decken, tranken Bier und genossen die Wärme oder Familien ließen sich zum Picknick nieder. Aber jetzt gehörte die Wiese nur dem Morgentau, der in der Sonne glitzerte und ein paar wenigen Wildvögeln. „Nein, ich war noch nie hier. Und Sie? Kommen Sie regelmäßig hier in den Park?“ „Ja, allerdings. Jeden Tag.“ „Und dann sitzen Sie immer auf dieser Bank und betrachten die Linden?“ fragte er ohne sich ihr zuzuwenden. „Ganz genau.“ „Und ausgerechnet heute sitzt ein alter Knacker hier und stört“, fuhr er fort. Sie musste lachen und fühlte sich ertappt, konnte sich aber ein sanftes Nicken nicht verkneifen. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, dabei knüpfte er seinen Mantel auf und zog eine kleine Plastikschachtel hervor, „können Sie Schach spielen?“ „Schach?“, fragte Mona überrascht, „das habe ich schon lange nicht mehr gespielt.“ Neugierig betrachtete sie die Schachtel. „Also ja“, sagte der Alte, „Sie müssen schon entschuldigen, dass dieses Schachspiel nicht besonders schön ist. Es ist nur aus Plastik mit Magnetfiguren“, mit diesen Worten klappte er ein kleines Schachbrett auseinander und legte es zwischen sie auf die Bank. Die schwarz-weißen Kästchen glänzten schwach im Sonnenlicht. Die Figuren waren ebenfalls aus Plastik und sahen schon recht abgenutzt aus. „Reiseedition“, stellte Mona belustigt fest. „Verzeihen Sie, ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Holler. Friedrich Holler. Aber nennen sie mich doch bitte einfach Fritz“, er zog den Handschuh von seiner rechten Hand und streckte sie ihr entgegen. Als Mona seine Hand nahm, fühlte sie die angenehme Wärme auf ihrer und sagte: „Ich heiße Mona.“ Während Friedrich die Figuren aufstellte erklärte er: „Wenn Sie gewinnen, stehe ich sofort auf und verspreche, nie wieder Ihre Bank zu besetzen.“ „Einverstanden“, antwortete Mona, „und wenn ich verliere?“ „Nun, dann müssen Sie auch in Zukunft diese Bank ab und zu mit mir teilen.“ Mona wägte ab. Die Chance gegen Friedrich zu gewinnen erschien ihr minimal. Wenn er schon ein Schachspiel mit sich herumtrug, war er sicher ein geübter und guter Spieler. Sie hingegen hatte seit ihrer Jugendzeit nicht mehr gespielt. Andererseits war es ein öffentlicher Park. Jeder konnte sich auf die Bank setzen, wann immer er wollte. „Sie finden die Bedingungen unfair?“, interpretierte er ihr Schweigen. „Na ja, eigentlich nicht“, entgegnete sie. „ `Eigentlich´ ist ein Wort, das beim Schach nicht vorkommt“, sagte er und sah ihr direkt ins Gesicht, „Schach ist ein Spiel der klaren Entscheidungen.“ „Gut, dann fangen wir doch einfach an. Weiß beginnt, schwarz gewinnt. Oder war es andersrum?“, fragte Mona unsicher. „Ich überlasse Ihnen gerne den ersten Zug“, antwortete Friedrich galant. Mona wählte eine klassische Eröffnung mit dem Springer. So hatte ihre Oma stets das Spiel eröffnet und sie hatte fast nie verloren. Ein Lächeln huschte über Friedrichs Gesicht. Er wählte einen Bauern und zog ihn zwei Felder in ihre Richtung. „Schach ist das einzige Spiel, das ich von meinem Vater gelernt habe. Es war überhaupt das einzige Spiel, das er jemals mit mir gespielt hat“, erklärte Mona, als sie ebenfalls einen Bauern vor zog. „Oh ja, Väter sollten viel öfter mit ihren Kindern spielen“, antwortete Friedrich, „ich denke, dass Sie einen Vater hatten, der es sehr gut mit Ihnen gemeint hat.“ „Strategiespiele waren für ihn immer sehr wichtig. Ob er es ansonsten auch immer gut mit mir gemeint hat, wage ich zu bezweifeln.“ „So so, obwohl Schach doch viel mehr als ein Strategiespiel ist. Es ist ein Lebensspiel“, Friedrich zog einen weiteren Bauern vor. „Wohl eher ein Imperialistenspiel“, erwiderte Mona, „in der DDR war das Spiel verpönt.“ „In der DDR war vieles verpönt.“ Mona schlug mit dem Springer seinen Bauern. „Sie sind offensiver als ich dachte“, sagte Friedrich und sein Mund wurde von einem Lächeln umspielt. Stolz hielt sie seinen Bauern in der Faust und ihre Augen blitzten. „Haben Sie gewusst, dass die Dame die wichtigste Figur im Spiel ist?“, mit diesen Worten schlug er mit seiner Dame Monas Springer. „Mist!“, entfuhr es ihr, „die hab ich nicht gesehen.“ Mona ärgerte sich. Sie war wirklich aus der Übung. „Ich dachte immer der König ist die wichtigste Figur.“ „Nein, nein. Das soll uns nur eingeredet werden. Der König ist in Wirklichkeit nichts weiter als ein Fettsack, der so träge ist, dass er sich immer nur einen einzigen Schritt bewegen kann.“ Mona musste lachen und zog einen weiteren Bauern. „Die Dame ist die wirkliche Hauptfigur. Sie zieht in alle Richtungen so weit sie will. Sie ist der Inbegriff von Freiheit und Stärke. Vorbild für uns alle.“ Er zog seinen Läufer quer über das Feld: „Freisein und doch zu wissen, was sich zu bewahren lohnt.“ „Aber alle versuchen den König zu schützen“, entgegnete Mona. „Ja genau, wieso eigentlich?“, fragte Friedrich, „was meinen Sie?“ „Wahrscheinlich weil die Regeln eben so sind. Gewonnen hat der, der den König schachmatt setzt.“ Sie zog ihren Bauern direkt vor seinen Läufer. „Die einzige Figur, die der Dame etwas anhaben kann, ist der Springer. Sein Zug ist der einzige, den die Dame nicht imitieren kann. Eins vor, eins quer“, damit zog er seinen Springer vor. Mona versuchte sich zu konzentrieren und entschied sich für einen weiteren Bauern. Ihr Springer war durch seinen Läufer blockiert. „Sie haben gerade die Deckung für Ihren König aufgegeben“, stellte Friedrich fest. „Oh nein, darf ich noch mal zurück?“, bat sie. „Normalerweise können Entscheidungen nicht rückgängig gemacht werden, aber in Ihrem Fall wollen wir eine Ausnahme machen. Schließlich haben Sie lange nicht mehr gespielt“, sagte er zwinkernd. Somit wählte Mona den Bauern vor ihrem Turm. Friedrich zog seine Dame quer genau auf ihren anderen Turm zu und schlug ihn. Nun stand seine Dame direkt neben ihrem verbliebenen Springer. So oder so war ihr Springer verloren. Also entschied sie sich für ihren anderen Turm. Sie hatte keinen Plan, wohin sie wollte, keine Strategie. Aber statt ihren Springer direkt zu schlagen, zog Friedrich seinen Turm neben seinen König. Nur noch ein Bauer stand zwischen seinem Turm und ihrem König. Es war ausweglos. Wenn sie den einen Bauern vorzog, um den anderen zu schützen, gab sie die Deckung für ihren König auf, blieb sie so stehen, würde er nur noch zwei Züge brachen, um sie schachmatt zu setzen. Also zog sie ihren Turm vor den König als zusätzlichen Schutz. „Aha“, kommentierte Friedrich, „Sie setzen alles auf den Schutz ihres Königs.“ Er sah sie mit seinen grünen Augen aufmerksam an und zog seinen Springer, so dass ihr einziger Turm in Gefahr war. Sie fühlte sich plötzlich in die Enge getrieben. Seine schwarzen Figuren bedrohten sie. Es gab keinen Ausweg mehr. „Ich glaube, Sie haben gewonnen.“ Resigniert lehnte sie sich zurück. „Geben Sie so leicht auf?“, fragte er. „Es ist doch nur ein Spiel, ich habe keine Lust mehr“, sagte Mona trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich verrate Ihnen etwas“, sagte Friedrich, „als ich meine Frau kennen lernte, bat ich sie mit mir Schach zu spielen. Das war Anfang der 60er Jahre. Direkt nach dem Schachspiel machte ich ihr einen Heiratsantrag, obwohl wir uns erst seit wenigen Tagen kannten und diese Ehe hielt über 40 Jahre lang.“ „Wieso? Hat sie Sie besiegt? Hat Sie das beeindruckt?“ fragte Mona und ihre Arme entspannten sich ein wenig. „Nein“, lächelte Friedrich, „sie hat mich nicht besiegt, aber an der Art wie sie spielte, wusste ich, was sie für ein Mensch ist. Sie können in 20 Minuten Schachspiel mehr über den Charakter eines Menschen erfahren als in mehrstündigen Gesprächen. Und dann ist da natürlich noch die erotische Komponente. Ein Spiel voller Symbolik.“ „Ach ja?“, Mona zog eine Augenbraue nach oben und versuchte seine Anspielung auf Erotik zu überhören, „und was haben Sie über mich erfahren?“, fragte sie schließlich. Friedrich lachte leise: „Dass Sie ein spontaner Mensch sind und Dinge mit großer Begeisterung beginnen, das spricht für Sie.“ „So, und was spricht gegen mich?“, wollte Mona wissen, als er nicht fortfuhr. Ihre Stimme klang dabei schroffer, als sie es eigentlich wollte. „Sie sind unentschlossen, haben Mühe zu Ihren Entscheidungen zu stehen, wissen nicht, wo Sie im Leben hin wollen. Ihnen fehlen die Ziele, für die es sich lohnt zu kämpfen und außerdem“, fügte er hinzu, „sind sie eine schlechte Verliererin.“ Mona schnappte nach Luft. Sie spürte wie Ärger in ihr aufstieg. „Oh, ich wollte Sie nicht verletzen“, sagte Friedrich sanft und legte seine Hand auf ihren Arm. „Ich könnte das auch positiv ausdrücken. Sie sind nicht verbissen, nicht übertrieben ehrgeizig, ordnen Ihre eigenen Wünsche denen anderer Personen unter.“ Mona war noch immer fassungslos vor Wut. „Was bilden Sie sich ein, mir so etwas an den Kopf zu werfen“, rief sie und sprang auf. Dabei glitt ihre Decke zu Boden. „Verzeihung, Sie haben doch gefragt, wenn ich mich recht erinnere“, er legte seinen Kopf schief und blinzelte, da die Sonne ihn blendete. „Und Sie? Wissen Sie, wie Sie auf mich wirken?“ rief Mona gereizt, „wie jemand, der andere bedrängt, sie an die Wand stellt, rücksichtslos sind Sie. Sie, sie sind ein Wolf!“ Mona griff nach ihrer Decke. „Sie haben Recht“, entgegnete er, „genau so bin ich. Der Vergleich mit dem Wolf gefällt mir übrigens sehr gut“, sagte er anerkennend, „Sie sind nicht die erste, die ihn sieht, obwohl ich niemals im Rudel auftrete.“ Dabei griff er in seine Manteltasche und zog eine schwarze Pistole heraus. Die Pistole auf sie gerichtet sagte er ruhig: „Sie müssen schon verzeihen, aber ich muss schließlich auch von etwas leben.“ „Was?“ Mona war fassungslos, „was soll denn das?“, stotterte sie. „Ihr Mann hat mich beauftragt, es tut mir sehr leid. Wie es scheint, möchte er eine Scheidung umgehen.“ Friedrich schraubte einen Schalldämpfer auf die Pistole. Mona stand da wie gelähmt. „Mein Mann? Das kann doch nicht sein!“ und sie dachte plötzlich an die Firma ihrer Eltern. Das Bild, wie sie Thomas mit seiner Geliebten im Ehebett erwischt hatte, flammte plötzlich in ihr auf und wie sie sich bisher nicht hatte entschließen können, die Scheidung einzureichen. Als ihr Gehirn endlich das Signal an die Beine sandte, zu rennen, war es schon zu spät. Die Kugel traf sie mitten ins Herz. Als sie zu Boden sackte, hörte sie Friedrich noch sagen: „Es war mir eine Ehre.“ Dann wurde alles um sie herum schwarz.

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