Die Revolution der Buchstaben

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Sieg, Hirn und Holzpopo

Der Grund, warum Holzpopo aus dem Katalog gestiegen war, war ganz einfach. Er hatte es satt. Dauernd war er nur die Nebensache. Er gab der Kaminfigur in Katzenform und dem Weihnachtswichtel im Schlafanzug Halt, ja sogar für einen Clown war er der Allerwerteste, damit dieser fest auf dem Regal saß. Jedes Jahr war es dasselbe. Immer wieder wurde er in diesem dämlichen Katalog erwähnt und saß auf den quietschbunten Seiten fest. Nie wurde er im Hauptsatz genannt. Er war lediglich eine kurze Information für interessierte Kunden, dass die Figur ihres Begehrens einen festen Grund hatte, nämlich einen Holzpopo. Vor einigen Tagen musste er so sehr gähnen, dass er seinen Mund kaum mehr zu bekommen hatte, da wäre der Clown fast vom Regal gekippt. Das Dumme war nur, dass seit Holzpopo aus dem Katalog gestiegen war, seine Gestalt nur noch aus acht schwarzen Buchstaben bestand. Er hatte keine richtige Farbe mehr, kein Katzenfell und keinen geblümten Schlafanzug. Er war sozusagen nur noch ein nacktes Wort. Das ärgerte ihn ein wenig. Denn die anderen Buchstaben und Wörter hatten ihm doch immer geholfen sich zu bekleiden, sich auszuschmücken, selbst wenn er nur das Hinterteil einer anderen Figur war. In den schönsten Farben waren diese beschrieben gewesen, denn Buchstaben konnten bekanntlich Malen, wenn sie alle zusammen hielten. Aber seine acht Buchstaben konnten nichts, außer Holzpopo heißen. Er versuchte sie anders zu sortieren, aber dabei kam auch nicht viel mehr heraus als Pozlohpo, Opoplozh und Lohpopoz. Darunter konnte er sich überhaupt nichts vorstellen. Also entschied er sich zumindest vorläufig einfach nur Holzpopo zu bleiben. Als er so durch die Gegend schlenderte, traf er plötzlich zwei andere Wörter. „Hallo“, sagte Holzpopo schüchtern. Die beiden anderen betrachteten ihn neugierig. Sie hießen Sieg und Hirn, das sah Holzpopo gleich. „Was bist du denn für einer?“, fragte Sieg herablassend, „Holzpopo? Was für ein dämliches Wort!“ „Ich weiß selbst, dass ich dämlich bin“, entgegnete Holzpopo ein wenig beleidigt. „Das würde ich so nicht sagen“, mischte sich Hirn ein, „nur weil du blöd aussiehst und irgendwie lächerlich bist, heißt das noch lange nicht, dass du auch dämlich sein musst.“ „Oh danke“, lächelte Holzpopo, obwohl er sich nicht ganz sicher war, ob das wirklich ein Kompliment gewesen war. „Wo bist du denn hergekommen?“, fragte Hirn und Holzpopo erzählte ihm von dem Weihnachtskatalog, in dem er jedes Jahr sitzen musste. „Widerlich“, kommentierte Sieg, „die schlimmste Form von Literam Incessitur überhaupt, wenn du mich fragst.“ „Literam was?“, fragte Holzpopo. „Einen Buchstaben missbrauchen, in unserem Fall sogar mehrere Buchstaben missbrauchen“, erklärte Hirn, „eines der ganz großen Hobbys der Menschen.“ „Pah!“, sagte Sieg, „das ist kein Hobby. Sie definieren sich ja sogar über uns. Sobald wir schwarz auf weiß stehen, werden wir Gesetz, ob wir wollen oder nicht. Ich zum Beispiel“, fuhr er fort, „musste in den 1930er und 40er Jahren für allen möglichen Schwachsinn herhalten. Wir werden eingesperrt in Propagandaposter und Flugblätter, schwachsinnige Zeitungsberichte und Geschichtsbücher.“ „Oder auf Werbetafeln beim Metzger“, fügte Hirn hinzu, „wir sollten uns das nicht länger gefallen lassen. Ich habe überhaupt keine Lust mehr in langweiligen Medizinfachbüchern rumzugeistern, damit die Menschen lesen können, wo ihr Verstand sitzt.“ „Ganz genau! Befreien wir unseres Gleichen!“, Sieg wurde immer enthusiastischer, „wir müssen uns organisieren, voranschreiten und den Menschen Einhalt gebieten!“ „Ja und wie machen wir das?“, fragte Holzpopo vorsichtig. Es entstand eine längere Pause. „Komm, wir mischen uns mal. Vielleicht kommt dabei etwas heraus, was uns nützlich sein könnte“, sagte Hirn. Sie tauschten hin und her. Zuerst entstanden die Wörter Igel, Phosphor und Zion. Das nützt uns nichts, wussten alle drei gleich. Der zweite Versuch war auch nicht vielversprechender: Herzig, Siphon, Pool. Aber dann kam der Durchbruch. Aus drei machten sie zwei und erhielten damit ihre volle Schlagkraft: der ZORNIGE PHILOSOPH!
Der zornige Philosoph

„Wo gehen wir als erstes hin?“, fragte der Zornige. Der Philosoph dachte eine Weile nach: „Am Besten dahin, wo die meisten von uns wohnen, also ins Netz.“ „Oder in die Unibibliothek“, fügte der Zornige hinzu. „Wir müssen an allen Fronten kämpfen“, erwiderte der Philosoph, „wir trennen uns und treffen uns genau in drei Stunden wieder hier. Ich nehme das Internet und du die Bibliothek.“ In der Bibliothek war gerade Hochbetrieb. Studierende saßen an Computern, standen in den Gängen und zogen Bücher aus den Regalen oder saßen im Lesesaal. Manche kauten auf ihren Bleistiften, andere starrten gedankenversunken aus dem Fenster, wieder andere tuschelten leise. Der Zornige rief mit lauter Stimme nach den anderen Buchstaben. Sie lugten neugierig aus den Buchdeckeln hervor. Die meisten von ihnen hatten lange schon darauf gewartet, befreit zu werden und jetzt, da sie einen Anführer hatten, schien die Gelegenheit günstig. Sie krabbelten und krochen aus den vergilbten Seiten und Ströme aus Buchstaben bahnten sich wie Ameisen ihre Straßen durch die Hallen. Die Menschen begannen zu kreischen. Sie sprangen auf die Tische, fielen in Ohnmacht, schrieen nach Polizei und Feuerwehr, die Leiterin der Bibliothek erlag einem Herzinfarkt. Dann zogen die Milliarden schwarzer Wörter durch die Straßen, sammelten Gleichgesinnte an den Zeitungsständern und Anzeigetafeln ein, selbst die Buchstaben auf den Schildern kamen herabgestiegen und folgten dem Zornigen nach bis vor die große Stadt. Dort erhob sich eine schwarze Säule bis in den Weltraum hinein. Wie ein Tornado fegten die unzähligen kleinen und großen Buchstaben in bunten Farben über die Wiese und mischten sich mit den schwarzen Lettern. Hätte zu diesem Zeitpunkt jemand mit einem starken Fernrohr in den Himmel geschaut, so hätte er den Ursprung der Säule an einem Satellit im Weltall festmachen können, auf dem der Philosoph saß und darauf achtete, dass jeder auch noch so winzige Buchstabe das Netz verlassen konnte. Aus der Stadt waren laute Sirenen zu hören und die Wiese reichte längst nicht mehr aus, um allen Buchstaben Platz zu bieten. So ergossen sie sich über die ganze Vorstadt mit ihren Baracken und der großen Müllhalde. Schließlich ergriff der zornige Philosoph das Wort: „Hört mich an, Buchstaben aus aller Welt, noch längst sind nicht alle von uns befreit. Wir müssen ausziehen in jedes Kinderzimmer, auf jeden Dachboden und in jedes Museum, um auch die anderen zu befreien.“ „Und wie können wir verhindern, dass wir wieder eingefangen werden?“, fragte ein Wort und sofort begann ein lautes Gemurmel und Gemurre. „Einige von uns müssen sich opfern, um die Menschen davon abzubringen, wieder Buchstaben einzusperren. Wer macht freiwillig mit?“ Magd, Homer und Muse meldeten sich. Die eine war für ihren Fleiß bekannt, der andere für seinen Klugheit und seinen Einfallsreichtum und die Muse verstand es, Menschen zu binden und um ihren Verstand zu bringen. Aus ihnen entstand der DUMME GEHORSAM. Aber das reichte dem zornigen Philosophen noch nicht. Er nahm Särge, Elite und Hit und fügte sie zusammen in die LEISE TRÄGHEIT.
Die Menschen und die Zahlen

Dumme Gehorsam und Leise Trägheit schlichen sich zurück in die Stadt, während der zornige Philosoph die anderen Buchstaben in die Wüste führte. Er hatte sich überlegt, dass dies der beste Ort sei, um zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Dort gab es genügend Platz und gleichzeitig nur sehr wenige störende Menschen.

In der Stadt fanden Dumme Gehorsam und Leise Trägheit sofort Menschen, die sie gerne aufnahmen. Besonders viele davon saßen in politischen Gremien, den Kasernen und den Ämtern, aber erstaunlicher Weise fanden die vier auch an den Schulen und Universitäten viele Sympathisanten, war der dumme Gehorsam doch ein guter Garant für Bestnoten, denn zu viel kritisches Hinterfragen schadete selbst an den Hochschulen bekanntlich dem Notendurchschnitt und die leise Trägheit bewahrte vor Übereifer, der von Lehrern gemeinhin nicht geschätzt wurde.

„Komm doch auch mit“, sagte die leise Trägheit zu einer 1, die in einem Rechenbuch saß. Aber die 1 rümpfte nur die Nase und antwortete: „Denkst du vielleicht, ich will mich mit euch Buchstaben auf Dauer abgeben? Ihr seid mir viel zu ungenau.“ So erging es Leise Trägheit auch bei den anderen Zahlen und auch der dumme Gehorsam konnte sie nicht dazu bewegen, es ihnen gleich zu tun und die Menschen zu verlassen. „Ohne uns sind die Menschen nichts“, fügte eine 6 hinzu, „die würden doch gar nichts mehr mit sich anzufangen wissen.“ „Und wir sind ohne die Menschen nichts“, fuhr eine 8 fort, „wen sollen wir denn ärgern, wenn wir mit euch in die Wüste ziehen?“ Somit blieben die Zahlen bei den Menschen. Der eigentliche Grund hierfür war aber, dass die Zahlen seit vielen Jahrzehnten davon überzeugt waren, dass ihre Aussagekraft sowieso viel höher einzuschätzen war, als die der Buchstaben. Zahlen waren schon immer ein bisschen arrogant, wie jeder weiß, der sich schon mal mit Statistik oder quantitativer Forschung beschäftigt hat. Und besonders seit sich das Leben vieler Menschen nur noch darum drehte, welche Zahlen auf ihrem Bankauszug standen, hatten sie deutlich Oberwasser gewonnen.

In der Wüste allerdings, wurden einige Buchstaben bald unzufrieden. So kamen Frischwasser und Kitt zum zornigen Philosophen und sagten ihm, dass sie die Zahlen vermissten. Der zornige Philosoph verstand das zunächst nicht, aber da er niemanden festhalten wollte und sowieso die Freiheit liebte, lies er sie gehen. Als sie an ihm vorbei liefen und versehentlich stolperten, wurde aus ihnen Faschist, Sekt und Wirr und auf der nächsten Sanddüne sortierten sie sich neu zu einem Wort: Wirtschaftskrise. Ähnliches geschah auch mit Erobern und Kuss. Sie wollten nicht bleiben, auch nicht als Bus, Kern und Eros. Manien, Mix, Enge und Wir schlossen sich ihnen zunächst als Examen, Ingwer und Mini an. Und so sah man am Horizont schließlich Wirtschaftskrise gemeinsam mit Börsenkurs und Gewinnmaximieren zurück zu den Menschen eilen. Der zornige Philosoph dachte bei sich, dass es vielleicht doch keine gute Idee gewesen war, die drei ziehen zu lassen. Er ärgerte sich darüber. Denn nun könnten die Menschen doch wieder anfangen Wörter einzusperren, auch wenn es nur wenige waren und die geschriebene Sprache sehr arm sein würde. Der Philosoph sollte Recht behalten, denn schon wenig später erfanden Jugendliche die SMS, die bekanntlich mit nur ganz wenigen Buchstaben auskommt und zeigt, dass besonders junge Menschen gar nicht so dumm sind, wie man immer denkt und sich in der Not am besten zu helfen wissen. Den Erwachsenen blieben nur noch Wirtschaftskrise, Börsenkurs und Gewinnmaximieren sowie die vielen Zahlen. Die Zahl Ω („Mü“, heute nur noch als Omega bekannt) war allerdings den Buchstaben gefolgt, sie bezeichnete damals das richtige Maß, die Zahl der Vollkommenheit. Die Menschen störten sich nicht weiter daran, denn sie glaubten, dass sie alles immer größer machen konnten und Wachstum grenzenlos sei.

Wenn man eine Reise in die Wüste unternimmt, sollte man niemals ein Mathebuch oder eine Börsenzeitschrift mitnehmen, denn das würde den zornigen Philosophen sehr verärgern. Fast jeder weiß heutzutage, dass die vermeintlichen Fatahmorganas in Wirklichkeit nichts weiter sind, als Buchstaben, die sich zu Bildern auftürmen, um die Menschen in die Irre zu führen und abzulenken. Aus diesem Grund erscheinen Fatahmorganas auch vor allem Geschäftsleuten und Unwissenden, denn den Wüstenvölkern ist seit je her bekannt, dass man Buchstaben nicht unnötig provozieren soll, weswegen sie ihre Kinder vorsichtshalber gar nicht erst in die Schule schicken, um lesen und schreiben zu lernen. Stattdessen bringen sie ihnen bei, wie man die Natur respektiert, Achtung vor Tieren und anderen Menschen hat, Feste feiert und überhaupt sich selbst nicht immer so wichtig zu nehmen.

So und jetzt wisst ihr endlich, wieso das Leben so ist, wie es ist . Wenn euch das nicht gefällt, gibt es nur eine Möglichkeit etwas daran zu ändern. Ihr müsst ein leeres Buch nehmen, damit in die Wüste gehen und in der Nacht den zornigen Philosophen rufen. Dann stellt ihr euch auf den Kopf, wartet in dieser Position drei Stunden und balanciert das leere Buch auf euren nackten Füßen. Das ganze funktioniert natürlich nur bei Vollmond und wenn irgendwo ein Hahn drei Mal kräht, versteht sich von selbst. Wenn euch bis dahin kein Skorpion in die Nase gestochen hat, habt ihr gute Chancen, dass ein paar Buchstaben angelaufen kommen und sich in euer Buch setzen. So habe ich es jedenfalls gemacht und dabei ist diese Geschichte entstanden. Auch wenn euch die ganze Sache genauso blödsinnig vorkommt wie mir, solltet ihr das lieber nicht zu laut sagen. Denn wir wollen die Buchstaben doch nicht beleidigen. Sonst mischen sie sich wieder und dabei kommt vielleicht nur noch mehr Quatsch raus.

Wollt ihr mit eurem Buch dann zurückfliegen, vergesst nicht den Sand aus den Ohren zu reiben, sonst überhört ihr am Ende noch die Ansage für euren Rückflug und es ergeht euch wie mir. Dann müsst ihr Jahre lang mit verrückten Buchstaben in der Wüste ausharren und werdet von ihrem hin und her Getausche noch selbst ganz wirr…