Farbrausch der Lust – von Meike K.-Fehrmann

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„Mike, ich habe etwas vor mit dir, etwas ganz Besonderes. Es wird dir gefallen“, sagte Anna geheimnisvoll und schmiegte sich an ihn.

Mike schlang seine Arme um sie, drückt sein Gesicht an ihren Hals und atmet tief ein. Mit geschlossenen Augen genoss er ihren Duft und ihre Nähe, ihre weichen braunen Haare an seiner Stirn. Seit einer Woche hatten sie sich nicht gesehen. Er hatte sie so vermisst.

„Wir können doch auch einfach…“ Seine Hand glitt zu ihrem Po und er drückte sie noch fester an sich.

„Du musst dich noch etwas gedulden. Ich habe eine Überraschung für dich, warte.“ Sie gab ihm einen kurzen Kuss auf den Mund und löste sich aus seiner Umarmung. Er seufzte und verdrehte die Augen.

„Gib mir einen Augenblick.“

Sie ließ Mike in der offenen Wohnzimmertür stehen und holte ein schwarzes Seidentuch aus der Garderobenschublade. Sie ließ den Stoff durch ihre Hände gleiten und grinste ihn schelmisch an.

„Komm her und lass mich dir die Augen verbinden.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er drehte sich um, so dass sie das Tuch über seine Augen binden konnte. Dann boxte sie spaßeshalber ein paar Mal vor seinem Gesicht in die Luft und kicherte. Sie führte ihn behutsam zum Sofa und ließ ihn Platz nehmen. Dann entkleide sie sich langsam. Entledigte sich ihrer grauen Filzpantoffeln und der Socken, ließ die Jeans auf den Boden fallen, streifte den roten Wollpullover ab. Sie bekam Lust, sich in BH und Slip auf seinen Schoß zu setzen, sich an ihm zu reiben, unterließ es aber. Das würde ihren Plan ruinieren.

„Was hast du denn vor?“, wollte er wissen und sie konnte in seiner Stimme die Ungeduld wahrnehmen.

Sie beugte sich zu ihm herunter und legte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund. Seine Hände suchten nach ihrem Körper.

„Oh, du bist nackt!“, entfuhr es ihm, als seine Finger ihren Bauch streiften. „Das ist gemein, ich will dich sehen!“

„Pssst!“, ermahnte Anna ihn und entfernte sich schnell aus seiner Reichweite.

Sie holte eine Rolle mit Stoff aus dem Schrank, ließ sie mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden fallen und wickelte sie auseinander. Der Leinenstoff war weiß und etwas fest durch die Grundierung, die sie vor ein paar Tagen mit einem großen Borstenpinsel aufgetragen hatte. Nun breitete sie das Leinentuch sorgfältig auf dem dunklen Holzboden aus. Zwei Meter breit und ebenso lang. Mit grau-silbernem Panzerband klebte sie das Tuch am Boden fest. Hoffentlich ist es stark genug, damit das Tuch nicht verrutscht, dachte sie. Mike hörte ihre nackten Füße auf dem Boden und das Geräusch, das ihre Hände machten, als sie das große Tuch glatt strich. Er stellte sich vor, wie sie nackt durch das Zimmer lief. Hat sie sich tatsächlich vollständig entkleidet? Er konnte nicht sehen, wie sie mit den Fingern über das Panzerband fuhr, es fest drückte, aber er hörte ihren Atem und das leise Knistern. Was machte sie bloß? Langsam wurde Mike zappelig. Er wollte sie sehen und spüren!

Sie holte mehrere Plastikflaschen und stellte sie am Rand des Tuchs bereit. Noch standen die Flaschen wie Zuschauer in der Loge und beobachteten stumm, wie sie ihren Büstenhalter abstreifte und ihren Slip zu Boden gleiten ließ. Nachdem sie das Licht etwas gedämpft hatte, legte sie sich nackt in die Mitte des Tuchs und bedeckte sich mit einer dünnen Decke. Ihre Konturen zeichneten sich sanft ab. Ein paar Mal atmete sie tief ein und aus. Sie war etwas aufgeregt. Wie würde Mike reagieren? Würde er mitmachen?

„Du kannst jetzt die Augenbinde abnehmen“, flüsterte sie und schloss die Augen.

Mike löste das Tuch und hielt inne. Da lag Anna, so als würde sie schlafen, fast reglos atmend. Er betrachtete sie im gedämpften warmen Licht. Sie lag auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht, die dünne hellgraue Decke bis zum Kinn hochgezogen und doch zeichnete sich ihr Busen deutlich ab, ebenso wie ihr Hüfte und die Beine. Dann erst fiel sein Blick auf das große Leinentuch, das sie auf dem Boden festgeklebt hatte und die Flaschen, die am Rand standen.

Er erhob sich und öffnete als erstes seine Hose und streifte sie ab.

Ohne den Blick von ihr zu wenden, entkleidete er sich hektisch. Endlich trat er auf das Tuch. Betrat ihre zwei Quadratmeter, ihr Reich, das sie für ihn vorbereitet hatte. Erregt strich er über ihre Stirn, ihre Wangen bis weiter nach unten zu ihren Brüsten. Die weiche Decke trennte ihn noch von ihrer Haut. Sanft drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. Nun besah er sich die Flaschen genauer. `Bodypainting´ stand auf den bunten Etiketten. Flaschen randvoll mit Farbe in rot, blau und grün. Daneben drei kleinere Flaschen mit gelb, schwarz und weiß. Er musste lächeln und verstand, was sie mit ihm vorhatte. Schließlich deckte er sie vorsichtig auf. Langsam schlug er die Decke nach unten und besah sie sich wie eine nackte Skulptur in Marmor gemeißelt, die auf ihren Meister wartete. Er versuchte so lautlos wie möglich zu sein, so als könnte jedes Geräusch die Atmosphäre zerstören.

Mit zärtlichen Händen strich er über ihren Körper. Umspielte mit der Zunge ihre Brustwarzen, leckte ihren Bauchnabel aus, küsste die Innenseite ihrer Oberschenkel und ließ sie in vollen Zügen genießen. Sie versuchte weiter reglos dazuliegen, aber er bemerkte ihre Erregung, wie ihr Körper langsam in Bewegung geriet, nach mehr lechzte. Gerne würde er in sie eindringen, sich auf sie legen, aber vorher musste er sein Kunstwerk vollenden.

Welche Farbe stand ihr am besten? Ein helles rot? Oder ein kräftiger Blauton?

Unentschlossen griff er nach der Flasche mit der roten Farbe, öffnete den Deckel und ließ die flüssige Farbe auf ihren Bauch rinnen. Mit dem Zeigefinger malte er zaghaft rote Kreise auf ihre weiße Haut. Wie lange schon hatte er nicht mehr mit Farben experimentiert? Hatte er keinen Pinsel oder gar einen Buntstift in der Hand gehabt? Als Kind hatte er gerne gemalt, aber irgendwann damit aufgehört. Jetzt verrieb er mit der flachen Hand die rote Farbe und griff nach der blauen Flasche. Er tröpfelte über ihre Brüste, die Brustwarzen bekamen einen grünen Fleck. Mit gelben Händen verteilte er großflächig Farbe auf ihren Beinen. Nach wenigen Minuten verflog seine Unsicherheit und er drückte seinen Handabdruck auf sie, kreierte Muster, experimentierte mit dem Mischen der Töne. Die Zehen malte er in unterschiedlichen Farben bunt an, ebenso ihre Finger.

Endlich öffnete sie ihre Augen und strich über seinen Rücken. Sie richtete sich auf, griff nach der schwarzen Farbe und begann ihn sanft zu bestreichen. Schließlich legte er sich auf den Bauch und sie setzte sich auf seinen Rücken. Sie leckte über seine Wirbelsäule von oben bis unten, bevor sie mit der weißen Farbe nachzog. Wo sie saß hinterließ sie einen kleinen feuchten Fleck und biss ihn in den Nacken, in die Seite. Dann strich sie seinen Po dunkelrot an, massierte ihn, die Beine wurden blau. Mike drehte sich um und sie glitt von seinem Rücken. Er drückte sie sanft nach unten und legte sich auf sie. Ihre Körper rieben aneinander, sie rollten sich über das Leinentuch. Ihr Spiel wurde immer wilder. Schwarz steht ihr gut, dachte er und spritzte sie voll von oben bis unten.

„Wonach steht dir der Sinn?“, flüsterte er. „Lass mich zu deinem Pinsel werden, zu deiner Lieblingsfarbe. Benutz mich.“

Er hockte sich über sie und bemalte ihre Haut mit seinem ganz persönlichen Pinsel in grün und rot. Dann umfasste sie seinen Pinsel fest und malte mit der zarten Spitze sanft über ihren eigenen Bauch.

„Mein Lieblingspinsel“, hauchte sie, bis er endlich in sie eindrang. Sie kugelten über das Tuch, die Farbe schmatzte zwischen ihren nackten Körpern. Hier der Abdruck ihres Pos, dort seine Hände, Fußsohlen, alles mischte sich auf dem Tuch, Farben und Körperflüssigkeiten. Aus ihrer Lust ließen sie ein Kunstwerk entstehen, überschwänglich, üppig, bunt und voller Leidenschaft. Ganz nah waren sie sich, hielten sich fest umschlungen, dann entzog sie sich ihm wieder, er hielt sie fest, umklammerte sie. Die Farben spritzten überall hin in ihrem feurigen Spiel, nicht nur auf das Leinentuch, auch auf den Holzboden bis an die Wand. Wurden mit Füßen und Händen verteilt, ihre Körper waren die Werkzeuge ihrer Lust. Das anfängliche sanfte Auf und Ab, anschwellend zu einem harten Rhythmus, mündete in einer Orgie im Farbrausch der Zeitlosigkeit. Sie waren ein Kunstwerk.

Atemlos krallte er sich an ihrem Rücken fest, zeichnet mit seinen Fingerkuppen lila Striemen auf ihre Schultern.

Als sie schließlich erschöpft und atemlos voneinander ließen, war nicht mehr viel weiß von dem Leinentuch zu sehen. Er lag auf der Seite und betrachtete sie. Sie saß neben ihm und lehnte sich an seinen Bauch an.

„So eine Sauerei!“, sagte er plötzlich ganz unvermittelt und sie mussten beide lachen. „Was machen wir damit?“

Anna stützte ihr Kinn auf ihrer Hand ab und sagte entschlossen: „Ich werde es morgen auf einen Keilrahmen ziehen, wenn die Farben getrocknet sind.“

Sie drehte sich zu ihm um, sah ihm direkt in die Augen und fuhr euphorisch fort: „Und weißt du, Mike, was wir dann machen? Wir hängen das Bild über den Frühstückstisch! Oder ins Wohnzimmer!“ Sie lachte. „Was meinst du? Hängt es da gut?“

„Du bist völlig verrückt geworden!“ Aber er konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Soll ich es für dich einrahmen lassen? Was hättest du denn gerne? Einen goldenen Rahmen oder lieber Silber?“

Anna nickte. „Ganz egal! Hauptsache wir hängen es auf! Versprich mir, dass wir es aufhängen!“

„Wie willst du es nennen?“

Mike überlegte eine Weile und antwortete dann: „Farbrausch.“

„Aber was erzählen wir unseren Gästen, wenn sie etwas über das Bild wissen wollen?“, wollte Anna wissen.

„Dass es abstrakte Kunst ist! Wir schmieren eine irreführende Signatur in die untere rechte Ecke und behaupten, wir haben das aus einer Galerie in Berlin! Dann denken alle, das gehört so.“

„Und falls mich Deine Mutter beim Kaffeetrinken mal wieder auf die Palme bringt, dann schaue ich einfach nur zu dem dunkelblauen Arsch hoch, der uns von der Wand entgegen grinst und denke mir meinen Teil!“ Sie deutete mit dem nackten Fuß auf einen großen zweigeteilten dunkelblauen Kreis.

Anna und Mike konnten kaum mehr aufhören zu lachen.

„Wenn du besoffen bist und jemand fragt, wirst du es sowieso ausplaudern!“, foppte Mike sie.

„Ist mir egal!“, erwiderte Anna. „Wir lieben uns und haben Spaß dabei. Ist das ungehörig?“

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