Die Rache stirbt zuletzt – Leseprobe

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„Du bist nur Dreck, Dreck, Dreck“, hallte die schneidende eiskalte Stimme noch immer dumpf in ihrem schmerzenden Kopf. Sie beschleunigte ihre Schritte und verfiel schließlich in panisches Rennen, so als würde das gesichtslose Monster sie verfolgen, als hätte es ihre Witterung aufgenommen, um sie jeden Moment wieder anzufallen. Hinter jedem Baum, hinter jedem Strauch könnte es hervorgesprungen kommen, um sie in eine dunkle Ecke zu zerren, sie zu Boden zu ringen mit seinen riesigen Pranken. Hektisch hastete sie über das nasse glitschige Kopfsteinpflaster in Richtung Bushaltestelle. Bloß weg hier! Bloß weg hier!, war der einzige Satz, der in ihrem Kopf in Endlosschleife kreiste wie eine zerkratzte Schallplatte, ihr den Atem nahm und sie gleichzeitig antrieb, auf keinen Fall innezuhalten, um zu verschnaufen. Das Adrenalin strömte noch immer durch ihre Adern, wandelte die Furcht in Flucht, lähmte alle anderen Gedanken.

Es war bereits nach 21 Uhr, und die hereinbrechende Dunkelheit ließ die wenigen Gebäude, die noch erleuchtet waren, wie einsame wärmende Windlichter aussehen. Die Straßenlaternen brannten, aber Lena bemerkte gar nicht, dass noch etliche andere Studierende unterwegs waren, die nach einem anstrengenden Tag an der Uni fröhlich schwatzend so schnell wie möglich nach Hause wollten, dass sie gar nicht alleine war und leicht jemanden um Hilfe hätte bitten können. Sie hätte vorhin schreien können dort in dem Gebüsch im Botanischen Garten, als er endlich die Pranke von ihrem Mund genommen hatte, als er sich von ihr hektisch, ja fast schon panisch plötzlich entfernt hatte und in der Dunkelheit verschwand, so als wäre er nie da gewesen. Jemand hätte sie gehört. Ganz sicher hätte sie jemand gehört. Dass es vielleicht auch jetzt noch möglich wäre, das Monster mit vereinten Kräften zu stoppen, bevor es sie oder jemand anderes angreifen konnte, kam ihr nicht in den Sinn auf ihrer angsterfüllten Flucht über den Campus vorbei an den vielen anderen Menschen, deren Gesichter sie nur schemenhaft wahrnahm. Wie namenlose Gestalten schienen sie ihren Weg zu kreuzen. Dass einige von ihnen sie grüßten, ihr ein Lächeln zuwarfen oder ihr, die so sehr in Eile zu sein schien, mit neugierigen Blicken folgten, vermochte sie nicht zu bemerken.

Eigentlich waren Semesterferien, aber Lena hatte sich, so wie viele andere Studierende, für einen Sommerkurs angemeldet. In den letzten Wochen war es sehr entspannt an der Uni zugegangen. Die ganze Atmosphäre schien ihr gelöster und weniger hektisch zu sein. Keine großen Menschenmassen, sondern kleine Grüppchen bevölkerten den Campus. In den Pausen konnte sie ungestört auf den schmalen Grasstreifen liegen und die Sonne genießen. Doch heute hatte es plötzlich wie aus Kübeln gegossen. Ein verregneter Abend Ende August, die träge Schwüle des Tages war durch den plötzlich hereinbrechenden Regenguss aus der Rhein-Main-Region hinweggespült worden, die Temperaturen empfindlich gefallen.

Mit einem Mal glitt sie auf dem vom Regen rutschigen Untergrund aus. Sie vermochte es nicht, ihr Gleichgewicht wiederzufinden und schlug hart mit dem Knie auf dem grauen Kopfsteinpflaster auf. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durch das Knie. Sofort rappelte sie sich jedoch wieder auf, versuchte den pochenden Schmerz, der sich bei jedem Auftreten in ihr Bein zog, zu ignorieren und rannte humpelnd weiter. Erst als sie den Campus der Johannes-Gutenberg-Universität verlassen hatte, verlangsamte sie keuchend ihre Schritte und ließ sich schließlich schwer atmend und erschöpft auf einen kalten orangenen Plastiksitz der Bushaltestelle fallen. Zwei Studentinnen, mit Zigaretten in den Mundwinkeln, sahen kurz zu ihr herüber und vertieften sich sogleich wieder in ihr Gespräch.

Er hatte ihr ins Gesicht geschlagen, dreimal. Nicht besonders fest, aber doch so, dass ihr die Tränen in die Augen gestiegen waren und ihr Kopf schmerzte. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und die brennenden Wangen. Ein dünner Film schwarzer Mascara zeichnete sich auf ihrer hellen Haut ab. Sie betrachtete einen Moment lang das schwarze Muster auf dem Handrücken und zog schließlich einen kleinen Handspiegel aus ihrer Handtasche. Der runde Spiegel war so klein, dass sie ihren nackten Arm fast ganz ausstrecken musste, um ihr Gesicht ganz darin zu erkennen. Im Licht des weißlichen Scheins der Haltestellenbeleuchtung wirkten die Ringe unter ihren Augen düster, die Lippen hingegen blass und blutleer. Ihr Gesicht war nass vom Regen und von den verzweifelten Tränen, die linke Wange schien geschwollen zu sein. Mit einem Taschentuch versuchte sie ihr Gesicht zu trocknen und die Mascara so gut es ging abzutupfen. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie kaum vermochte, den Spiegel ruhig zu halten. Schluchzend ließ sie ihn zuschnappen und in ihre Tasche zurückgleiten.

„Alles o.k. bei dir?“, hörte sie plötzliche eine Stimme neben sich fragen. Die beiden Studentinnen waren zu ihr getreten und sahen sie besorgt an.

„Ja, alles gut“, log Lena und wagte nicht den beiden Frauen das Gesicht zuzuwenden.

„Hast du Ärger gehabt?“, bohrte die eine weiter und sah sie mit zusammengekniffenen Augen prüfend an.

Lena schüttelte den Kopf und hielt ihren Blick gesenkt. Auf dem Boden vor dem Sitz klebten plattgetretene Kaugummis, ein Coffee-to-go-Becher lag in der Ecke vor dem schmutzigen Plexiglas, jemand hatte auf den Boden gespuckt, es war alles so verdammt dreckig hier. Dreck! Dreck! Dreck!

„Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist?“, fragte die andere und pustete den Rauch ihrer Zigarette aus dem Mundwinkel zur Seite. Als Lena, mit hängenden Schultern vornübergebeugt, immer noch nur nickte, zuckte sie mit den Achseln und wandte sich schweigend wieder ihrer Freundin zu.

Endlich hörte Lena den Bus um die Ecke biegen. In einer halben Stunde würde sie zu Hause sein in ihrer WG in Wiesbaden, ihrem schützenden Hafen. Falls das Bad einigermaßen sauber war, würde sie sich heißes Wasser in die Wanne einlassen und sich reinwaschen. Sie fühlte sich schmutzig. Er hatte sie beschmutzt. Im Bus setzte sie sich in die hinterste Reihe und wandte ihren Blick in die Dunkelheit. Doch in der Fensterscheibe sah sie nur ihr eigenes Gesicht und die Lichter, die in der hereingebrochenen Nacht vorbeiflimmerten. Sie begann zu frieren und schloss die Augen. Das vom Regen nasse Top klebte an ihrem Oberkörper, auf ihren Armen bildete sich Gänsehaut. Heute Morgen war es warm gewesen, alles hatte auf einen heißen unbeschwerten Sommertag hingedeutet, und sie hatte nicht daran gedacht, eine Jacke mitzunehmen. Sie hoffte, dass sie niemanden traf, den sie kannte, und dass die beiden Frauen, die ein paar Reihen vor ihr Platz genommen hatten, sie in Ruhe ließen. Auf einen Smalltalk hatte sie im Moment keinerlei Lust und Fragen nach ihrem Befinden wollte sie schon gar nicht beantworten.

„Dreck, Dreck, Dreck“, seine Stimme ging ihr nicht aus dem Gedächtnis, und als sie die Augen schloss, tauchte sofort sein monsterhafter Kopf vor ihr auf. Die Maske aus Plastik mit der höhnisch starr grinsenden Fratze und dem Schnurrbart, die langen grauen Haare, die ihre Stirn und Wangen berührt hatten, als er sich tief über sie gebeugt hatte. Abrupt öffnete sie die Augen wieder und versuchte sich auf die Lichter zu konzentrieren, die an ihr vorbei zogen. Ihr Blick fiel auf ihr Knie, das höllisch brannte. Auf ihrer blauen Leggins hatte sich ein roter Fleck abgezeichnet, der Stoff war aufgerissen. Für einen Moment starrte sie auf die darunterliegende blutende Haut, konnte sich aber nicht entschließen, ein Tuch aus ihrer Tasche zu holen. Stattdessen legte sie ihre Hand schützend auf das Loch in der dünnen engen Hose und verbarg den Blutfleck darunter.

Den Mainzer Hauptbahnhof hatten sie schon hinter sich gelassen und überquerten nun den Rhein. Der Bus hielt endlich am Brückenkopf der Theodor-Heuss Brücke in Wiesbaden auf der hessischen Seite des Rheins und sie drängte nach draußen mit vielen anderen namenlosen Gesichtern und versuchte den Blick gesenkt zu halten. Es war nicht mehr weit, nur zehn Minuten Fußweg. Sie ließ die vielen Stimmen der anderen hinter sich, die Motorengeräusche der schnell über die Brücke rasenden Autos und Busse wurden etwas leiser, als sie vom Kreisverkehr in eine dunkle fast menschenleere Seitenstraße einbog. Plötzlich hielt sie inne und blickte hinunter zum Rheinufer. Der Fluss lag dunkel und schwarz unter ihr, nur die Lichter der Mainzer Uferpromenade spiegelten sich an manchen Stellen auf dem Wasser der gegenüberliegenden Seite, schienen auf der Strömung sanft und voll Leichtigkeit zu tanzen. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, der Rhein lag durch den heißen trockenen Sommer flach und durstend in seinem Flussbett. Bald würde der Herbst Einzug halten, dachte Lena wehmütig. Dann wären die heißen Tage vorbei, und das nass kalte Wetter würde die Rhein-Main-Region in einen diesigen Nebel hüllen. Sie wollte den Sommer in vollen Zügen genießen. Aber jetzt hatte sie kein Gefühl mehr für die heißen ausgelassenen Tage in der Maaraue, die hinter ihr lagen, die warmen Nächte am Rheinufer mit Spaziergängen und Grillpartys kamen ihr unwirklich und unbedeutend vor. Das eiskalte Lächeln auf der unheimlichen Maske hatte all das zerstört. Dieses Monster hatte sich in nur wenigen Augenblicken in ihre Seele gefressen. Auch wenn es nicht länger als ein paar Minuten gewesen sein konnte, denen sie der Gewalt dieses Monsters ausgesetzt gewesen war, war es ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen. Waren es zehn Minuten gewesen? Vielleicht etwas mehr? Oder eher weniger? Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren.

Lena meinte plötzlich einen Schatten hinter sich wahrzunehmen. Da war eine Bewegung auf der anderen Straßenseite, eine dunkle Gestalt. War er ihr aus dem Bus gefolgt? Konnte es sein, dass er sich die Maske abgenommen hatte, sich ganz unauffällig zu ihr in den Bus gesetzt hatte, um ihr weiter nachzustellen?, schoss es ihr mit einem Mal durch den Kopf. Das Blut schien in ihren Adern zu gefrieren. Ängstlich versuchte sie die Person, die dort auf der anderen Seite langsam entlang ging, auszumachen. Die Lichter der Straßenlaterne erfassten sie nicht. Die Gestalt hielt sich nahe der Hauswand. Lena begann zu zittern. Er war gekommen, um sie zu holen. Und hier, in dieser entlegenen Seitenstraße würde ihr niemand zu Hilfe kommen. Gleich war er auf derselben Höhe wie sie. Ihr wurde schlecht, und sie konnte sich nicht mehr kontrollieren. Ein spitzer schriller Schrei entfuhr ihrem Mund. Lena schrie wie von Sinnen. Ihr ganzer Körper krampfte sich zusammen, sie schlang die Arme um sich, ihre Fingernägel bohrten sich tief in das Fleisch ihrer Oberarme, so als versuchte sie ihren eigenen Körper zusammen zu halten.

Ein Fenster wurde aufgerissen, und ein Mann rief: „Was ist denn das für ein Lärm da unten!“

Lena verstummte sofort. Sie sah im Licht des Fensters einen Mann stehen, der in die Dunkelheit in ihre Richtung schaute. Panisch lief sie davon. Irgendwo schlug eine Tür laut zu. Sie getraute sich nicht, sich noch einmal umzudrehen. Da vorne war das alte dreistöckige Wohnhaus aus roten Backsteinen, in dem sie wohnte. Die Haustür war selten abgeschlossen, und so schlüpfte sie atemlos in den dunklen Hausflur. Die schwere Holztür fiel mit einem lauten Krachen hinter ihr zu. Hier war es ganz still. Man konnte weder die Motorengeräusche der Autos und Busse noch ihr entnervtes Hupen am Kreisverkehr in Mainz-Kastel hören. Nur ihren eigenen Atem, vernahm Lena nun sehr deutlich. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, sog sie die kalte, etwas abgestanden riechende Luft tief in ihre Lungen ein. Sie spürte ihr Herz schnell und aufgeregt pochen. Ihr Magen fühlte sich flau an, so als müsse sie sich gleich übergeben. War sie hier sicher? Die Tür war nicht abgeschlossen gewesen. Und hatte sie nicht vorhin eine Tür zuschlagen hören? Was, wenn er sie hier erwartete? In ihrem eigenen Zuhause? Jetzt wirst du schon völlig hysterisch!, versuchte sie sich selbst zu beruhigen und tastete an der Wand nach dem Lichtschalter. Als das Licht anging und das Treppenhaus in ein weißliches summendes Neonröhrenlicht tauchte, wurde sie etwas ruhiger und lief schließlich die Treppenstufen hoch. Bei jeder Stufe spürte sie den stechenden Schmerz im Knie noch deutlicher, und Tränen stiegen ihr wieder in die Augen. Endlich erreichte sie die Tür zu ihrer WG. Leise schlüpfte sie in die Wohnung. Sie wollte nicht, dass Lili und Benni sie bemerkten. Ihr Lachen war aus der Küche zu hören. Lena fiel ein, dass sie sich heute Abend zum Kochen treffen wollten, aber sie hatte nicht die geringste Lust, sich zu den anderen zu gesellen und verkroch sich schnell in ihr Zimmer. Sorgsam schloss sie die Tür von innen ab und setzte sich erschöpft auf ihren Schreibtischstuhl.

Was sollte sie tun? Die Polizei anrufen? Was sollte sie denen sagen? Dass ein Irrer sie an der Uni im Botanischen Garten angefallen und versucht hatte zu vergewaltigen? Sie würden eine Menge Fragen stellen, und sie müsste alles wieder und wieder erzählen. Am Ende würde man ihr die Schuld geben, weil sie nach der Vorlesung noch so lange getrödelt hatte, bis längst alle anderen Studierenden aus ihrem Seminar weg waren. Weil sie einen kurzen Rock über der Leggins getragen hatte, der ihn vielleicht provoziert hatte? Und dann würde die Sprache womöglich auf die kleinen Pillen in ihrer Handtasche kommen. Sie wusste, wie so etwas ablief, hatte sie doch von einer Freundin gehört, dass die Polizei jedes Detail wissen wollte, alles immer wieder und wieder erzählt werden musste. Ihre Freundin hatte damals einen Mann in einer Disco kennengelernt und war mit zu ihm nach Hause gegangen. Dort hatte er sich über sie hergemacht, obwohl sie längst schon nicht mehr wollte. Aber er hatte sie nicht gehen lassen. Am nächsten Tag hatte sie Anzeige gegen ihn erstattet. Ewig lange Verhöre, schließlich stand Aussage gegen Aussage. Die mitleidigen, aber auch misstrauischen Blicke der Kommilitonen damals, ob sie nur eine Lügnerin war?

Lena hatte das alles mitverfolgt, und ihre Freundin hatte zu ihr irgendwann gesagt: „Sollte mir das nochmal passieren, steche ich den Kerl lieber ab, als dass ich mich von der Polizei so demütigen lasse.“

Seitdem hatte ihre Freundin etliche Selbstverteidigungskurse belegt, ging abends kaum noch raus, und wenn, dann nur noch mit Springmesser und Pfefferspray in der Handtasche. Lena war nie auf die Idee gekommen, dass sie selbst einmal Opfer eines solch abscheulichen Verbrechens werden könnte. Sie fand sich selbst nicht besonders hübsch oder anziehend. Was sollte ein Mann schon an ihr finden?

Sie ging schließlich ins Bad, inspizierte die Badewanne, die leider gegen jede Hoffnung schon ziemlich lange nicht mehr gereinigt worden war und entschied sich darum, lieber heiß zu duschen. Als sie ihre Leggins auszog, besah sie sich die Platzwunde am Knie genauer. Sie war nicht besonders tief und erinnerte sie sofort daran, wie sie als Kind des Öfteren mit aufgeschlagenen Knien nach dem Rollschuhlaufen nach Hause gekommen war. Jod hatte ihre Mutter damals immer auf die Wunden getupft, aber soweit Lena wusste, machte man das heute nicht mehr so. Vorsichtig reinigte sie die Wunde mit einem Kosmetiktuch und etwas lauwarmen Wasser. Sie konnte weder ein Pflaster noch Verbandszeug finden, also musste es ohne gehen, bis sie später Benni und Lili danach fragen konnte. Dass man auf dem glatten Kopfsteinpflaster ausrutschte und sich das Knie aufschlug, konnte ja leicht passieren und wäre eine Erklärung für ihren aufgelösten Zustand.

Unter dem heißen Wasserstrahl wusch sie sich, bis die Haut brannte. Sie strich sich die langen nassen braunen Haare nach hinten und sah sich im Spiegel selbst in die Augen. Was war geschehen?, fragte sie sich selbst. Ihre Hände zitterten noch immer. Sie war nach dem Seminar in der Damentoilette des Philosophicums gewesen und hatte dort gewartet, bis es ganz ruhig geworden war, damit sie sich keine Ausrede überlegen musste, warum sie nicht mit den anderen gemeinsam zum Bus ging oder noch einen trinken. In den Kabinen neben ihr waren die Türen auf und zu geschlagen worden, andere Frauen waren gekommen und wieder gegangen, hatten geschwatzt und gelacht, die Schritte verhallten allmählich auf dem Flur. Als sie schließlich aus der Toilette in den Gang schlüpfte, waren die Lichter schon ausgeschaltet. Nur durch ein Fenster am Kopf des Flures drang Tageslicht. Dann hatte sie das Gebäude verlassen und war über den Campus gelaufen, um Steven zu treffen. Er studierte Pharmazie und experimentierte mit verschiedenen Drogen, die er in der Studentenschaft verkaufte, um sein Studium zu finanzieren. Sie hatte schon viel von ihm gehört, von seinen Wunderpillen, die einen abheben ließen für den ultimativen Trip.

Sie hatte ihn hinter dem Institut für Pharmazie getroffen, als es bereits dunkel war und ihm das Geld für die Pillen im Tausch gegen ein kleines Tütchen gegeben. Er war schnell wieder verschwunden.

Am liebsten hätte Lena gleich eine der Pillen in den Mund gesteckt, sie fühlte sich schon den ganzen Tag verspannt. Aber natürlich war es irrsinnig das zu tun, wenn noch ein so weiter Nachhauseweg vor ihr lag und sie auch nicht hundertprozentig abschätzen konnte, wie die Drogen wirkten. Das würde bis Kastel warten müssen.

Dennoch hatte sie das Tütchen mit den kleinen Pillen kurz geöffnet, eine Tablette rausgenommen und sie zwischen den Fingern hin und her gerollt. Sie hatte sie an die Nase gehalten und daran gerochen und konnte nicht widerstehen, leicht an der Pille zu lecken. Sie hätte damit auch warten können, bis sie zu Hause war, war aber zu gespannt, ob der Inhalt der Tüte wirklich hielt, was er versprach. Billig war es nicht gewesen, die zehn Tabletten von ihm zu kaufen.

Lena hatte das Tütchen in ihrer Handtasche verstaut und entschieden, die Abkürzung quer durch den Botanischen Garten zu nehmen. Ein Blick auf die Uhr hatte ihr verraten, dass sie schon ziemlich spät dran war und sich beeilen musste, wenn sie den nächsten Bus nicht verpassen wollte.

Dann hatte sie diese Gestalt wie aus dem Nichts von hinten gepackt und auf den Boden geworfen. Dieser Irre mit der Maske hatte ihr den Mund zugehalten, sie niedergedrückt und sich auf sie gewälzt. Sofort hatte er angefangen, sie zu begrabschen. Wie gelähmt war Lena liegen geblieben, hatte geschockt in die Augen gestarrt, die dunkel hinter der Maske mit dem unheimlichen Grinsen verborgen lagen. Und plötzlich war er aufgesprungen und verschwunden. Erstarrt und schwer atmend war Lena liegengeblieben, als wäre ein Sturm über sie hinweggebraust. Sie hörte seine krächzende Stimme noch immer in ihrem Ohr, dieses schneidende eiskalte Flüstern „Dreck, Dreck, Dreck“. Schließlich hatte sie sich hochgerappelt und war aus dem Park gerannt. Ihren Rock und die Leggins, die er runtergezerrt hatte, zog sie im Laufen notdürftig nach oben. Ihr Herz begann wieder zu rasen, wenn sie an die fiese Maske dachte und sie bekam kaum Luft.

Ich muss mich beruhigen, ermahnte sie sich immer wieder. Jetzt bin ich in Sicherheit.

Gedankenversunken föhnte Lena ihre langen Haare. Die Wärme tat ihr gut, sie fühlte sich nun sauber und ruhiger.

Eigentlich ist nichts passiert, redete sie sich ein. Die blauen Flecken an ihren Oberschenkeln waren zwar unverkennbar, aber er hatte es nicht geschafft, in sie einzudringen und sein Werk zu vollenden, weil er so plötzlich aufgesprungen war. Sie war mit einem Schrecken davon gekommen. Ja, es wäre besser, um die ganze Angelegenheit nicht zu viel Aufsehen zu machen. Würde ihr überhaupt jemand glauben? Die Leggins und auch ihr Rock waren hinten ziemlich verdreckt, wie sie jetzt sah, und das Loch in der Hose am Knie würde sie nicht mehr stopfen können. Kurzentschlossen warf sie beides in den Mülleimer. Auch ihr Top war hinten braun von der Erde im Botanischen Garten, und sie bemerkte nun leichte Abschürfungen an den Schultern und Ellenbogen. Dennoch war sie ihm entkommen. Sie war unvorsichtig gewesen, als sie in der hereinbrechenden Dunkelheit den Weg durch den Botanischen Garten gewählt hatte. Wie hatte ihr Vater früher immer gesagt? „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Und hatte ihr Vater nicht auch immer gesagt, dass Frauen meistens eine Mitschuld trügen, wenn Männer sich gegen den Willen einer Frau an sie heranmachten? Weil Frauen oft keine eindeutigen Signale sendeten, was sie wollten und was nicht. So hatte er das damals immer begründet. Welche Signale hatte sie vorhin gesendet? Sie hatte weder geschrien, als er sie losgelassen hatte und sie es gekonnt hätte, noch hatte sie um sich geschlagen oder getreten, als er sie so plötzlich hinterrücks ins Gebüsch gezerrt hatte. Wie zur Salzsäule erstarrt, hatte sie sich stattdessen gefühlt und ihn gewähren lassen. Sie war also selbst schuld, dass das passiert war. Hätte sie doch bloß einen anderen Weg gewählt.

Es wäre wohl gut, das alles so schnell wie möglich zu vergessen, beschloss sie und endlich kamen ihr wieder die Pillen in den Sinn, die noch wohlverwahrt in ihrer Tasche lagen. Schnell huschte sie vom Bad in ihr Zimmer und griff nach der kleinen Plastiktüte. Diese Tabletten würden für die heutige Nacht ihre emotionale Rettung sein, da war sie sich sicher. Schnell steckte sie sich eine in den Mund und spülte mit reichlich kaltem Wasser nach. Schon bald fühlte sie sich entspannt, geradezu euphorisch glücklich. Was im Botanischen Garten passiert war, kam ihr mit einem Mal vollkommen unwirklich war. Es war nie geschehen. Vielleicht einer anderen Studentin, aber nicht ihr. Sie musste kichern. Wie albern sie doch gewesen war, als sie sich so sehr gefürchtet hatte und wie eine Irre über den Campus gesprintet war. So ging sie in bester Laune in die Gemeinschaftsküche, wo Lili und Benni noch immer saßen, die Musik laut aufgedreht und redeten.

„Da bist du ja endlich“, sagte Lili, „wir haben schon auf dich gewartet.“

Auf dem Tisch lagen die Einkäufe: Hähnchenfleisch, Gemüse und frische Kräuter. Neben mehreren leeren Bierflaschen standen zwei noch unberührte Sixpacks.

„Ist alles ok mit dir?“, wollte Benni wissen und musterte sie aufmerksam.

„Ja klar“, antwortete Lena schnell, „ich bin einfach nur gut drauf!“ Sie bekam einen Lachanfall. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen, die Verspannungen und Sorgen, die Gedanken an den Maskenmann fielen von ihr ab.

„Stellt euch mal vor, ich habe mir das Knie aufgeschlagen wie ein Kleinkind beim Rollschuhlaufen!“

Sie zog ihre Jogginghose glucksend nach oben und zeigte ihren Freunden ihr Knie. Als sie das Bein anwinkelte, platzte die Wunde wieder auf und fing erneut an zu bluten.

Benni sah sie irritiert an: „Und das soll lustig sein? Deine Wange ist ganz geschwollen. Bist du aufs Gesicht gefallen?“

Aber Lena schüttelte nur gleichgültig den Kopf.

„Lass mich mal sehen.“ Lili besah sich die Wunde am Knie und meinte schließlich: „Du solltest da wirklich ein Pflaster draufkleben.“

„Habe keins“, gackerte Lena albern, „ich hab´s geschafft, mir das Knie aufzuschlagen ganz ohne Rollschuhe! Als Kind brauchte ich für sowas noch Rollschuhe! Jetzt schaffe ich das sogar schon ohne!“

Ihr stiegen vor Lachen Tränen in die Augen.

Benni und Lili wechselten Blicke, konnten sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. Lena ist schon echt eine Süße, dachte Benni bei sich.

„Ich hole dir eins“, sagte Lili schließlich und kam kurz darauf mit einer Packung Pflaster zurück. „Du bist ja komisch drauf. Hast du was genommen?“

„Ach was! Lasst uns feiern!“, rief Lena euphorisch, „es ist Sommer! Und noch dazu sind Semesterferien!“

„Da gebe ich dir recht!“, stimmte Benni zu und er erzählte von seinem Tag im Freibad, wo er am Kiosk arbeitete, um sich in den Semesterferien etwas dazuzuverdienen.

„Und dann kam plötzlich dieser riesige Wolkenbruch“, er malte ausschweifende Wolkenformen in die Luft, „und alle rannten, wie von der Tarantel gestochen, zum Umkleidehäuschen! Die eine Frau hatte kein Bikinioberteil ein und ihre Titten… Mann, die hättet ihr sehen sollen, wie die beim Laufen hin und her schlenkerten, da wäre ich fast gegen ein Geländer gerannt, weil ich gar nicht mehr wusste, wo ich hingucken sollte. Und ich war nicht der einzige!“

Er schlug sich lachend auf die Schenkel, und auch Lena lachte.

Nur Lili verdrehte missbilligend die Augen: „Wo du immer hinglotzt!“

„Was denn? Ist doch nicht meine Schuld! Ich bin auch nur ein Mann. Soll sie sich doch was überziehen, wenn sie Angst hat, dass ihr jemand was abguckt“, gab Benni zurück.

„Kann jawohl jeder anziehen, was er will“, erwiderte Lili genervt. „Was ist nur mit euch Männern los?“

„Hej, ich wette mit dir, die wollte, dass alle auf ihre Möpse glotzen!“, versuchte Benni sich zu rechtfertigen. „Außerdem habe ich ja nur geguckt, so wie alle anderen auch.“

„Und wie wäre es, wenn du jetzt zur Abwechslung mal in den Ofen guckst?“, fragte Lili provozierend, „da brennt sonst noch was an.“

„Also ich lasse nie was anbrennen“, nahm Benni die Vorlage feixend an, zwinkerte Lena verschwörerisch zu und zog das Blech mit dem Hühnchen aus dem Ofen.

Ein paar Bier später wurde der feucht-fröhliche WG-Abend immer ausgelassener und lustiger. Mit viel Alkohol, dröhnender Jazzmusik und ihren beiden besten Freunden, fühlte sich Lena vollkommen wohl und sicher. Als Lili zwischendurch zur Toilette ging, legte Benni ihr seine Hand auf den Oberschenkel, und Lena kicherte vergnügt. Sie hatte längst schon gemerkt, dass Benni ein Auge auf sie geworfen hatte. Bisher hatte sie all seinen zaghaften Versuchen widerstanden. Doch dieses Mal schob sie seine Hand nicht beiseite. An das Monster mit der Maske wollte sie keinen Gedanken mehr verschwenden, und um nichts in der Welt würde sie Benni, Lili oder sonst jemandem davon erzählen. Die Drogen taten ihr Übriges, um sie zu entspannen und ihre Gedanken leicht wie eine Feder werden zu lassen.

Das Leben ist schön! Irre gibt es überall, war eben Pech, dass ausgerechnet ich ihm in die Arme gelaufen bin!, dachte Lena, als sie weit nach Mitternacht zugedröhnt auf der Eckbank in der Küche einschlief.

© 2016 Meike K.-Fehrmann, Leseprobe aus urheberrechtlich geschütztem Material

 

„Die Rache stirbt zuletzt“ – Ein Georg Maindl – Krimi von Meike K.-Fehrmann erscheint im November 2016 unter der ISBN: 978-3-7392-0696-7

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