„Eine postmoderne konstruktivistische Liebesgeschichte…“ – Waldbühnenblues

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Langsam öffnete sich mit leisem Knirschen der dunkelgrüne Samtvorhang und im Publikum wurde es augenblicklich still. Cora und David saßen in der sechsten Reihe, um sich die alljährliche Schulaufführung der zehnten Klasse anzuschauen. Cora schlug die flauschige blaue Fleecedecke enger um ihre Beine. Es war ein kühler klarer Sommerabend, der die Schwüle des Tages nach einem kurzen Regenguss am frühen Abend, abgestreift hatte. Am Nachmittag waren sie mit ihrem Sohn Leo im Freibad gewesen und Cora spürte den Sonnenbrand auf ihren Schultern und ihrer Nase deutlich. Das Bühnenbild zeigte Pappbäume, einen Thron, der ein wenig an einen Jägerhochsitz erinnerte, sowie ein paar Geröllbrocken. Ein blasser dünner Junge betrat die Waldbühne. Seine Schritte hallten dumpf auf den alten verwitterten Holzdielen, bis er stehen blieb und sich dem dunklen Publikumsraum zuwendete. Er konnte die Gesichter der Menschen dort unten nur erahnen, denn die grellen heißen Scheinwerfer blendeten ihn und er begann unweigerlich in dem etwas zu großen schwarzen Anzug zu schwitzen.

Unbeholfen versuchte er seiner Stimme Stärke zu verleihen und holt noch einmal tief Luft bevor er anfing: „Auf der Bühne des Lebens steht ein Krieger im Schatten eines hohen Thrones. Auf dem Thron sitzt seine Königin. Das Publikum ist abwesend, die Bühne wirkt zerfallen und wird vom angrenzenden Wald bereits überwuchert. Es ist Abend, die Sonne geht unter und lässt den Schauplatz rötlich erscheinen.“

Die Scheinwerfer wechselten nun die Farbe von gelb zu einem viel zu kräftigen rot, als ein pausbäckiger Junge in Rüstung hinter einem Pappbaum hervortrat. Ein Suchscheinwerfer fing ein Mädchen in einem wallenden weißen Kleid ein, das auf dem Thron saß.

Der Krieger fuchtelte mit seinem Schwert durch die Luft und sagte mehr zu sich selbst, als an das Publikum gewandt:

„Die Seele ist auf der Suche nach Frieden
Sie leidet an der Heimatlosigkeit
Der sie ausgesetzt ist seit langer Zeit“

Dann drehte sich der Junge zum Thron:

„Und an dir, o meine Königin
Denn du raubtest mir den Sinn
Für alles Schöne und was ich bin
Du hast mich stets gemieden
Dich aber nie von mir geschieden
Nur in der Verborgenheit
In der Nächte dunklem Kleid
Durfte ich bei dir liegen
Doch was ist nach all dem geblieben
Nichts als nackte Einsamkeit“

Mit beschwörender Stimme fuhr er fort:

„Meine Seele will nur dich, meine Teure
Ich seh in meinem Traum dich Nacht und Tag
Du entziehst dich, wie sehr ich auch beteure
Dass ich für dich mehr als mein Leben wag
Glücklich, wenn ich die ganze Welt verfeure
Um die Liebe aus düsterem Verschlag
Empor zu heben im wilden Spiel vereint
Denn das Schicksal hat uns diese Freud verneint

Meine Geduld stellst du auf schwere Proben
Genug nun der heimlichen Versprechen
Du wirst mir jetzt deine Treue geloben
Was vorenthalten, wird sich bald rächen
Die aufgestaute Lust, von dir verschoben
Soll unsre Lebensgeister zerbrechen
Auf dass der Tod uns gnädig wird empfangen
Steig nun von deinem Thron, du brauchst nicht bangen“

Die Königin antwortete ihm vom Thron herab:

„Ich komme gern wie du befiehlst, denn das Band
Das uns umgibt ist stärker als die Angst
Lass uns nun eilen dem Tode zugewandt
Was auch immer du heut von mein verlangst
Ich nehm den Schierlingsbecher aus deiner Hand
Mach schnell, mein Freund, bevor du doch noch wankst
Versprich mir: der Tod soll nicht das Ende sein
Sondern in ihm werd ich nun wahrhaftig dein“

Die Königin erhob sich langsam und stieg vorsichtig die zerfallenen Stufen hinunter. Der Krieger zog eine kleine Flasche aus seinem Gewand und reichte sie ihr.

 „Soll ich es wagen? Mein Herz ist voller Zweifel“

Krieger:

„Vertraue mir“

Zögernd setzte sie die Flasche an den Mund, trank und gab sie an ihn weiter, der den Rest leerte. Kurz standen sie noch fest umschlungen da, stürzten schließlich wie leblos zu Boden. Für einen Moment wurde es dunkel auf der Bühne. In leichte helle Tücher gehüllt schwebten die Königin und der Krieger hinter der Rüstung und dem aufgebauschten Kleid, das nun wie eine Puppe am Boden lag hervor, als ein schwaches Licht die Bühne wieder erleuchtete und reichten sich die Hände.

„Sollen das ihre Seelen sein?“, fragte Cora leise.

David zuckte nur mit den Achseln.

Der Erzähler betrat erneut die Bühne und erklärte: „Die Nacht ist nun hereingebrochen. Drei Geister umtanzen die beiden Seelen.“

„Da hörst du´s“, sagte David zu Cora.

 

Geist 1:

„Kommt, wir geleiten euch zur ewgen Ruh
dort werdet ihr eure Liebe genießen
Aus tausend Knospen wird sie sprießen
Dort braucht ihr weder Schuh
Noch groß Gepäck
Denn es gibt kein Versteck
Das ihr aufsucht
Auf der Flucht
Oder wegen Eifersucht“

Geist 3:

„Hör dir an die beiden
Sie reden wie vor Zeiten
„Die Liebe schafft Leiden
Sie hat keine guten Seiten“
So erhoffen sie vom Tod
Erlösung aus der Not

Zu dumm sind die Leute
Genießen nicht die Freuden
Verachten das Heute
Das sie somit vergeuden
Sind zu feige zu leben
Wolln nach Erlösung streben“

Geist 2:

„Doch nicht gemeinsam, denn im Leben habt ihr versagt
So werdet ihr auch im Tode verklagt“

Mit singender Stimme fuhr er fort:

„Kommt her beide
Ich seh Seide
Weiß schimmert sie
Das glaubt ihr nie
In eurem Sarg
Der ist nicht karg
Die Körper schön
Bleich anzusehn
Lasst euch verwöhn
Ich muss gestehn
Der Tod ist gut
Er fordert Blut
Zahlt ihm Tribut“

Geist 3:

„Nein, nein, seht selbst was euch erwartet: Strafe oder Lohn
Wer weiß das schon?

Kitschiges Liebesgestöhne
Dass ich nicht lache
Die Glut entfache
Für diese Sache
Damit das Grab sie versöhne
Und ich sie ewig verhöhne“

Cora beobachtete, wie der Tanz der Geister wurde immer wilder wurde. Sie versuchten die beiden Seelen voneinander zu lösen.

Geist 2:

„Versager ward ihr
Selbst jedes Tier
Kennt seine Bestimmung hier
Aber ihr werdet bleiben
Was ihr im Leben ward
Ein feiges Pack
Das trifft euch hart“

Geist 1:

„Kommt zur Ruhe,
In der hölzernen Truhe
Sie wird euch erlösen,
Lasst los und vertraut uns Bösen
Oder sind wir die Guten?
Dann solltet ihr euch sputen!“

Geist 3:

„Wer weiß, was kommen mag?
Was erwartet euch im Sarg?
Nichts ist sicher
Nur höhnisches Gekicher
Erwartet euch dunkle Leere?
oder ist es der helle Tag?
voller Farben, ohne Schwere?“

Die Königin und der Krieger versuchten sich von den Geistern zu befreien, aber sie konnten sie nicht vertreiben. Ihre Schreie waren stumm. Ein Junge in weißem Gewand betrat die Bühne. Cora schaute auf das Programmheft. „Soll das etwa Gott sein“, fragte sie David zweifelnd. Doch er antwortete nicht, sondern blickte nur konzentriert auf die Szene.

Gott:

„Haltet ein, ihr Dämonen über Leben und Tod
Die ihr die Seelen zu verwirren droht!“

Cora sah nun, wie die Geister für einen Moment ihren Tanz unterbrachen. Gott entfachte ein Feuer.

„Nehmt Platz, alle
Hört auf zu gaffen
lasst uns erschaffen
was niemand für möglich hält
ganz so, wie es uns gefällt
hier im Schein des Feuers
liegt der Beginn des Abenteuers

Romeo und Julia sind vergangen
Auch all die andren tragischen Gestalten
Und doch scheint mir, bleibt stets das Verlangen
Über unerfüllte Liebe zu bangen
Die Stärke fehlt im Leben selbst zu walten
Sich nicht im Netz anderer zu verfangen
Sondern sich durchzusetzen ohne Bangen
Auch wenn alle andren nichts davon halten
Den Freitod zu wählen aus Angst vorm Leben
Und nicht nach andren Lösungen zu streben
Scheint töricht, denn es wird nicht vergeben
Wenn wir uns nur im Selbstmitleid verfangen

Doch heute wolln wir ein Exempel statuieren
Ihnen zu einer neuen Chance gratulieren
Wenn sie mit uns eine Geschichte ausprobieren
Das Schicksal wird hinweg gewischt
Die Karten noch einmal gemischt“

Auf der Bühne traten die Geister neugierig mit den beiden Seelen näher zur Mitte. Der als Gott verkleidete Junge warf etwas, das wie Kräuter aussah, in die Flammen und im Rauch erschien ein großes weißes Tor.

„Eine andre Zeit
Macht euch bereit
Das Spiel beginnt
Kommt her geschwind
Die Äste glühn
Die Funken sprühn
Wie Lebensgeister
Frei, ohne Meister
Schnell wie der Wind
Die Zeit verrinnt

Übernehmt die Rollen, die euch belieben
Es ist leicht, wir wolln es nicht verschieben
Macht euch vertraut mit des Schicksals Spiel
Und schon nähern wir uns dem Ziel“

Der Rauch nahm immer mehr zu und schließlich war die Bühne ganz eingehüllt. Nur noch das große weiße Tor war sichtbar, das sich langsam öffnete.

David beugte sich zu seiner Frau herüber: „Die Dialoge werden bei den Theaterstücken von Jahr zu Jahr auch nicht besser. Reim dich oder ich fress dich!“

Cora konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und nickte: „Hauptsache sie haben ihren Spaß.“

David grinste zweifelnd. Sein Sohn Leo, der den ersten Geist in dieser Schulaufführung spielte, stand etwas unschlüssig bei dem lodernden Feuer und starrte in den angrenzenden Wald, statt wie die anderen auf die graue Tür zu schauen, die sich gerade in der Mitte der Bühne öffnete. Besonders spaßig sah das nicht aus.

„Wer hat das überhaupt geschrieben?“, flüsterte Cora und blätterte durch das Programmheft.

„Die Klasse 10a.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sowas tatsächlich zu Papier gebracht haben. Das klingt doch eher nach ihrem alten Latein- und Deutschlehrer.“

„Psssst!“, zischte jemand aus der Reihe hinter ihnen. Cora zog eine Augenbraue nach oben und schüttelte sachte den Kopf.

„Und das ist erst der Anfang, fürchte ich“, fügte David mit Blick auf seine Armbanduhr hinzu.

Die alljährliche Theateraufführung auf der Waldbühne war für viele Familien Pflichtprogramm. Nicht nur für diejenigen, deren Kinder an der Aufführung beteiligt waren, sondern auch alle anderen kamen, da in dem kleinen Ort sonst fast nichts geboten wurde. Die Klasse 10a hatte dieses Jahr ein Theaterstück mit dem Titel „Eine postmoderne konstruktivistische Liebesgeschichte“ einstudiert und Cora fragte sich, was es mit dieser gestelzten Überschrift wohl auf sich hatte. Schon beim ersten Lesen des Titels musste sie mehrmals genau hinschauen, um die Worte richtig und flüssig auszusprechen. Sie war von Anfang an dagegen gewesen, dass Leo auf das humanistische Gymnasium ging, wo alle so vergeistigt waren, wie sie fand. Altgriechisch und Latein auf dem Lehrplan und dazu auch noch Philosophie. Ein bisschen Fußballspielen würde den Jungs doch viel besser tun, da war sich Cora sicher. Offenbar hatte jemand ein bisschen zu viel Trockeneis in den, hinter dem Feuer versteckten Behälter gefüllt, denn die ganze Bühne war nun in undurchdringlichen Nebel gehüllt und die Schauspieler nicht mehr zu sehen. Der Nebel wurde immer dichter, so dass schon die ersten Reihen im Zuschauerraum darin verschwanden.

Unweigerlich musste sie kichern. „Bühnentechnik muss eben auch gelernt sein“, raunte sie David zu.

Der Geruch des Trockeneises stieg ihnen in die Nase, nur noch drei Reihen, dann würde der Nebel auch sie einhüllen. Einige Zuschauer in den ersten Reihen begannen zu husten und Cora wurde zunehmend nervös. Was sie eben noch belustigend fand, wirkte nun plötzlich bedrohlich. Dichter und dichter wurde der Nebel und kroch immer weiter auf sie zu. Die ersten Zuschauer aus den vorderen Reihen tauchten jetzt im Mittelgang auf, um die Flucht zu ergreifen vor den weißen sich aufbauschenden Nebelwolken. Auch ihnen reichte es. Eine Frau drückte sich ein Taschentuch vor den Mund und keuchte. Wenn dieser Vollidiot von Bühnentechniker oder Hausmeister oder wer auch immer dafür verantwortlich war, nicht sofort den Behälter mit Trockeneis schloss, würde Cora aufstehen und gehen. Sie griff nach Davids Hand.

„Hast du Angst?“, fragte er amüsiert, „das ist doch nur ein bisschen Trockeneis.“

„Ein bisschen zu viel Trockeneis, meinst du wohl“, erwiderte Cora verärgert, „ich gehe gleich nach Hause, wenn das so weiter geht. Du kannst gerne noch hier bleiben und dich am Nebel erfreuen.“

Er tätschelte ihre Hand: „Immer mit der Ruhe, Kleines.“

„Nenn mich nicht so!“, fauchte sie.

Auch unter den anderen Zuschauern weiter hinten im Raum wurde es zunehmend unruhig und ein allgemeines Gemurmel war zu vernehmen. Endlich verzog sich der Nebel. Cora wedelte mit dem Programmheft vor ihrem Gesicht herum.

„Wurde auch Zeit“, brummte sie noch immer sauer.

Sie spürte einen stechenden Schmerz in den Schläfen, der sich langsam über die Stirn ausbreitete. Bitte jetzt kein Migräneanfall, dachte Cora frustriert und schloss die Augen. Sie fühlte sich mit einem Mal so müde. Die Schmerzen wurden stärker, dazu kam heftige Übelkeit. Plötzlich erloschen alle Lichter und es wurde schwarz um sie herum.

„David?“, nuschelte sie schlaftrunken, doch sie konnte ihren Mann mit den Augen nicht mehr fixieren, alles war stockfinster.

Geräusche drangen an ihr Ohr wie durch einen dicken schweren Vorhang. Weit weg, alles war weit weg. Cora schien es, als bewege sie sich schwebend durch den Raum. Da war ein Licht. Dort hinten bei der halbgeöffneten Tür. Es zog sie magisch an. Dort musste sie hingelangen. Immer dem Licht entgegen, durch das weiße Tor.

(Auszug aus dem Manuskript von Meike K.-Fehrmann, Copyright bei der Autorin)