Wieso Väter saufen

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„Wieso trinkt Papa so viel?“, fragte ich eines Tages meine Mutter. Normalerweise sprachen wir nicht über dieses Thema, es war tabu. Aber an diesem Tag schien sie mir entspannter zu sein als sonst, also fasste ich Mut und wagte den Vorstoß. Sie schaute erst schweigend zum Küchenfenster hinaus – so lange, dass ich schon dachte, dass sie mich nicht gehört hatte oder gar nicht antworten wollte, aber dann sagte sie leise: „Euer Vater hatte eine sehr schwierige Kindheit. Dein Großvater Heinrich war nämlich Alkoholiker, da hat man viele Probleme, mit denen man als Kind fertig werden muss. Aber erzähl das ja nicht weiter!“

Eine schwere Kindheit also. Sie sollte die Ursache dafür sein, dass mein Vater mit dem Alkohol nicht maßhalten konnte? Warum ausgerechnet meine Familie von dieser Sache betroffen ist, weiß ich nicht so genau. Aber mit der Zeit habe ich unter der Hand herausgefunden, dass wir eine lange und glorreiche Tradition im Hinblick auf Alkoholkranke in unserer Familie haben. Glorreich, weil noch niemand aus meiner Familie in der Gosse gelandet ist, sondern alle durch geschicktes Heiraten eine Frau gefunden haben, die die Familie zusammengehalten hat. So wie meine Mutter. Und wie Oma Elfriede. Und wie Uroma Maria, die ich leider nicht mehr kennengelernt habe. Wie man sieht, waren bisher nur die Männer unserer Familie von dem widerlichen Gendefekt betroffen, was für mich als Junge von zwölf Jahren natürlich keine besonders gute Aussicht ist. Mein Vater ist also ein Trinker, auch wenn ich das nur ungern zugebe, ebenso sein Vater und dessen Vater auch.

„Seine Kindheit war eben beschissen“, sagte meine Mutter entschuldigend, „sein Vater hat ihn damals geschlagen, mit dem Gürtel, damit aus ihm mal was wird.“ Was meine Mutter erzählte, war wahr. Opa wusste schon immer, dass es mein Vater zu nichts bringen würde, wenn er nicht etwas nachhelfen würde. „Schon von klein auf hatte er keine Disziplin“, hat Opa Heinrich mir eines Tages beim Angeln verraten, „war immer ein Muttersöhnchen.“ Dann hat er sich seine Pfeife angezündet und erzählt, dass die Familie ein wirklich schweres Leben gehabt hat – damals, in der entbehrungsreichen Zeit nach dem Krieg. „Nur wer fleißig und ordentlich war, brachte es zu etwas“, meinte er. „Und heute? Nichts ist mehr so, wie es mal war“, fuhr Opa Heinrich in Gedanken versunken fort. „Die Jugend von heute hat keine Werte mehr. Will sich nur amüsieren. Eine Spaßgesellschaft ist das!“ Ich mochte Opa Heinrich, weil er eine Werkstatt hatte, in der er mir zeigte, wie man Tiere aus Holz aussägte, und mich mit zum Angeln nahm. Und gegen mich hat er natürlich noch niemals die Hand erhoben oder sogar drohend seinen Gürtel aus dem Hosenbund gezogen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er früher so streng gewesen sein soll. Aber meine Mutter sagte, dass er über die Jahre viel sanftmütiger geworden ist und dass er alle Liebe, die mein Vater nicht bekommen hat, wohl für uns Enkelkinder aufgespart hätte. Ich habe Opa Heinrich auch noch nie betrunken erlebt. Gut, er trinkt jeden Abend zwei bis drei Flaschen Bier. Aber anders als bei meinem Vater lässt das Bier ihn schläfrig werden.

Nun stand meine Mutter also in der Küche vor mir, die Hände voller Spülschaum, noch immer nachdenklich aus dem Fenster schauend, als gäbe es dort im Garten unseres Mietshauses etwas Interessantes zu entdecken.

Ich biss mir auf die Lippe und entgegnete schließlich: „Da kann man also gar nichts machen?“

Endlich schaute sie mich an und ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, aber ihre Augen blieben dabei traurig und unbewegt: „Ach, Luki, das ist doch alles nicht so schlimm. Das mit dem Papa wird schon wieder besser. Das geht vorbei. Wir müssen nur etwas Geduld haben. Wir sind eine so glückliche Familie. Daraus muss man kein Drama machen.“

Ich war mir nicht sicher, ob sie tatsächlich glaubte, was sie sagte. Und ein Drama wollte ich ohnehin nicht daraus machen. Es interessierte mich einfach. Dass wir eine glückliche Familie waren, musste wohl stimmen, irgendwie. Immerhin hatte ich einen eigenen Hund. Meine jüngere Schwester Anne verhielt sich meistens einigermaßen erträglich. Ich hatte zwar nicht viele Freunde – eigentlich gar keine –, aber das hatte ja nichts mit meinem Vater zu tun. Also beschloss ich, selbst daran zu glauben, dass wir eine glückliche Familie waren. Zumindest glücklicher als viele andere, versuchte ich mir immer wieder weiszumachen. Denn es gab ja Familien, in denen die Kinder gar keine Freiheiten hatten oder nicht genug zu essen bekamen oder sogar ein Elternteil verstorben war, wie bei Jessika, einer Klassenkameradin. Und auf jeden Fall hatte ich die Erlaubnis bekommen, einen eigenen Hund zu halten. Charlie war mein großes Glück!

(Auszug aus: „Warum Herr Hagebeck sterben muss“ von Meike K.-Fehrmann)