Was tun die magischen Wesen, wenn die Buchdeckel sich schließen?

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Niemand hätte je geahnt, dass es eine Schule für Zauberei im Brexit-Land gibt, die Hogwarts heißt, hätte Joanne K. Rowling dieses Geheimnis nicht gelüftet und an die große Glocke gehängt. Ob sich die Zaubererwelt darüber gefreut hat? Ist Rowling seitdem eine Persona non grata, eine Verräterin? Warum konnte der Obliviate-Zauber nicht ihr Gedächtnis löschen?

Wir wissen dank Tolkien auch, warum wir den hübschen Elben mit Pfeil und Bogen nicht mehr begegnen können, denn nach der letzten Schlacht um Mittelerde, haben sie sich auf den Weg gemacht, fort von hier.

Mit einem Strich auf dem Blatt Papier beginnt es, mit einem Buchstaben achtlos in die Laptop-Tastatur gehämmert: die Geburt oder Offenlegung ganzer fantastischer Welten. Und das scheint mir doch ein wichtiger Unterschied zu sein. Ist es eine Geburt oder eine Offenlegung von etwas, das schon immer existiert hat?

Über Michael Ende sagt man, er hätte gerne unter den ausladenden Zweigen eines Baumes geschrieben, weil ein Baumgeist ihm seine Geschichten eingeflüstert habe. Von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer bis zur Unendlichen Geschichte, die ganze Generationen in ihren Bann gezogen hat.

Lassen wir die ganzen Monster mal außen vor. Dementoren, Massenmörder, Vampire und was so alles zum Leben erweckt wurde und uns manchmal Alpträume verursacht oder Ängste, wenn wir in den Keller oder auf den Dachboden gehen. Manch einer verschweigt seine angeblich „imaginären“ Freunde, weil er nicht für psychisch krank gehalten werden will, wenn er sich früh morgens vor dem Spiegel, ab und zu einen Rat von Captain Spock holt.

Aber sehen wir doch den Tatsachen ins Auge: die Buchdeckel mögen noch so stabil sein, sie können die fantastischen Welten nicht einsperren. Was einmal offen gelegt wurde (und im schlimmsten Fall sogar verfilmt wurde), dessen Existenz kann man nicht mehr glaubhaft leugnen.

Wie wollen wir als Autoren also damit umgehen? Welche Welten wollen wir offenlegen, wem zur Geburt verhelfen? Hat jede Welt eine Daseinsberechtigung in sich, sowie jedes Tier und jede Pflanze eine Daseinsberechtigung hat, einfach weil sie existieren? Gibt es eine besondere Verantwortung, einen ethischen Codex vielleicht, dem wir uns als Autoren verpflichten sollten? Worin würde der bestehen?

Ich kann Tore öffnen zu Welten, die nie ein Mensch zuvor sah. Das ist meine Gabe. Ich habe diese Verbindung zu den fantastischen Welten, wie sie sonst nur Kinder haben. Darum bin ich Schriftstellerin. Und nun stehe ich hier vor diesem einen Tor, das ich gerade entdeckt habe und luge durch den winzigen Spalt und frage mich: Soll ich es aufstoßen und eintreten? Für dich? Für mich? Oder soll ich den Hauch, der mir sanft entgegenweht ignorieren?

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Foto: Bernd_Kasper/pixelio.de