jene, die im traum fliegen

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blau-schwarz leuchtend, bis ins türkis gehend
tief, sprenkelnd, glitzernd
wie gähnende dunkelheit neben einem ozean
eisvogel-gefieder, sternenklare nacht
und finsternis, ein firmament, tief wie die see
das weltall, unendlichkeit
in diesem einen farbstreifen vereint,
angedeutetes blumenmuster ihres mantels

war das die farbe ihrer seele
die tiefe, die nur sie besaß
durch die sie sich so besonders fühlte
so anders als alle anderen
jene farblosen, oberflächlichen, graue in grauen 

hatte jeder mensch eine farbe
schillerte die seele gen himmel irgendwann
wenn der tod sie gewaltsam vom körper trennte
zogen dann nicht bunte bänder gen himmel
so stellte sie es sich vor
denn manchmal, ja, manchmal
zwitscherte nicht ein vogel lauter am offenen grab
in die stille
folgte mit unruhigem blick den farbstreifen gen ewigkeit
die den menschen verborgen blieben

sie wusste schon immer, dass sie fliegen konnte
nur hatte sie ihre flügel eingebüßt
doch des nachts
wie oft schon hatte sie geträumt zu fliegen
manchmal fiel sie auch im traum, ganz plötzlich
so als stolpere sie in ein loch, das sich auf einmal im boden auftat
sie schreckte dann aus dem schlaf hoch 

träumte nicht jeder vom fliegen
nein
im laufe ihres lebens war sie gewiss geworden
dass viele menschen im traum nicht flogen
dass manche behaupteten, überhaupt nicht zu träumen
sie wussten nicht, wie es sich anfühlte mit armen und beinen rudernd
durch die luft zu steuern
sie sahen keine farben, so wie sie sie sah

wo waren sie geblieben, die mädchen der lüfte
die ronja räubertöchter und pippi langstrumpfs
denen die ganze welt zu füßen lag
während sie mit aufgeschlagenen knien auf bäume geklettert waren 

sie hatten sich selbst eingesperrt in ihren schicken einfamilienhäusern
mit ehemännern die für sie sorgten
mit kindern die nur noch weihnachten nach hause kamen

träume alles nur träume
farben alles nur farben
verblasst unter dem schleier der ergrauten seele
erwacht

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