Leefkes Wurzeln – Erzählung

By

Feucht hingen Nebelschwaden zwischen den Zweigen, gefangen in einem Gewirr aus nassen braunen Blättern, in denen längst kein Leben mehr war und die bald schon zu Boden sinkend die knorrigen dunklen Äste der Eichen entblößen würden. Reglos ließen die Gräser am Wegesrand ihre grünen Halme hängen, als warteten sie ratlos und geduldig auf das, was der Herbst unausweichlich bringen würde: Kälte und Sturm. Doch im Moment bewegte kein Windhauch die Luft. Leefke stapfte mit trägen Schritten über den aufgeweichten Weg, machte sich nicht die Mühe, die Pfützen zu umgehen, schlurfte durch sie hindurch, als wären sie gar nicht da. Ihre braunen Lederstiefel waren schlammig, besprenkelt mit grauen und braunen zum Teil bereits eingetrockneten Spritzern und frischen nassen Schlammklumpen um die Sohlen. Ihre Stiefel wühlten das erdfarbene Wasser auf, hinterließen Rinnsale, die langsam im durchtränkten Boden versickerten. Kraftlos waren ihre Schritte, so als trüge sie eine Last auf den schmalen Schultern, die sie hinunter drückte und gegen die sie verzweifelt versuchte anzukämpfen, und die sie doch nicht abzuwerfen vermochte. Kein Vogelgezwitscher war zu hören, nur Leefkes Atem, der weiße Wölkchen bildete. Sie lief ohne ein Ziel, ihre Beine trugen sie weiter und weiter. Nur weg – weg von hier. Sie hob für einen kurzen Moment den Blick, sie wusste, dass sich hinter dem Nebel die schroffen grauen Berge verbargen, die ihre schneebedeckten Spitzen in den Himmel bohrten. Geröll und scharfe Kanten auf den Kämmen, weiter unten die Fichtenwälder. Jetzt war all das versteckt, verhüllt hinter sanften Schleiern und doch wusste sie, dass sie da waren, diese grauen Riesen, die den Blick auf den Horizont verbergen. Sie konnte sie förmlich spüren. Leefke beschleunigte ihre Schritte. Sie wusste, dass der Weg sie wieder nach Hause führen würde. Nach Hause? Sie schloss für einen Moment die Augen. Zu Hause war weit weg im Norden. Über 1.000 Kilometer. Mindestens zehn Stunden Fahrt, eher mehr. Da, wo die Möwen in der Brandung kreischten, die Fischer ihre Netze flickten und an einem Tag wie diesem? Ja, an einem nebeligen Tag wie diesem saßen sie mit ihren Familien in den warmen Stuben und tranken schwarzen Tee mit Rum. Die Wellen rauschten am Strand und auch wenn weiße Schleier den Horizont verbargen, so wusste sie doch, er war da. Sobald die Nebelfelder sich verzogen gab es nichts mehr, was das Auge störte, den Blick ablenkte von der Weite. Ab und an erspähte sie ein Schiff in der Ferne als winzigen Fleck über blau grünen Untiefen, deren tatsächliche Tiefe man nur erahnen konnte. Doch hier standen die Berge wie Mauern zwischen ihr und dem Horizont. Ihre Füße trugen sie weiter. Sie musste laufen und laufen, in Bewegung bleiben. Die Angst, dass sie nicht mehr aufstehen würde, wenn sie zu lange innehielte und verweilte. Dann würde sie irgendwo sitzen bleiben und vollends erstarren. Erstarren zu einem dieser grauen Felsblöcke, die den Weg säumten. Mit der Zeit würde das Moos auf ihr wuchern, Käfer über sie krabbeln, Spinnen ihre zarten Eier, umsponnen mit einem Kokon, in ihre Ritzen legen. In einem weichen zarten Kokon müsste man schlafen und ausruhen. Und Leefke würde sich auflösen – endlich. Dessen war sie sich vollkommen sicher, doch das durfte nicht passieren – noch nicht. Ihre Kinder waren hier und ihr Mann, den sie einst so sehr geliebt hatte, dass sie ihm bis nach Süddeutschland gefolgt war. Sie hatte geglaubt, dass die Liebe sie tragen und das Heimweh mit den Jahren verblassen würde. Aber stattdessen war die Liebe erbleicht, diese zarte Rose, die man hegen und pflegen musste, damit sie nicht welkte. Leefke fühlte sich immer häufiger wie eine Ertrinkende, die nach Luft schnappte.  Nach Seeluft. Der Geruch nach Algen, Fisch und morschem Holz, das über tausende von Kilometern aus fernen Küsten angeschwemmt wurde. Eine blonde Haarsträhne klebte nass an ihrer Stirn, der Nieselregen kühlte ihr Gesicht und ließ ihre Wangen rot glühen. Sie beschleunigte ihre Schritte. Plötzlich vernahm sie den Schrei eines Vogels. Er zerfurchte die Luft und drang bis an ihr Ohr. Ein Möwenschrei? Unmöglich. Und doch trieb dieser Schrei ihr die Tränen in die Augen. Sie konnte ihr Weinen nicht länger unterdrücken und schluchzte. Die Beine wurden immer schwerer, wollten sie nicht weiter tragen auf diesem Rundweg, der sie zurück zu ihren Kindern und ihrem Mann führen sollte. Sie wischte sich mit dem Handrücken die Nase ab und blieb schließlich stehen. Da stand sie mitten auf dem Weg im Regen und ihre Füße wollten nicht vor noch zurück. Sie ließ ihren Blick über die Bäume gleiten, die Buchen und Eichen. Plötzlich war es ihr, als sähe sie Konturen von Gesichtern in den grauen und braunen Stämmen. Die Zweige wiegten sanft als wollten sie sie warnen mit ausgestreckten Armen. Alles arme von Heimweh geplagte Kreaturen, die vor Traurigkeit nicht mehr weiterkonnten? Die geblieben waren, weil ihre Beine sie nicht mehr tragen konnten, gelähmt von der Ohnmacht und Schwere in sich selbst? Und dann geschah es. Leefke spürte zunächst ein leichtes Kribbeln in den Zehen. Sie sah zu ihren schmutzigen Stiefeln hinab. Ihre Zehen schienen zu wachsen und die Schuhe wurden viel zu eng. Schließlich riss die Naht zwischen Sohle und Leder und ein zarter brauner Wurzelfaden kam aus ihrem Stiefel hervor, schlängelte sich einige Zentimeter über den Boden, so als suche er eine passende weiche Stelle in der Erde und verschwand dann im schlammigen Erdreich. Leefke schrie auf und versuchte wegzulaufen, doch weitere Wurzeln waren schon aus ihren Füßen gewachsen und verankerten sie fest mit dem Boden. Ihre Beine wurden allmählich steif. Bald konnte sie nur noch die Arme sanft bewegen, die sich in Äste verwandelt hatten. Ihr Mund wurde zu einer Baumhöhle, in der schon bald ein Eichhörnchen sein Zuhause finden würde. Plötzlich durchbrach ein Sonnenstrahl den weiß grauen Schleier und legte sich auf Leefkes Rindengesicht. Eine sanfte Wärme, ganz unverhofft, zerriss den Nebel wie ein Fingerzeig aus den Weiten des Himmels über ihr. Sie spürte die Kraft der Sonne zart auf ihren Blättern und atmete tief ein.

Viele Jahrzehnte später kamen Holzfäller in den Wald. Sie fällten eine Eiche, die mitten auf dem Weg gewachsen war und nahmen ihren Stamm mit. Zusammen mit vielen anderen Stämmen wurde er mit dem Güterzug bis zu einer Werft im Norden gefahren. Ein erfahrener Bootsbauer kaufte das Holz, um mit seinem Sohn eine Jolle zu bauen. „Wie soll dein Boot heißen?“, fragte der Bootsbauer den Jungen. Der strich über das Holz, überlegte eine Weile und antwortete fest: „Leefke.“

(Copyright: Meike K.-Fehrmann)

Frau_Baum