Kussphobie

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Vera hatte schon seit Jahren den Verdacht gehabt, dass mit ihrem Mann etwas nicht in Ordnung war, weil er sich rigoros dem Sex mit ihr entzog und auch nicht an der kleinsten Zärtlichkeit Interesse zeigte. Bereits kurz nach Sophies Geburt hatte er ihr mitgeteilt, dass ihm ihre Küsse unangenehm waren und er es von nun an unterlassen würde, sie mit seinen Lippen zu berühren. Küssen sei eine Erfindung von Frauen, versuchte er sich zu rechtfertigen, die für Männer vollkommen überflüssig sei. Er hatte das feiner ausgedrückt, das Wort „unangenehm“ war nicht gefallen, aber Vera fühlte sich als Frau gedemütigt. War er durch Sophies Geburt traumatisiert worden? Im Kreißsaal hatte er ihr beigestanden und wirkte glücklich, als sie Sophie in den Armen hielten. Hatte der Anblick von Fruchtwasser, Blut und Käseschmiere ihn so verändert? Oder machte ihm die Eifersucht gegenüber seiner Tochter zu schaffen, die naturgemäß nun im Mittelpunkt von Veras Leben stand? Mit der Zeit bildete sie sich immer mehr ein, dass er sie als Person im Ganzen ablehnte, was er so aber nicht bestätigen wollte. Vera hatte seine Kussphobie nicht verstanden und zunächst auch nicht akzeptiert. Doch er wies sie so bestimmt zurück, wann immer sie versuchte, sich ihm mit ihren Lippen zu nähern, dass sie es bald unterließ. Die wenigen Male, die sie, jeweils im Abstand von mehreren Monaten, in den folgenden Jahren noch Sex hatten, fühlten sich für Vera rein mechanisch an. Ein Akt, der vollzogen wurde, weil es irgendwie zu einer Ehe dazugehörte. Sie empfand dabei wegen seiner Kühle keine besondere Verbundenheit oder emotionale Nähe zu ihm. Eines Abends saß sie mit einem guten Freund nach der Arbeit zusammen in einer Kneipe. Sie genossen ein paar Gläschen Wein und plötzlich hatte Vera das Bedürfnis, sich ihm anzuvertrauen.

„Dass es nach der Geburt von Kindern im Bett nicht mehr klappt, geht doch fast allen so“, meinte er und fügte lachend hinzu, „da müsst ihr eben mehr üben, damit wieder Schwung in die Ehe kommt!“

Doch Vera konnte darüber nicht lachen. Ihr stand der Sinn nicht nach üben.

„Er will immer nur von hinten, wenn überhaupt. Ich verstehe das gar nicht“, entgegnete sie resigniert, „früher war er so kreativ und hat mir auf so viele Arten gezeigt, dass er mich will.“

Ohne weiter über seine Worte nachzudenken, erklärte ihr Freund: „Für Männer ist es in dieser Stellung einfacher, sich eine andere Frau vorzustellen. Da sieht er dein Gesicht nicht vor sich.“

Vera brach von einer Sekunde auf die andere in Tränen aus. Die Vorstellung, dass Stefan an eine andere dachte, wenn er mit ihr schlief, verletzte sie und der Wein tat sein Übriges, um einen ganzen Schwall Emotionen loszutreten, der sich in ihr im Laufe der Jahre angestaut hatte.

Nach einigen weiteren Gläsern versiegten ihre Tränen schließlich und sie entschied: „Das tue ich mir nicht mehr an!“

Von dieser Nacht an hörte sie auf, die Initiative zum Beischlaf zu ergreifen, und jeden Abend hoffte sie, Stefan würde sich ihr zuwenden. Doch er zeigte keinerlei Interesse. Egal ob sie nackt neben ihm lag oder ein Nachthemd aus feinster Spitze trug, Stefan schien sie nicht wahrzunehmen. Er legte sich in seine Betthälfte, drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und schlief innerhalb weniger Minuten ein, während Vera oft noch lange wach lag und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Manchmal griff sie wie zufällig auf seine Seite und berührte ihn oder streckte ihren Fuß unter seine Decke und hoffte auf irgendeine Reaktion. Sie wünschte sich, dass er ihre zarten Annährungsversuche wahrnahm und darauf mit Zärtlichkeit und Zuwendung reagierte. Aber all das war vergeblich. Er wies ihre sanften Berührungen nicht direkt zurück, aber er erwiderte sie auch niemals.

An eine Trennung dachte Vera trotzdem nicht, denn sie bildete sich ein, dass sie ihren Mann trotz allem liebte und auch ohne Sex und körperliche Nähe mit ihm zusammenleben könnte. Schließlich war er ihr bester Freund. Damit tröstete sie sich immer wieder. Und in gewisser Weise stimmte das auch. Er war immer für sie da und kümmerte sich sehr liebevoll um Sophie, nur eben nicht um ihr Bedürfnis nach Nähe und Liebe. Wenn etwas im Haus oder im Garten zu erledigen war, musste sie ihn nicht lange bitten. Er kaufte die Lebensmittel ein, brachte den Müll raus. Manchmal unterhielten sie sich ganz wunderbar. Egal ob Politik, Musik oder Literatur, Stefan war ein aufmerksamer Zuhörer und brillanter Gesprächspartner, solange es nicht um Körperlichkeit oder Gefühle ging. Und war ein zuverlässiger Freund nicht mehr wert als Sex? Dennoch ertappte sie sich immer häufiger dabei, dass sie sich nach anderen Männern sehnte. Sie suchte keine ernsthafte Beziehung, aber sie vermisste das Gefühl, angenommen zu sein, auch mit ihrem Körper. Sie fühlte sich wie eine verdurstende Pflanze, die zum Weiterleben Wasser braucht, dass es ihr immer häufiger in der Seele wehtat und sie drauf und dran war, Dummheiten zu begehen.

Bei einer Betriebsfeier ließ Vera sich dazu hinreißen, einen ihrer Kollegen, Matze Groß, zu küssen. Sie hatte schon früher gemerkt, dass er ihr in der Kantine Blicke zuwarf, auffällig oft ihren Weg kreuzte und versuchte mit ihr ins Gespräch zu kommen. Als sie dann während der Feier zur Toilette ging, stand er plötzlich im Flur, umarmte sie und drückte ihr seine Lippen auf den Mund. Einfach so, ohne ein Wort zu sagen. Seine Umarmung war fest, sein Kuss so voller Leidenschaft, dass Vera fast die Tränen vor Rührung kamen. Er zog sie hinter den Getränkeautomaten und ein Prickeln, das Vera schon viele Jahre nicht mehr gespürt hatte, durchzog ihren Körper. Der Zungenkuss dauerte für Vera eine gefühlte Ewigkeit und Matze hielt sie einfach nur fest an sich gedrückt, ohne nach ihrem Busen oder ihrem Po zu grabschen. Nach diesem Kuss gingen sie getrennt zurück an ihre Tische. Vera fühlte sich überglücklich wie ein verknallter Teenager.

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte eine Kollegin am Tisch. „Bist ja so rot!“

„Seh ich da ein Funkeln in deinen Augen?“, fragte eine andere und musterte sie aufmerksam.

„Du kriegst das Grinsen ja gar nicht mehr aus dem Gesicht! Wen hast du denn auf dem Klo getroffen?“, neckten sie sie weiter.

„Quatsch, gar nichts ist. Mir ist nur warm“, versuchte Vera abzuwiegeln, aber tatsächlich konnte sie nicht aufhören zu lächeln, „das kommt vom Sekt!“

Alles andere blieb ihr Geheimnis. Vera war klar, dass sie als verheiratete Frau so etwas in Zukunft besser bleiben ließ, aber ihre Glückshormone spielten völlig verrückt. Der Verstand schien jäh ausgeschaltet zu sein. Dennoch vertiefte Vera die zart begonnene Beziehung mit Matze nicht. Am Montag nach der Betriebsfeier war ihr der Kuss sehr peinlich und die beiden einigten sich darauf, es vorerst dabei zu belassen, denn auch Matze war in einer festen Beziehung. Sie gaben die Schuld dem Alkohol, der an diesem Abend reichlich geflossen war und sich generell als Sündenbock für alle möglichen Fehltritte und verzwickten Lebenslagen hervorragend eignete. Aber Vera war von da an wie angefixt. Die sinnliche Erfahrung dieses einen leidenschaftlichen Kusses grub sich ihr tief ins Gedächtnis ein, und sie sehnte sich nach mehr.

Auszug aus: „Kakerlaken Schach“ von Meike K.-Fehrmann

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