Der Makel – Erzählung von Meike K.-Fehrmann

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Meike K.-Fehrmann

Der Makel

Mara, ich hätte sie Mara genannt. Oder Felix, vielleicht hätte ich ihn Felix genannt.

Frau Schulz stand alleine am Fenster und ließ ihren Blick durch den Regen über den wolkenverhangenen brandenburgischen Himmel zur Straße hin schweifen. Schon seit einigen Tagen wollte es nicht mehr aufklaren. Die Einfamilienhäuser mit ihren gepflegten Vorgärten standen stramm in Reihe und Glied, unter den Carports präsentierten sich die schicken Neuwagen. Alles auf Pump gekauft, vermutete sie, wie bei ihnen selbst auch. Schnurgerade verlief die Asphaltstraße. Vier Jahre nach der Wende von einem phantasielosen Ingenieur auf dem Reißbrett geplant, mit Zäunen und Hecken, die in den letzten Jahren immer höher geworden waren.

Als Frau Schulz näher an die Scheibe trat, sah sie ihr eigenes Spiegelbild im Dämmerlicht. Die müden Gesichtszüge, die von ihren braunen welligen Haaren eingerahmt wurden. Sie versuchte zu lächeln und ihrem Blick Leben einzuhauchen, doch es gelang ihr nicht. Der Sturm trieb den Regen an die Scheibe und die Tropfen schienen über ihre Wangen zu perlen.

Sie ließ ihre Gedanken kreisen. Ich habe zwei wunderbare Kinder, versuchte Frau Schulz sich selbst aufzumuntern. Darüber kann ich doch wirklich froh sein. Nina wird nächstes Jahr nach dem Abi eine Banklehre beginnen und Tobias, der Jüngere, möchte Automechaniker werden. Sie drehte sich um und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Eine alte Kommode und ein braunes Sideboard waren die einzigen Möbelstücke. Auf dem Sideboard stand ein Barockengelchen aus Porzellan mit roten Pausbäckchen und goldenen Flügeln, das sie einmal beim Wichteln in der Firma zu Weihnachten bekommen hatte. Ansonsten war der Raum vollkommen leer.

Damals, vor zehn Jahren, war die Entscheidung bestimmt richtig gewesen, sagte sich Frau Schulz erneut und seufzte. Ein drittes Kind, wo doch Nina und Tobias endlich aus dem Gröbsten raus waren, hatte überhaupt nicht in ihre Familienplanung gepasst. Als ihre Menstruation ausgeblieben war und ihr der Schwangerschaftstest, den sie in zittrigen Händen gehalten hatte, Gewissheit gegeben hatte, war sie in Tränen ausgebrochen. Ausgerechnet jetzt, wo ihr Leben endlich etwas leichter wurde, die Kinder selbständiger waren und sie endlich abends mit ihren Kolleginnen oder auch mit ihrem Ehemann Herbert wieder ausgehen konnte, hatte sie verzweifelt gedacht. Erst wenige Wochen zuvor hatten sie nach über zehn Jahren Wartezeit den lang ersehnten Trabi bekommen, mit dem sie im Sommer an die Ostsee fahren wollten. Sollten sie noch einmal ganz von vorne anfangen? Mit Windeln wechseln und Babygeschrei in der Nacht? Herbert hatte sie damals in ihrer Meinung bestärkt. Ein weiteres Kind würde alles durcheinanderbringen. Die Plattenbauwohnung, in der sie noch Ende der 80er Jahre gelebt hatten, war schon für vier Personen viel zu eng.

Frau Schulz nahm das Barockengelchen in die Hand und wog es. Es war so leicht und verletzlich. Das Porzellan fühlte sich kalt an. Und glatt wie Haut.

„Es ist doch nur ein Embryo. Ein Zellhaufen, der sich bei dir versehentlich eingenistet hat“, hatte ihre damalige Freundin gesagt. „Dieses Missgeschick lässt sich leicht korrigieren. Das machen doch alle.“ Und tatsächlich war die Angelegenheit dank Erich Honeckers „Geschenk zum Frauentag“ in nur wenigen Minuten erledigt. Herbert hatte sie mit dem nagelneuen Trabi in der Klinik abgeholt. Auch wenn sie noch etwas benommen von der Narkose gewesen war, hatte sie doch Erleichterung verspürt, dass ihr Leben in den geplanten Bahnen weiterlaufen würde. Sie und Herbert verloren nie wieder ein Wort über diese Sache, und sie selbst dachte in den nächsten Jahren kaum mehr daran. Dafür blieb auch gar keine Zeit, denn der Mauerfall brachte so viel Neues mit sich. Sie konnten jetzt Reisen machen, fanden neue Arbeit und verdienten mehr Geld. Vieles schien sich für sie zum Besseren zu wenden.

Als Frau Schulz das Engelchen auf das Sideboard zurückstellen wollte, glitt es ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Verflucht, entfuhr es ihr. Sie bückte sich, um die Porzellanfigur aufzuheben. Nur ein klein wenig Lack war vom goldenen Flügel abgeplatzt. Sicher konnte sie den wieder ankleben. Niemand würde den Makel bemerken.

Vier Jahre nach der Wende hatten sie sich dann endlich ihren großen Traum erfüllt und dieses Haus auf Kredit gekauft. Es war großzügig geschnitten, und jedes Kind bekam ein eigenes Zimmer. Frau Schulz hatte große Freude daran gehabt alles einzurichten.

Nur im ersten Stock, neben den beiden Kinderzimmern und dem Bad, blieb dieser eine Raum übrig, in dem sie nun stand, für den sie keine Verwendung fand. Für ein Arbeitszimmer schien er ihr zu groß, für ein Gästezimmer zu klein. Als Abstellkammer war er zu schade. So war das Zimmer über die Jahre hinweg ungenutzt geblieben, verwaist. Seit absehbar war, dass Nina und Tobias bald ausziehen würden, zog es sie immer häufiger hierher. Dann ergriff sie eine Traurigkeit, so als hätte die Ärztin damals mit der Kürette einen Teil ihrer Seele mit ausgeschabt. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen den Heizkörper. In ihrem Unterleib und ihren Beinen breitete sich Wärme aus. Dennoch fröstelte sie und sie zog die Strickjacke fester um sich herum.

Felix, ich hätte ihn Felix genannt. Oder Mara, vielleicht hätte ich sie Mara genannt.

(Veröffentlicht in „Werkheft Vergeudung“, Kulturkreis Saaldorf-Surheim im April 2018. Alle Rechte liegen bei der Autorin.)

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